Mehr Zeit für die Fa­mi­lie

Für Chris­ti­na Obergföll hat ein neu­es Le­ben be­gon­nen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - ERSTE SEITE - In­ter­view: Man­fred Spitz

Im In­ter­view mit dem SONN­TAG blickt die ehe­ma­li­ge Speer­wer­fe­rin aus Of­fen­burg in die Ver­gan­gen­heit und in die Zu­kunft

Ge­ra­de mal ei­nen Mo­nat ist es her, dass Speer­wer­fe­rin Chris­ti­na Obergföll mit ei­nem emo­tio­na­len Sieg beim ISTAF in Ber­lin den per­fek­ten Schluss­punkt ih­rer lan­gen und er­folg­rei­chen Kar­rie­re ge­setzt hat­te – dann über­schlu­gen sich die Er­eig­nis­se noch ein­mal. Erst er­hielt die 35-jäh­ri­ge Of­fen­bur­ge­rin nach­täg­lich die Sil­ber­me­dail­le von den Olym­pi­schen Spie­len 2008 in Pe­king, dann ge­hör­te sie zu den Op­fern der Ha­cker-An­grif­fe auf die Welt-An­ti-Do­pingA­gen­tur. Bei­des nahm die ehe­ma­li­ge Welt­meis­te­rin ge­las­sen – und freut sich nun nach über zehn Jah­ren in der Welt­spit­ze „auf mein Le­ben nach dem Leis­tungs­sport“, wie sie im Ge­spräch mit dem SONN­TAG ver­rät. Weil die Rus­sin Ma­ria Aba­ku­mo­wa bei Nach­tests des Do­pings über­führt und dis­qua­li­fi­ziert wor­den ist, gab’s jetzt mit acht­jäh­ri­ger Ver­spä­tung Olym­pia­Sil­ber von 2008. So rich­tig groß war die Freu­de dar­über aber gar nicht.

Chris­ti­na Obergföll: Ich hat­te ja mei­ne Me­dail­le und mei­nen Mo­ment auf dem Po­dest. Wä­re ich vom vier­ten auf den Bron­zerang ge­kom­men, hät­te das an­ders aus­ge­se­hen. Oder von Sil­ber zu Gold, das wä­re auch hef­tig ge­we­sen. Mir tut viel mehr die Viert­plat­zier­te Bri­tin Gol­die Say­ers leid. Ihr wur­de ei­ni­ges ge­nom­men. Für mich hat das jetzt mehr sym­bo­li­schen Wert. Ob ich mit der Sil­ber­me­dail­le mehr Spon­so­ren be­kom­men hät­te, das ist hy­po­the­tisch. Die Deut­sche Sport­hil­fe hat nach­träg­lich noch 2 500 Eu­ro über­wie­sen – das ist doch ein schö­nes Ur­laubs­geld.

We­ni­ger an­ge­nehm ist der Ha­cker-An­griff auf die Welt-An­ti-Do­ping-Agen­tur (WA­DA). Durch den Da­ten-Klau sind me­di­zi­ni­sche Da­ten von welt­weit bis­her über 100 Ath­le­ten mit Son­der­ge­neh­mi­gun­gen der WA­DA öf­fent­lich ge­macht ge­wor­den. Auch ihr Na­me taucht auf ei­ner Lis­te auf. Sie sind als kon­se­quen­te Kämp­fe­rin für sau­be­ren Sport be­kannt, wie sehr hat Sie die­ser „An­griff“ge­trof­fen?

