Die Re­gi­on

Fal­ko Tra­ber: Ein Le­ben auf dem Hoch­seil

Der Sonntag (Mittelbaden) - - ERSTE SEITE - Eli­sa Mie­bach

Für Fal­ko Tra­ber ist al­les Kopf­sa­che. Ob er zu Fuß über ein in gro­ßer Hö­he ge­spann­tes Seil läuft oder auf ei­nem Motorrad die­sen Weg zu­rück­legt: „Angst spielt sich im Kopf ab, und dort sitzt auch der Schal­ter, den man um­le­gen muss, um nicht in Pa­nik zu ver­fal­len“, sagt der Mann aus Brei­sach bei Frei­burg. „Wenn man ans Fal­len denkt, fällt man.“Der Hoch­seil­ar­tist mit den leicht ge­lock­ten grau­brau­nen Haa­ren und dem dich­ten Schnurr­bart steht seit mehr als 50 Jah­ren auf dem Draht­seil. Rund 320 Auf­trit­te an 160 Ver­an­stal­tungs­ta­gen meis­tert er nach ei­ge­nen An­ga­ben in ei­nem Jahr. Tra­ber ist Teil der über­re­gio­nal be­kann­ten Ar­tis­ten­fa­mi­lie, die ih­re Ge­schich­te nach ei­ge­nen An­ga­ben bis zum Jah­re 1512 zu­rück­ver­fol­gen kann. Da­mals soll ein Land­vogt im El­sass ei­nem Jo­seph Tra­ber die Er­laub­nis er­teilt ha­ben, als Hoch­seil­ar­tist durch die Lan­de zu zie­hen. „Of­fi­zi­ell und oh­ne Un­ter­bre­chun­gen steht un­se­re Fa­mi­lie seit 1799 auf dem Hoch­seil“, sagt Tra­ber. Er und sei­ne zwei Söh­ne sind mitt­ler­wei­le die ein­zi­gen noch ak­ti­ven Tra­ber-Ar­tis­ten. Der 56-Jäh­ri­ge ist stets oh­ne Si­che­rung un­ter­wegs: „Das macht ei­nen ech­ten Künst­ler aus“, sagt Tra­ber. Er ist über­zeugt, dass er mit Si­che­rung un­kon­zen­trier­ter, ein Sturz da­mit wahr­schein­li­cher wä­re. „So ist man sich der Ge­fahr be­wusst, man spürt das ech­te Le­ben und merkt, wie man am Le­ben hängt.“Da­durch wür­de er ge­ne­rell be­wuss­ter le­ben und je­den Tag als Ge­schenk se­hen. Auch sei­ne Ar­beit sieht er als Er­fül­lung und Ge­schenk: „Ich mach das nie zum Scherz und auch nicht, um et­was zu be­wei­sen.“Na­tür­lich sei­en die Be­geis­te­rung des Pu­bli­kums und der Ap­plaus wich­ti­ge Be­kräf­ti­gun­gen sei­ner Ar­beit. Aber der Ruhm ge­büh­re der Fi­gur auf dem Seil, die er dar­stel­le, nicht ihm selbst. Er liebt es, das Pu­bli­kum zu fas­zi­nie­ren, so Tra­ber. Doch was er wirk­lich zei­gen wol­le, sei, wo­zu Men­schen fä­hig sein kön­nen und wie man die mensch­li­che Angst über­win­den kann. Doch die Ar­beit ist nicht frei von Rück­schlä­gen. Vor zehn Jah­ren stürz­te Tra­bers Nef­fe, Jo­hann Tra­ber ju­ni­or, vom Seil in die Tie­fe, als ein Mast um­knick­te. Er über­leb­te schwer ver­letzt. „Das war sehr schlimm für uns al­le“, er­zählt Fal­ko Tra­ber: „Doch auf­hö­ren konn­te ich nicht, und um den Schock zu über­win­den, wuss­te ich, ich muss so­fort wie­der aufs Seil.