Schwarz­wäl­der Er­fin­der­geist

Mo­dell­bau­träu­me aus Gü­ten­bach: Ge­schich­te der Spiel­wa­ren­fir­ma Fal­ler

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Man­fred Spitz

Ganz am An­fang ste­hen Käm­me – mit fein aus­ge­säg­ten Zäh­nen. In ei­ner Zeit des Man­gels nach dem Krieg set­zen Her­mann und Ed­win Fal­ler auf den Werk­stoff Holz, der ist im Her­zen des Schwarz­wal­des aus­rei­chend vor­han­den. Mit der Pro­duk­ti­on von Käm­men meis­tern sie die Nach­kriegs­wir­ren, doch es soll als­bald krea­ti­ver wer­den. Mit ei­nem schlich­ten Bau­kas­ten be­ginnt 1946 in Gü­ten­bach ei­ne Er­folgs­ge­schich­te, die bis heu­te Bast­ler­träu­me Wirk­lich­keit wer­den lässt. Un­ter­neh­me­ri­sches En­ga­ge­ment, krea­ti­ver En­thu­si­as­mus, gren­zen­lo­se Be­geis­te­rung für Mi­nia­tur­wel­ten: da­mit ha­ben Her­mann und Ed­win Fal­ler – die Ge­brü­der Fal­ler – deut­sche Wirt­schafts­wun­der­ge­schich­te ge­schrie­ben. Mit viel Im­pro­vi­sa­ti­ons­ga­be und Ide­en­reich­tum wer­den erst die Rä­um­lich­kei­ten, dann die nö­ti­gen Ma­schi­nen her­ge­rich­tet. Schwarz­wäl­der Er­fin­der­geist, bis spät in der Nacht brennt in der Fal­ler-Werk­statt Licht. Es wird ge­plant, ent­wor­fen und ge­baut. Seit nun­mehr 70 Jah­ren er­fül­len die Mo­dell­bau­pio­nie­re mit ih­ren fein ge­ar­bei­te­ten Mi­nia­und tu­ren Her­zens­wün­sche der Mo­dell­ei­sen­bah­ner. Idyl­li­sche Berg­hüt­ten und schmu­cke Ein­fa­mi­li­en­häu­ser ent­stam­men eben­so den Fal­ler­schen Mo­dell­bau­werk­stät­ten wie im­po­san­te Hoch­häu­ser und Fa­b­rik­an­la­gen, Aus­schmü­ckungs­tei­le oder Bäu­me. Und Bahn­hö­fe na­tür­lich. Ob groß oder klein, top sty­lish oder historisch an­ge­haucht, „Hin­ter­tup­f­in­gen“, oder „Lin­den­tal“: sie sind von An­fang an Dre­hund An­gel­punkt im Pro­gramm. Ori­gi­nal ver­packt zählt der 1966 vor­ge­stell­te Bahn­hof „Neu­stadt“zu den be­gehr­tes­ten Bau­sät­zen bei Fal­ler-Samm­lern. Mit sei­nem Preis von 12,75 Mark ist der „B-111“da­mals nicht nur die teu­ers­te Bahn­sta­ti­on im Sor­ti­ment – mit ei­ner Län­ge von 53 Zen­ti­me­tern lässt er auch al­le an­de­ren Mo­del­le hin­ter sich. Hand­werk­li­che Ar­beit par ex­cel­lence, die­ser Ein­druck ent­steht auf An­hieb, wenn der Blick auf die Krea­tio­nen der ers­ten Fal­lerPro­gramm­jah­re fällt. Her­ge­stellt aus ei­nem Mix aus Holz (Kunst­stoff hielt erst spä­ter Ein­zug), ge­färb­ten Sä­ge­spä­nen und – wenn’s der Ori­gi­na­li­tät di­ent – mit klei­nen Kie­sel­stei­nen auf