Obergföll: Das war zwei Ta­ge nach dem nach­träg­li­chen Olym­pia-Sil­ber. Ich hab ge­dacht: das gibt’s nicht. Mich hat mor­gens die NA­DA (Na­tio­na­le An­ti-Do­ping-Agen­tur, d. Red.) in­for­miert und ih­re Un­ter­stüt­zung zu­ge­sagt. Das war der ers­te An­ruf von der NA­DA wäh­rend mei­ner ge­sam­ten Kar­rie­re. Na­tür­lich fin­de ich das Gan­ze nicht toll, weil das per­sön­li­che Un­ter­la­gen sind, die ei­gent­lich nie­man­den et­was an­ge­hen. An­de­rer­seits ha­be ich nichts zu ver­ber­gen. Es war ei­ne ge­neh­mig­te Me­di­ka­men­ten­ein­nah­me, ord­nungs­ge­mäß bei der NA­DA an­ge­mel­det. Man muss ganz klar un­ter­schei­den zwi­schen schmerz­lin­dern­den und leis­tungs­för­dern­den Mit­teln. Es ist scha­de, dass man­che Leu­te sol­che Din­ge in den fal­schen Hals be­kom­men.

Wor­um ging es bei Ih­nen kon­kret?

Obergföll: Um ei­ne Kor­ti­son­s­prit­ze im Jahr 2008 we­gen ei­ner Ent­zün­dung. Acht Mil­li­gramm ins Ge­lenk, ein­mal ver­ab­reicht. Das, was ich da­mals be­kom­men ha­be, müss­te ich heu­te üb­ri­gens gar nicht mehr mel­den.

Ih­ren Ruf se­hen Sie durch den Ha­cker-An­griff nicht be­schä­digt?

Obergföll: Na­tür­lich ist es ät­zend, von Ha­ckern durch­leuch­tet zu wer­den. Aber ich kann in den Spie­gel schau­en ...

… und Ih­re Er­fol­ge mit gu­tem Ge­wis­sen ge­nie­ßen?

Obergföll: Ab­so­lut ge­nie­ßen. Al­les was ich er­reicht ha­be, ha­be ich le­gal er­reicht. Dar­auf bin ich stolz.

Wel­che Au­gen­bli­cke wer­den Ih­nen ganz be­son­ders in Er­in­ne­rung blei­ben?

Obergföll: Es gab vie­le emo­tio­na­le Mo­men­te, für je­den ein­zel­nen bin ich dank­bar und ich möch­te kei­nen da­von mis­sen. Olym­pia-Sil­ber 2012 in Lon­don, das war me­ga­stark. Aber die Welt­meis­ter­schaft 2013 in Mos­kau, end­lich Gold, das war mit Ab­stand das Größ­te! Auch der Ge­winn von WM-Sil­ber 2005 in Hel­sin­ki mit 70,03 Me­ter und Eu­ro­pa­re­kord zählt für mich nach wie vor zu den schöns­ten Mo­men­ten. Kei­ner hat­te da mit mir ge­rech­net. Als ich dann 2007 beim Eu­ro­pa­cup in Mün­chen die 70 Me­ter be­stä­tig­te – auch das ge­hört da­zu. Ge­nau­so aber Ne­ga­tiv-Er­leb­nis­se, wie der fünf­te Platz bei der Heim-Welt­meis­ter­schaft 2009, denn die ha­ben mich stär­ker ge­macht.

Nach ei­ni­gem No­mi­nie­rungs­hick­hack ist es in Rio mit der drit­ten Olym­pia-Me­dail­le nichts ge­wor­den...

Obergföll: ...trotz­dem war ich als Ach­te wie­der bes­te Deut­sche.

Zwei­mal in Ih­rer Kar­rie­re lan­de­te der Speer jen­seits der 70 Me­ter-Mar­ke, in über 50 Wett­kämp­fen ist er wei­ter als 65 Me­ter ge­flo­gen. Beim Schluss­ak­kord in Ber­lin wa­ren es noch mal rich­tig star­ke 64,28 Me­ter, Ihr zweit­bes­ter Wurf in die­ser Sai­son.

