Nick Ca­ve: Neue CD nach dem Tod sei­nes Soh­nes

Nick Ca­ve hat der Ka­ta­stro­phe sei­nes Le­bens ein Al­bum und ei­nen Film ge­wid­met

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Wer­ner Her­pell

Schwe­re Kost ist für die Fans von Nick Ca­ve nichts Un­ge­wohn­tes. Sein Rin­gen mit Gott und Teu­fel, Mör­der­bal­la­den, Ge­walt­fan­ta­si­en, wüs­te Lie­bes­dra­men – al­les schon mal da ge­we­sen in den Tex­ten des Rock­poe­ten, seit 30 Jah­ren an­ge­mes­sen düs­ter ver­tont von der Be­gleit­band The Bad Seeds. Nun kon­fron­tiert der Aus­tra­li­er sei­ne Zu­hö­rer mit dem Schlimms­ten, was ei­ner Mut­ter oder ei­nem Va­ter pas­sie­ren kann: dem frü­hen Tod des ei­ge­nen Kin­des. Der Sin­ger-Song­wri­ter als Schmer­zens­mann – ei­ne neue Her­aus­for­de­rung auch für hart­ge­sot­te­ne Ca­ve-Ver­eh­rer. Aber ei­ne loh­nen­de. „Ske­le­ton Tree“ist ein wah­res Mo­nu­ment der Trau­er, ein Al­bum von atem­be­rau­ben­der Wucht – ge­wis­ser­ma­ßen das Ge­gen­stück zu Da­vid Bo­wies Ab­schied mit „Black­star“im Ja­nu­ar. Wäh­rend der krebs­kran­ke Bri­te sich im Ster­ben noch sie­ben letz­te, gran­dio­se Songs ab­rang, ver­ar­bei­tet Ca­ve den töd­li­chen Sturz sei­nes 15-jäh­ri­gen Soh­nes Ar­thur von ei­ner Klip­pe bei Brigh­ton vor gut ei­nem Jahr mit acht ähn­lich in­ten­si­ven Lie­dern. Der Un­fall ge­schah wäh­rend der Auf­nah­men zum 16. Al­bum der Band – er ver­än­der­te „Ske­le­ton Tree“, den Nach­fol­ger des meis­ter­li­chen „Push The Sky Away“(2013), dras­tisch. Oft sind es Kla­ge­ge­sän­ge ganz oh­ne er­lö­sen­de Re­frains wie im er­schüt­tern­den „I Need You“, das di­rekt an den Sohn ge­rich­tet zu sein scheint. „Je­sus Alo­ne“ist ei­nes die­ser für Ca­ve so ty­pi­schen, zwei­felnd-hoff­nungs­vol­len Son­gGe­be­te. In „Dis­tant Sky“lässt sich der dem Punk der 80er Jah­re längst ent­wach­se­ne Ba­ri­ton­sän­ger von El­se Torps über­na­tür­lich zar­tem So­pran be­glei­ten, der dem Lied ei­nen tröst­li­chen Gos­pelTouch ver­leiht. Und das Ti­tel­stück ist schlicht und er­grei­fend (hier passt die Phra­se ein­mal) der schöns­te Song, den Nick Ca­ve in sei­nem fast 59-jäh­ri­gen Le­ben je ge­schrie­ben hat. The Bad Seeds, die­se zu groß­ar­ti­gem Krach fä­hi­gen Mu­si­ker um den kon­ge­nia­len Ar­ran­geur und Mul­ti­in­stru­men­ta­lis­ten War­ren El­lis, hal­ten sich auf „Ske­le­ton Tree“so weit im Hin­ter­grund wie sel­ten. Lie­be­voll un­ter­ma­len sie die aus Ca­ve her­aus­spru­deln­den Text­flu­ten: Akus­ti­sche Gi­tar­re, de­zen­tes Schlag­zeug, hier und da ein be­ru­hi­gen­der Bass­lauf, El­lis’ So­lo-Vio­li­ne, Ca­ves Kla­vier – viel mehr braucht es nicht, um die teils recht kur­zen Lie­der zum Klin­gen zu brin­gen. Schwer zu sa­gen, wie die Songs oh­ne den tra­gi­schen Tod von Ar­thur Ca­ve ge­klun­gen hät­ten – bes­ser wohl kaum, auch wenn dies nicht ein­mal ein schwa­cher Trost ist. Nick Ca­ve wuss­te nach der Fer­tig­stel­lung des in En­g­land und Frank­reich auf­ge­nom­me­nen Al­bums so­fort, dass er nun nicht auf die üb­li­che Ver­mark­tungs­tour mit In­ter­views und Kon­zer­ten ge­hen konn­te. Al­so gab er bei ei­nem nicht all­zu en­gen Freund, dem Re­gis­seur And­rew Do­mi­nik, den Do­ku­men­tar­film „One Mo­re Ti­me With Fee­ling“in Auf­trag, der nur an ei­nem Tag (8. Sep­tem­ber) in aus­ge­wähl­ten Ki­nos ge­zeigt wer­den soll­te, um die Plat­te zu prä­sen­tie­ren und auch zu er­klä­ren. Das zwei­stün­di­ge „Ma­king-of“ist ein Kunst­werk für sich, über­wie­gend in Schwar­zWeiß und durch­ge­hend in 3-D-Op­tik, mit sie­ben der acht neu­en Songs, Auf­nah­me­stu­diound In­ter­view-Sze­nen. Die be­rüh­rends­te zeigt Ca­ve und sei­ne Ehe­frau Su­zie, die ein Ge­mäl­de ih­res to­ten Soh­nes zei­gen – und ir­gend­wann vor der Ka­me­ra ver­stum­men, um sich an­ein­an­der fest­zu­hal­ten. „Die Leu­te sa­gen, er lebt in un­se­ren Her­zen wei­ter“, sagt der Sän­ger. „Ja, er ist in mei­nem Her­zen. Aber er lebt nicht mehr.“So­wohl mit Do­mi­niks Film als auch mit sei­nem wun­der­ba­ren neu­en Al­bum zeigt Nick Ca­ve, wie man den Tod des ei­ge­nen Kin­des künst­le­risch ver­ar­bei­ten kann, oh­ne das trau­ma­ti­sche Er­eig­nis aus­zu­beu­ten. Wer die­sen Sin­ger-Song­wri­ter bis­her nicht zu den größ­ten sei­ner Zeit ge­zählt hat­te, soll­te spä­tes­tens jetzt um­den­ken.

In sei­nem neu­en Al­bum „Ske­le­ton Tree“ver­ar­bei­tet Nick Ca­ve den Un­fall­tod sei­nes 15-jäh­ri­gen Soh­nes Ar­thur, der von ei­ner Klip­pe ge­stürzt ist. Fo­to: avs

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