dem Dach des Al­pen­hau­ses. Eben mit al­lem, was der Schwarz­wald rings um das über 800 Me­ter hoch ge­le­ge­ne Gü­ten­bach zu bie­ten hat. Mit der Zeit er­hal­ten die Bau­sät­ze im­mer mehr De­tails – und da­mit auch mehr Le­bens­nä­he. Und: gras­grü­nes Streu­gut, so sim­pel er­dacht, re­vo­lu­tio­niert die ge­stal­te­ri­schen Mög­lich­kei­ten der Mi­nia­tur­welt. Mit im­mer neu­em Gestal­tungs­zu­be­hör eb­net Fal­ler den Weg der Mo­dell­bahn vom prag­ma­ti­schen Schie­nen­kreis auf dem Wohn­zim­mer­tep­pich zur de­tail­reich mo­del­lier­ten Ei­sen­bahn-Fan­ta­sie­land­schaft. Die „Wirk­lich­keit“auf ei­ner Tisch­plat­te, Land­schaf­ten ganz nach dem Ge­schmack ih­rer Er­bau­er: da­mit schaf­fen die Ge­brü­der Fal­ler nach dem Zwei­ten Welt­krieg ei­nen Bil­der­buch-Auf­stieg. Die Welt wan­delt sich, neue fas­zi­nie­ren­de Fa­cet­ten tun sich auf, in der Ar­chi­tek­tur, im All­tags­le­ben und in Sa­chen Mo­bi­li­tät. Das al­les ver­än­dert auch die Mo­dell­welt. High­tech-Zü­ge fah­ren an mo­der­nen Bau­wer­ken vor­bei. Neu­ar­ti­ge Zu­satz­funk­tio­nen brin­gen im­mer mehr Dy­na­mik und Ef­fek­te ins (Mo­dell­bahn)spiel. Längst setzt man im Schwarz­wald ne­ben dem klas­si­schen Ge­bäu­de­bau ver­stärkt auf spe­zi­el­le The­men­wel­ten in­no­va­ti­ve Steue­rungs- be­zie­hungs­wei­se Be­leuch­tungs­tech­no­lo­gi­en. Heu­te hat Fal­ler 91 Mit­ar­bei­ter, rund 1,2 Mil­lio­nen Bau­sät­ze ver­las­sen die Gü­ten­ba­cher „Mo­dell­werk­stät­ten“pro Jahr. Im gera­de er­schie­ne­nen Buch „Fal­ler – Klei­ne Welt ganz groß“lässt Au­tor Ul­rich Bie­ne die Ge­schich­te des Fa­mi­li­en­be­trie­bes le­ben­dig wer­den. Vie­le ori­gi­na­le Wer­be­fo­tos und Ab­bil­dun­gen zeit­ge­nös­si­scher Ver­pa­ckun­gen so­wie der be­lieb­ten Fal­ler-Ka­ta­lo­ge wur­den da­für zu­sam­men­ge­tra­gen. Au­ßer­dem Di­ora­men mit den High­lights aus der Fal­lerPro­duk­ti­on kom­plett neu fo­to­gra­fiert. Ob Mo­dell­bahn-Häu­schen, Hit-Cars aus den Flo­wer-Po­wer-Jah­ren oder die Au­to­renn­bahn AMS, die 1963 für ei­ne Re­vo­lu­ti­on im Spiel­zeu­g­re­gal sorg­te: Ent­stan­den ist ei­ne be­geis­tern­de Chro­no­lo­gie der Fal­ler-Mei­len­stei­ne. Ei­ne Er­folgs­ge­schich­te, die 1946 mit ei­nem schlich­ten Bau­kas­ten im Her­zen des Schwarz­wal­des be­gann.

Bahn­hof „Neu­stadt“bei den Samm­lern be­gehrt

Re­vo­lu­ti­on im Spiel­wa­ren­re­gal: Die „mo­to­ri­sier­te“Au­to­stra­ße zur Mo­dell­bahn (Fal­ler AMS) kam 1963.

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