Obergföll: Das war gi­gan­tisch, das war Gän­se­h­au­tfee­ling pur. Als al­le im Sta­di­on auf­ge­stan­den sind, nur für mich. Als die Mä­dels bei mei­nem letz­ten Wurf ap­plau­die­rend zum Spa­lier an den An­lauf ge­kom­men sind, un­be­schreib­lich. Das war ein Hap­py-End fast wie im Film – da hab’ ich wirk­lich mit den Trä­nen ge­kämpft.

Hand aufs Herz: Hat es nach die­sem emo­tio­na­len Au­gen­blick nicht gekrib­belt, doch wei­ter­zu­ma­chen, noch ein­mal zu­rück­zu­kom­men?

Obergföll: Ich ha­be mehr als nur ei­ne Nacht dar­über schla­fen müs­sen ... Aber ich hat­te den Ge­dan­ken im Vor­feld schon mit mei­nem Mann Bo­ris x-mal durch­ge­spielt und über­legt, ob es noch bis zur EM 2018 in Ber­lin geht. Zwei Jah­re sind al­ler­dings ei­ne ver­dammt lan­ge Zeit, auch we­gen mei­ner Hüf­te. Ich ha­be schon ein paar Bau­stel­len. Des­halb wä­re es nicht gut, noch zwei Jah­re dran­zu­hän­gen. Mit ei­nem Sieg zu ver­ab­schie­den, bes­ser hät­te es doch nicht lau­fen kön­nen. Das war’s. Jetzt freue ich mich auf mein Le­ben nach dem Leis­tungs­sport.

Was wird sich än­dern?

Obergföll: Der Ta­ges­ab­lauf wird sich na­tür­lich än­dern, der war aber auch schon seit der Ge­burt von Mar­lon vor zwei­ein­halb Jah­ren dem Klei­nen an­ge­passt. In den Zei­ten, in de­nen ich bis jetzt trai­niert ha­be, wer­de ich in Zu­kunft dann ar­bei­ten. Ich bin seit drei Jah­ren bei der Bar­mer GEK im be­trieb­li­chen Ge­sund­heits­ma­nage­ment an­ge­stellt. Da gibt es nun Ge­sprä­che, in wel­che Rich­tung es ge­hen soll. Ich ha­be erst in Frei­burg ei­nen Ba­che­lor-Ab­schluss in Be­we­gungs­be­zo­ge­ner Ge­sund­heits­för­de­rung, dann an der Deut­schen Hoch­schu­le für Prä­ven­ti­on und Ge­sund­heits­ma­nage­ment Saar­brü­cken per Fern­stu­di­um noch ei­nen Mas­ter-Ab­schluss ge­macht, da wird sich bei ei­ner Kran­ken­kas­se et­was fin­den. Ein Teil Ho­me Of­fice, da­zu ei­ni­ge Re­prä­sen­ta­ti­ons­auf­ga­ben, wie das bei­spiels­wei­se die zwei­ma­li­ge Weit­sprun­g­Olym­pia­sie­ge­rin Hei­ke Drechs­ler macht, so könn­te ich mir mei­nen Job vor­stel­len.

Wie groß war der An­teil ih­res lang­jäh­ri­gen Trai­ners und Ma­na­gers Wer­ner Da­ni­els am Er­folg?

Obergföll: Ich war von 1996 bis 2012 bei ihm, ab 2013 hat Bo­ris den Tech­nik­part über­nom­men, Wer­ner Da­ni­els den Rest. Ich bin un­heim­lich dank­bar, dass ich auf Wer­ner ge­trof­fen bin. Er hat­te ein gu­tes Händ­chen, mich be­hut­sam auf­zu­bau­en. Bei an­de­ren wä­re ich nach zwei Jah­ren aus­ge­brannt oder ver­letzt weg vom Fens­ter ge­we­sen.

Wann neh­men Sie wie­der ei­nen Speer in die Hand?

