„Deutsch­lands höchs­ter Post­bo­te“

An­dre­as Obe­r­au­er ar­bei­tet in der Post-Fi­lia­le auf der Zug­spit­ze

Der Sonntag (Mittelbaden) - - SONNTAGSKINDER - Tan­ja Ka­sisch­ke

An­dre­as Obe­r­au­er (50) hat ei­nen span­nen­den Be­ruf: Als Zu­stel­ler bei der Post ist er zu­stän­dig für die höchst­ge­le­ge­ne Post­fi­lia­le Deutsch­lands auf der Zug­spit­ze. Der höchs­te Berg Deutsch­lands in den baye­ri­schen Al­pen ist 2962 Me­ter hoch. Sei­nen Ar­beits­platz er­reicht An­dre­as Obe­r­au­er mit ei­ner Seil­bahn. Brie­fe und Pa­ke­te für die Men­schen, die auf dem Gip­fel in Ho­tels, Re­stau­rants oder der Wet­ter­sta­ti­on ar­bei­ten, nimmt er aus dem Tal gleich mit. Die Zug­spit­ze hat so­gar ei­ne ei­ge­ne Post­leit­zahl, die 82475. Wer von dort Brie­fe ab­sen­det und ei­ni­ges mehr, ver­riet er im In­ter­view.

Bei mir stand von An­fang an fest, dass ich in die Fuß­stap­fen mei­nes Va­ters tre­te.

Die Fra­gen ha­be ich im­mer mit „Mein Va­ter ist der höchs­te Post­be­am­te in Deutsch­land“schmun­zelnd be­ant­wor­tet. Seit En­de der 1970er Jah­re war er je­den Tag aus­schließ­lich auf der Zug­spit­ze mit der von Sen­dun­gen und dem Di­enst in der Fi­lia­le be­schäf­tigt.

Brie­fe ha­be ich schon ab und zu ge­schrie­ben, wenn, dann doch eher an Brief­freun­din­nen, und oft ha­be ich die­se Brie­fe auch noch selbst zu­ge­stellt.

Ich ste­he ge­gen 5 Uhr auf, ab­sol­vie­re mei­nen Früh­sport und neh­me dann ein aus­ge­dehn­tes Früh­stück zu mir. Um 6.30 Uhr ver­las­se ich das Haus und fah­re zum Zu­stell­stütz­punkt, wo al­le Post­bo­ten ih­re Sen­dun­gen für die Zu­stel­lung in Gar­mi­schPar­ten­kir­chen und Um­ge­bung vor­be­rei­ten. Da­nach fah­re ich mit ei­nem VW-Bus los und stel­le Brie­fe und Pa­ke­te in Grainau zu. Dort lee­re ich auch Brief­käs­ten. Je nach Wo­chen­tag bin ich zwi­schen 9.30 und 11 Uhr bei der Tal­sta­ti­on in Grainau, von wo die Gon­del auf den Berg fährt. Ich fah­re mit den Tou­ris­ten ganz nor­mal in der glei­chen Gon­del mit, es gibt da kei­ne Ex­tra­wurst für den Post­bo­ten. Oft wer­de ich von den Mit­fah­ren­den ge­fragt, ob ich das je­den Tag ma­chen darf.

In den Som­mer­mo­na­ten häu­fen sich die Sen­dun­gen na­tür­lich we­gen der Fe­ri­en, an man­chen Ta­gen ha­be ich 2 500 Post­kar­ten, die ich mit dem be­son­de­ren Zug­spitzstem­pel stemp­le. Auch nimmt die An­zahl der Päck­chen und Pa­ke­te ste­tig zu. Le­dig­lich in den Win­ter­mo­na­ten ist es et­was ru­hi­ger.

Die Post hat ei­ne werk­täg­li­che Zu­stell­pflicht, die gilt auch für mich. Die Emp­fän­ger auf der Zug­spit­ze war­ten ja auf ih­re Sen­dun­gen oder wol­len ih­re Brie­fe und Pa­ke­te ein­lie­fern. So bin ich wirk­lich je­den Tag auf dem Berg.

Ein klei­ner Raum mit Stem­pel­tisch und Kas­se, ein Schrank, Re­ga­le, ein Stuhl, Te­le­fon, Com­pu­ter, Durch­reich­fens­ter zum Kun­den. Die Zug­spitz­fi­lia­le ist mit ih­rer Öff­nungs­zeit in mei­ne Zu­stell­tour in­teZu­stel­lung griert. An den ers­ten bei­den Wo­chen­ta­gen ha­be ich je­weils ei­ne St­un­de ge­öff­net, den Rest der Wo­che je­weils ein­ein­halb St­un­den. Nach dem Fi­li­al­dienst geht die Zu­stel­lung un­ten im Ort Grainau für mich wei­ter.

In der Haupt­sa­che sind es Tou­ris­ten aus al­ler Welt. Da­zu kom­men die Gas­tro­no­mie, al­le In­sti­tu­tio­nen auf dem Berg und de­ren An­ge­stell­te. Auch Phil­ate­lis­ten kom­men im­mer wie­der auf der Jagd nach dem be­son­de­ren Zug­spitzstem­pel. Übers Jahr be­su­chen mehr als 500 000 Gäs­te die Zug­spit­ze, und vie­le da­von kom­men auch zu mir in die Fi­lia­le. Im Ur­laub ver­tritt mich ei­ner mei­ner Kol­le­gen und krank war ich noch nie!

Ja si­cher, et­wa an mei­nen ehe­ma­li­gen Kol­le­gen Fiet­je Nis­sen auf der Hal­lig Lan­gen­ess. Er war bis zum Ru­he­stand Deutsch­lands „nied­rigs­ter“Post­bo­te und stell­te die Post auf den Hal­li­gen im Wat­ten­meer der Nord­see zu.

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