St­ein­zeit-Opi mit Cool­ness-Fak­tor

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Aktuell - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Wis­sen­schaft­li­che Sen­sa­tio­nen ha­ben in der brei­ten Öf­fent­lich­keit meist ei­ne be­schränk­te Halt­bar­keit: Geht es ans Klein­klein der For­schungs­ar­beit, er­mü­det das Pu­bli­kum, ver­liert das In­ter­es­se. Dass es in die­sem Fall an­ders war, dürf­te der Mann aus dem Eis dem Wie­ner Jour­na­lis­ten Karl Wendl ver­dan­ken. Der mein­te näm­lich: „Die­se aus­ge­trock­ne­te, gräss­lich an­zu­se­hen­de Lei­che muss po­si­ti­ver, lieb­li­cher wer­den, um dar­aus ei­ne gu­te Sto­ry zu ma­chen“und ver­ehr­te der Mu­mie ih­ren Spitz­na­men: „Öt­zi“. Dank der kum­pel­haf­ten Kom­bi­na­ti­on aus Ye­ti und Ötz­tal mu­tier­te die un­ap­pe­tit­li­che Glet­scher-Mu­mie zum net­ten St­ein­zeit-Opi aus den Al­pen – und wur­de ein Welt­star mit Cool­ness-Fak­tor. Man stel­le sich vor, statt „Öt­zi“hät­te sich „Mann vom Ti­sen­joch“oder „Mu­mie vom Si­mi­laun“eta­bliert. Nie­mals hät­te es Öt­zi-Schnaps, Öt­zi-Piz­za, Öt­zi-Gum­mi­bär­chen oder Öt­zi-Mou­se­pads ge­ge­ben. Vor al­lem aber wür­den wir nicht über den St­ein­zeitMann plau­dern, als ob es sich um ei­nen lie­ben Be­kann­ten han­de­le. Was treibt er ei­gent­lich ein Vier­tel­jahr­hun­dert, nach­dem sein zwei­tes Le­ben be­gann? Öt­zi treibt nicht, er liegt. Und zwar auf Eis im Ar­chäo­lo­gi­schen Mu­se­um in Bo­zen. Echt cool eben.

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