Brie­fe an Gott

Zu­sätz­lich zur Ve­sper­kir­che gibt es in Karls­ru­he jetzt noch das Ca­fé DIA

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - In­grid Voll­mer

Die Ve­sper­kir­che in der Karls­ru­her Süd­stadt hat ei­ne Schwes­ter be­kom­men: das Ca­fé DIA. Mitt­wochs und frei­tags gibt es vor­mit­tags im Vor­raum der Jo­han­nis­kir­che hei­ße Ge­trän­ke und selbst ge­ba­cke­ne Ku­chen, of­fe­ne Oh­ren und Hil­fe. Pfar­re­rin La­ra Pflaum­baum und Die­ter Eger, eh­ren­amt­li­cher Pro­jekt­lei­ter der Ve­sper­kir­che, be­grü­ßen mit ih­rem Team bis zu 35 „Rand­stän­di­ge“zu ei­ner Tas­se Kaf­fee am Wer­der­platz. Die meis­ten oh­ne Sucht­pro­ble­ma­tik, aber den­noch nicht sel­ten pro­blem­be­la­den. Auch Pi­cas­so, Wer­der­platz­be­su­cher und Süd­stadt­künst­ler, sitzt heu­te vor ei­ne Tas­se damp­fen­den Kaf­fees. Er ist nicht nur Gast. Pi­cas­so, wie der ge­bür­ti­ge Ru­mä­ne ge­nannt wird, hat am ers­ten Pro­jekt des Ca­fé DIA mit­ge­wirkt. Ge­mein­sam mit der Süd­stadt­künst­le­rin Gu­drun Roth und Pas­san­ten hat er das me­ter­lan­ge Ban­ner samt Ca­fé-DIALo­go be­malt, das jetzt an der Kir­che hängt. Blu­men in Rot, sei­ner Lieb­lings­far­be, sind dar­auf zu se­hen. Pi­cas­so hat aber auch Ide­en an­de­rer um­ge­setzt. „Man­cher kam und sag­te, ich will dies oder das ma­len. Dann hab ich Um­ris­se ge­malt, und er durf­te das aus­ma­len“, sagt er. So ent­stan­den auch Teu­fel und En­gel, die das Ban­ner zie­ren und man­chen Kir­chen­na­hen be­frem­den mö­gen. Wirk­lich kir­chen­nah sind we­ni­ge Be­su­cher des Ca­fé DIA. Trotz­dem ist es am Frei­tag be­son­ders voll, wenn Pfar­re­rin Pflaum­baum ei­ne „bo­den­stän­di­ge And­acht“, wie sie es selbst nennt, mit Ein­zel­seg­nung hält. „Die Ca­fé-Be­su­cher dür­fen ei­nen Brief an Gott schrei­ben und in ei­nen Brief­kas­ten wer­fen“, sagt sie. „Die­se Brie­fe fin­den Ein­gang in die And­acht.“La­ra Pflaum­baum hält die Hän­de der Be­su­cher und seg­net sie. „Das wol­len die Leu­te und da­nach kommt man auch oft ins Ge­spräch.“Für Ge­sprä­che ist auch das Ca­féUm­kreis DIA-Team, das zu gro­ßen Tei­len aus Eh­ren­amt­li­chen der Ve­sper­kir­che be­steht, da. Wer Hil­fe sucht und an­nimmt, fin­det die­se auch im Hin­ter­haus der Kir­che in ver­schie­de­nen Be­ra­tungs­stel­len. 80 Eh­ren­amt­li­che sind für das Ca­fé im Ein­satz und sor­gen vom The­ken­dienst über Ku­chen­ba­cken, Or­ga­ni­sa­ti­on und Ge­sprächs­an­ge­bo­ten für al­les. Chris­ti­ne We­ber ist ei­ne von de­nen, die ein of­fe­nes Ohr ha­ben. „Hier kann man ein­fach di­rekt hel­fen“, sagt sie, „und im Ca­fé ist das noch viel eher mög­lich, als in der Ve­sper­kir­che mit bis zu 400 Be­su­chern täg­lich.“Oft­mals, so hat sie er­fah­ren, ge­nügt es, den Men­schen ein­fach nur zu­zu­hö­ren oder Hil­fen für den All­tag an­zu­bie­ten. So kommt re­gel­mä­ßig ei­ne 90-Jäh­ri­ge aus Neu­reut mit dem Fahr­rad ins Ca­fé DIA in die Süd­stadt. „Sie hat­te ei­nen Platt­fuß und such­te Hil­fe, weil das Geld nicht für den Fahr­rad­la­den reich­te“, er­in­nert sich die 54jäh­ri­ge Blan­ken­lo­che­rin. An­de­re ha­ben viel­schich­ti­ge­re Sor­gen. Hei­di Barth und Ga­b­rie­le Jäntsch hin­ter der Ku­chen­the­ke sind eben­falls kei­ne Süd­städ­te­rin­nen. Die Knie­lin­ge­rin und die Neu­reu­te­rin sind auch Ve­sper­kir­chen-Hel­fe­rin­nen und ha­ben für je­den Be­su­cher ein Lä­cheln und ein freund­li­ches Wort. Das Ca­fé DIA zieht Be­su­cher und Hel­fer aus dem ge­sam­ten an. So ge­nießt Michae­la aus Dur­lach ge­ra­de ein Stück Zwetsch­gen­ku­chen. Sie ist mit ih­rem Le­bens­ge­fähr­ten Bern­hard in die Süd­stadt ge­kom­men, „weil ich mich freue, hier so vie­le Leu­te zu tref­fen. Ich kann hel­fen und be­kom­me Hil­fe, wenn ich sie brau­che“. Hin­ter den bei­den sitzt ei­ne Mut­ter mit Kind, die eben auf der Ein­kaufs­tour zu­fäl­lig vor­bei­ge­kom­men ist und das An­ge­bot, das nicht völ­lig kos­ten­frei ist, nut­zen woll­te. Ihr Stück Ku­chen isst sie ne­ben de­nen, die sich hier täg­lich rund um den Brun­nen ein­fin­den. Auch Sa­scha aus der Süd­stadt schaut kurz mal vor­bei. Er er­zählt ger­ne, dass er ei­gent­lich das Dou­ble von Brad Pitt ist. Au­ßer Klei­dung, Tat­toos und Pier­cings hat er tat­säch­lich Ähn­lich­keit mit dem Welt­star. Doch ganz egal ob Sa­scha, Michae­la oder Pi­cas­so – sie al­le möch­ten mehr als Kaf­fee und

