Wer hat die Spra­che vorn?

Poe­try-Slam Ba­den ge­gen Schwa­ben

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Tho­mas Liebs­cher

Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen im Schwarz­wald ist ei­ne zwang­haft zu­sam­men­ge­führ­te ba­disch-schwä­bi­sche Dop­pel­stadt. Zu­min­dest die al­ten kul­tu­rel­len Un­ter­schie­de sol­len sich in Wahl­sprü­chen ge­zeigt ha­ben, die in den je­wei­li­gen Kan­ti­nen der Stadt­ver­wal­tun­gen hin­gen. Im ba­di­schen Vil­lin­gen hieß es „Wer guet schaf­fe will, mu­eß zu­erscht guet es­se. Und wer guet ges­se het, mu­eß schlofe!“Im schwä­bi­schen Schwen­nin­gen da­ge­gen lau­te­te ein Mot­to: „Zu dritt schaf­fe, zu zwoit schlo­fa ond al­loi er­ba!“So über­lie­fert im Schwä­bi­sche Witz­büch­le (Sil­ber­burg Ver­lag). Wit­ze über die lie­ben Leu­te aus der Nach­bar­schaft sind al­ler­dings we­ni­ger ge­fragt beim sprach­li­chen Wett­streit Schwa­ben ge­gen Ba­den in der nächs­ten Wo­che. Witz und Dia­lekt soll­ten aber schon da­bei sein, wenn ein „in­ter­na­tio­na­ler“Poe­try-Slam in Mun­d­art steigt – am Don­ners­tag im al­ten Schloss in Stuttgart, un­ter­stützt vom Landesmuseum Würt­tem­berg. Drei ba­di­sche Tex­ter oder Slam­mer wol­len mit ih­ren Vor­trä­gen das Pu­bli­kum für sich ge­win­nen und tre­ten ge­gen ein Team aus Würt­tem­berg an. Das „Rück­spiel“ist ei­nen Tag spä­ter an­ge­setzt, am Frei­tag im Karls­ru­her Schloss, wo das Ba­di­sche Landesmuseum als Haus­herr un­ter­stützt (De­tails zum Abend und Kar­ten sie­he „In­fo“). „Ich bin wirk­lich mehr an­ge­spannt als sonst, wenn ich so­zu­sa­gen als ,Na­tio­nal­spie­ler‘ an­tre­te“, be­kennt Ste­fan Un­ser. Der Mal­scher tritt sonst nicht mit Mun­d­art auf, hat aber in sei­nen meist un­ge­reim­ten Be­ob­ach­tungs­tex­ten ei­ne gu­te Ba­sis, um Dia­lekt­ver­sio­nen dar­aus zu bas­teln. „Je­der Teil­neh­mer beim Slam trägt zwei Tex­te vor, die höchs­tens sechs Mi­nu­ten lang sein dür­fen. Man kann vom Zet­tel ab­le­sen oder aus­wen­dig spre­chen, die Per­for­mance ist schon wich­tig, aber Hilfs­mit­tel oder Re­qui­si­ten sind nicht er­laubt“, be­nennt Un­ser die üb­li­chen und auch fürs „Län­der­spiel“gül­ti­gen SlamRe­geln. Be­son­ders bei jun­gen Leu­ten ist der lo­cke­re Li­te­ra­tur­wett­be­werb be­liebt ge­wor­den. Das Pu­bli­kum lauscht nicht nur an­däch­tig, son­dern ent­schei­det über die Sie­ger. Ent­we­der durch ge­mes­se­ne Län­ge und Stär­ke beim Ap­plaus oder durch ei­ne zu­fäl­li­ge Ju­ry, die Punk­te ver­gibt und von al­len an­de­ren Be­su­chern wie­der durch Bei­fall be­ein­flusst wer­den kann. Ste­fan Un­ser, der IT-Tech­ni­ker an der Ba­di­schen Lan­des­bi­blio­thek, ist ein spät be­ru­fe­ner Text­künst­ler. Er wag­te sich erst­mals 2010 im Karls­ru­her Kohi auf ei­ne Slam­merBüh­ne. Beim zwei­ten Auf­tritt in Mann­heim ge­wann er be­reits, in­zwi­schen ist der Fa­mi­li­en­va­ter vom Jahr­gang 1963 ba­den­würt­tem­ber­gi­scher Meis­ter 2016. Im Ver­hält­nis zwi­schen Ba­de­nern und Schwa­ben sieht er ei­ne „lie­be­vol­le Feind­schaft“als Dau­er­zu­stand. Er­fah­run­gen mit Auf­trit­ten in Würt­tem­berg hat er be­reits ei­ni­ge und die Er­kennt­nis mit­ge­bracht: „In Stuttgart, Ess­lin­gen und Reut­lin­gen re­agiert das Pu­bli­kum beim Slam wirk­lich lang­sa­mer. Das sa­ge nicht nur ich, son­dern das se­hen die schwä­bi­schen Kol­le­gen ge­nau­so.“Un­sers Mit­spie­ler im ba­di­schen Team sind Phil­ipp Stroh aus Of­fen­burg und der def­ti­ge ba­di­sche Co­me­di­an Opa Karl (Bernd Lutz) aus Rhein­au-Linx. Auf schwä­bi­scher Sei­te

Mun­d­art­wett­streit in Stuttgart und Karlsruhe

geht die be­kann­te Slam-Poe­tin Syl­vie le Bon­heur ins Ren­nen. Sie gibt zwar zu, in Mann­heim zu woh­nen, aber auf­ge­wach­sen ist sie hör­bar in Wai­b­lin­gen. Sie wird un­ter­stützt von Andre­as Reb­holz aus Sig­ma­rin­gen­dorf und dem Ober­schwa­ben To­bi­as Hof­mann. Mo­de­ra­tor der Lan­des­meis­ter­schaft – bei der frei­lich kur­pfäl­zi­sche oder frän­ki­sche Tö­ne feh­len – ist der Stutt­gar­ter Slam­mer Ni­ki­ta Gor­bu­n­ov. Er ver­tritt ei­nen Ver­ein, der für die Sze­ne or­ga­ni­sa­to­risch wich­tig ist und auch die­ses Jahr in Stuttgart die deutsch­spra­chi­ge Meis­ter­schaft aus­rich­tet. Mit dem ba­disch-schwä­bi­schen Du­ell soll auch da­für ge­trom­melt wer­den. Und Na­e­mi Zoe Keu­ler, Prä­si­den­tin des Lan­des­ver­ban­des Ama­teur­thea­ter Ba­den-Würt­tem­berg als Mit­ver­an­stal­ter, hofft, dass sich da­mit jun­ge Leu­te für die „Er­hal­tung der Mun­d­art“be­geis­tern las­sen. Heh­re Zie­le. Viel­leicht kön­nen die Zu­hö­rer erst mal beim Slam fei­ne Dia­lekt­häpp­chen schlem­men. Guck mer mol, was mer zu hö­re kriegt.

Fo­to: El­len Eck­hard

Ste­fan Un­ser tritt für Ba­den an, wenn es am Don­ners­tag und Frei­tag zum Mann­schafts­kampf Ba­den ge­gen Schwa­ben in Form ei­nes Mun­d­art Poe­try-Slam kommt.

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