Obergföll: Im Mo­ment ha­be ich da kei­nen Be­darf. Wenn Bo­ris dann wie­der an­fängt, mit sei­nen Jungs zu trai­nie­ren, wer­de ich mit­kom­men – weil ich fit blei­ben will. Ein biss­chen Bas­ket­ball oder was für Bauch-Bei­nePo: Ich ge­he zum Trai­ning, ich muss aber nicht mehr, ich darf. Die­sen Ge­dan­ken fin­de ich sehr char­mant. Jetzt ist die be­ruf­li­che Kar­rie­re, vor al­lem aber die Fa­mi­lie dran …

… und Mar­lon be­kommt ein Ge­schwis­ter­chen?

Obergföll: Ja, wir wol­len noch ein zwei­tes Kind. Das ge­hen wir jetzt ganz ent­spannt an.

Nach dem WM-Ti­tel 2013 wur­de in Ih­rer Hei­mat­ge­mein­de Mahl­berg die Sport­platz­stra­ße in „Chris­ti­na-Obergföll-Stra­ße“um­be­nannt. Ei­ne Stra­ße, das hat nicht je­der.

Obergföll: Auf dem Sport­platz in Mahl­berg bin ich groß ge­wor­den, mei­ne El­tern woh­nen noch in Mahl­berg und ich bin oft dort. Wenn ich dann das Schild se­he, bin ich rich­tig stolz.

Stim­mungs­ka­no­ne To­ny Marshall hat es in Ba­denBa­den üb­ri­gens „nur“zu ei­nem „To­ny-Mar­shal­lWeg“ge­bracht.

Obergföll (lacht): Tat­säch­lich, das ist ja cool …

A pro­pos cool, ab No­vem­ber sind Sie in der neu­en Per­so­na­li­ty-Do­ku „6 Müt­ter“von Vox mit En­ter­tai­ne­rin Ute Lem­per, Ex-Eis­schnell­läu­fe­rin An­ni Frie­sin­ger, Un­ter­neh­me­rin Da­na Schwei­ger, Schau­spie­le­rin Nina Bott und So­ap-Star Wil­ma El­les auf dem Bild­schirm zu se­hen.

Obergföll: Da geht es dar­um, wie der All­tag von Pro­mi-Müt­tern mit Kin­dern aus­sieht. Um Er­zie­hung, Fa­mi­lie und Be­ruf. Die Fol­gen sol­len, so viel ich weiß, di­ens­tags zu se­hen sein. Zur „Prime­time“, al­so zur bes­ten Sen­de­zeit! Ei­ne Wo­che wur­de für die Se­rie bei uns zu Hau­se ge­dreht. Das war ir­gend­wie schon wit­zig. Am bes­ten mal an­schau­en, denn mehr ver­ra­te ich nicht.

Fo­to: Ima­go/Mon­ta­ge: SO

„Su­per­hap­py“in Lon­don 2012: Chris­ti­na Obergföll (Mit­te) ge­winnt Sil­ber im olym­pi­schen Speer­wurf-Fi­na­le. Hin­ter der Tsche­chin Bar­bo­ra Spo­ta­ko­va (links) und vor Lin­da Stahl. 2008 in Pe­king hat­te Obergföll mit Bron­ze die ein­zi­ge deut­sche Leicht­ath­le­tik-Me­dail­le ge­holt – jetzt wur­de dar­aus eben­falls Sil­ber. Fo­tos: avs (3)/Ima­go (2)

Tüf­teln am op­ti­ma­len Ab­wurf­win­kel: Chris­ti­na Obergföll und ihr Trai­ner Wer­ner Da­ni­els von der LG Of­fen­burg im Jahr 2008. „Nett, stark, hübsch – und sehr selbst­be­wusst“ti­tel­te die „Welt“da­mals über die Ba­de­ne­rin.

... bei dem Chris­ti­na Obergföll (hier 2013) ih­re be­mer­kens­wer­te Kar­rie­re mit ei­nem Sieg be­en­de­te.

Mit­ge­fie­bert: Bo­ris Obergföll und Sohn Mar­lon beim letz­ten Wett­kampf in Ber­lin ...

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