„Pi­cas­so“wirk­te am ers­ten Pro­jekt mit

Ku­chen. Da­für sorgt auch die Künst­le­rin Gu­drun Roth, die wei­te­re Mal­pro­jek­te mit den Leu­ten rund um den Wer­der­platz und im Ca­fé plant. „Sol­che Ak­tio­nen sind ein An­zie­hungs­punkt. Da kom­men vie­le vor­bei, schau­en, ma­chen mit und ge­hen ins Ca­fé“, sagt sie. Ganz im Sin­ne von Pfar­re­rin La­ra Pflaum­baum, die möch­te, dass „die Men­schen nicht nur ver­sorgt wer­den, son­dern auch et­was tun“. Auch Pi­cas­so hat die ers­te Ca­fé-DIA-Ma­lak­ti­on Spaß ge­macht. Nicht oh­ne Stolz schaut er auf das Ban­ner überm Kir­chen­por­tal, auf dem er sich mit vie­len an­de­ren Süd­städ­tern zu­sam­men in fröh­li­chen Far­ben ver­ewigt hat.

„Hier kann ich hel­fen und be­kom­me Hil­fe“

DIA lei­tet sich von der grie­chi­schen Prä­po­si­ti­on „durch“ab und be­deu­tet im über­tra­ge­nen Sinn, dass die Be­su­cher durch das Ca­fé et­was er­hal­ten, was sie vor­an­bringt – die zwei­te Be­deu­tung ist die An­leh­nung an die Dia­ko­nie.

Fo­tos: Voll­mer

Al­les so schön bunt hier: Auf die Gäs­te im Ca­fé DIA freu­en sich (von links) Haus­meis­ter Ge­rald Frieds­mann, Pfar­re­rin La­ra Pflaum­baum, Künst­le­rin Gu­drun Roth, Pro­jekt­lei­ter Die­ter Eger und Süd­stadt­künst­ler Pi­cas­so.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.