“Zehn Jah­re zu­vor hat­te er be­reits den töd­li­chen Sturz sei­nes Ar­tis­ten- Part­ners Lutz Schrey­er er­lebt. Auch da­mals konn­te und woll­te Tra­ber nicht ans Auf­hö­ren den­ken. Mitt­ler­wei­le hält er auch Vor­trä­ge über Mo­ti­va­ti­on und den Um­gang mit der Angst. „Nicht nur auf dem Seil ist Ba­lan­ce hal­ten wich­tig“, sagt der Künst­ler. Na­tür­lich müs­se man je­de Even­tua­li­tät be­ach­ten und dür­fe sich nicht un­nö­tig in Ge­fahr brin­gen. Trotz­dem müs­se man auf sich selbst ver­trau­en und po­si­tiv den­ken. Die­se Ein­stel­lung möch­te er auch an sei­ne bei­den Söh­ne wei­ter­ge­ben. Wie er selbst wur­den die bei­den zu ih­rer Tau­fe mit fünf Mo­na­ten in ei­nem Körb­chen über das Seil ge­tra­gen. „Für mich kam kein an­de­rer Be­ruf in­fra­ge“, sagt Fer­nan­do Tra­ber, mit 18 Jah­ren der jüngs­te ak­ti­ve Spross der Tra­bers. Fal­ko Tra­ber stand wie sein Sohn mit fünf Jah­ren zum ers­ten Mal auf dem Seil. Seit­dem fuhr er mit dem Fahr­rad von Kirch­turm zu Kirch­turm über den Rhein, über­quer­te die Zug­spit­ze mit dem Fahr­rad auf ei­nem Draht­seil und stell­te nach ei­ge­nen An­ga­ben zu Fuß und mit dem Motorrad vier Welt­re­kor­de auf. Auch sei­ne Frau hei­ra­te­te er im Motorrad auf dem Draht­seil – trotz ih­rer Hö­hen­angst. Fal­ko Tra­ber sagt, das Le­ben und Ge­schäft ei­nes Hoch­seil­ar­tis­ten ha­be sich mit der Zeit ver­än­dert – ge­ra­de durch das In­ter­net. Auf der ei­nen Sei­te wer­de er nun leich­ter auch welt­weit ge­bucht, schon in mehr als 40 Län­dern sei er auf­ge­tre­ten. Auf der an­de­ren Sei­te lei­de manch­mal der per­sön­li­che Kon­takt mit dem Ver­an­stal­ter. Er ge­he dort hin, wo sei­ne Ar­beit wert­ge­schätzt wer­de. Die Fas­zi­na­ti­on, die von Ar­tis­tik in gro­ßer Hö­he aus­ge­he, sei un­ge­bro­chen. Tra­ber trat kürz­lich im Ei­fel­park in Rhein­land-Pfalz auf. Die Ver­an­stal­ter dort er­in­nern sich gern an ihn. „Die Hoch­seil-Show ist sehr gut an­ge­kom­men“, sagt Spre­che­rin Ju­dith Hol­hau­sen: Akro­ba­tik auf dem Hoch­seil spre­che Kin­der eben­so an wie Er­wach­se­ne. Tra­ber will wei­ter ak­tiv blei­ben, aber auch ein Buch schrei­ben – Ar­beits­ti­tel: „Das gan­ze Le­ben – ein Draht­seil­akt“.

Fo­tos: avs

Mo­tor­rad­fah­ren mal ganz an­ders: Hoch­seil­ar­tist Fal­ko Tra­ber fährt im Ei­fel­park Gon­dorf (Rhein­land-Pfalz) in 35 Me­tern Hö­he über ein Seil. Ge­si­chert ist er nie.

Fal­ko Tra­ber ba­lan­ciert auf ei­nem Draht­seil, wäh­rend Ar­tis­tin So­phia die Ba­lan­cestan­ge hält.

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