Mit Ta­len­ten be­zah­len

Beim Tausch­ring hilft man sich ge­gen­sei­tig oh­ne Geld / Auch Freund­schaf­ten ent­ste­hen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Me­la­nie Nees

Dient ein­an­der, ein je­der mit der Ga­be, die er emp­fan­gen hat.“Ge­treu die­sem Bi­bel­zi­tat ent­wi­ckel­te die Pa­xChris­ti-Ge­mein­de Neuthard im Jahr 2000 ein Pro­jekt, des­sen Ziel es war, sich oh­ne Geld ge­gen­sei­tig zu hel­fen – der „Gib und Nimm Ta­len­te Tausch­ring Re­gi­on Bruch­sal“war ge­bo­ren. Da­bei han­delt es sich um ei­ne Art Nach­bar­schafts­hil­fe, die sich in die­sem Fall quer durch 40 Ge­mein­den der Re­gi­on Bruch­sal er­streckt. Un­ter ih­nen sind ne­ben Karls­dorf-Neuthard und Bruch­sal als ak­tivs­te Ge­mein­den auch Bret­ten, Kraich­tal, Stu­ten­see und Wein­gar­ten. In ei­nem Tausch­ring rech­net man nicht in Eu­ro, son­dern in Ta­len­ten. Ei­ne St­un­de Ar­beit ent­spricht zehn Ta­len­ten. Bei Wa­ren be­stimmt der Ei­gen­tü­mer den Wert. Das Ta­len­te­kon­to er­mög­licht, dass man kei­nen di­rek­ten Tausch­part­ner fin­den muss. Statt­des­sen kann man für Mit­glied A und B Mar­me­la­de ko­chen und sich von Mit­glied C Eng­lisch-Nach­hil­fe ge­ben las­sen. Was ge­ra­de an­ge­bo­ten und ge­sucht wird, er­fah­ren die Mit­glie­der über ein On­lin­e­por­tal, auf dem auch ei­ne Tausch­zei­tung zu fin­den ist, die stän­dig ak­tua­li­siert wird. In der Bruch­sa­ler Tausch­zei­tung wer­den be­son­ders häu­fig di­ver­se Ku­chen und Kin­der­be­treu­ung an­ge­bo­ten, aber auch Exo­ten wie Du­del­sack­un­ter­richt oder An­lei­tung zum Ba­sen­fas­ten (Fas­ten mit Obst und Ge­mü­se) ste­hen zur Wahl. Bei den Ge­su­chen sind Un­ter­stüt­zung bei Gar­ten­ar­beit so­wie PC-Hil­fe am häu­figs­ten. Ak­tu­ell zählt der Tausch­ring der Re­gi­on Bruch­sal rund 300 Mit­glie­der, da­von et­wa zwei Drit­tel Rent­ner. „Jun­ge Mit­glie­der zu ge­win­nen, ist sehr schwie­rig. Vie­le sa­gen, sie sind be­ruf­lich so ein­ge­bun­den oder müs­sen sich um ih­re Fa­mi­lie küm­mern“, so Ge­org Kist­ner, Initia­tor des Tausch­rings. Sei­ne Mo­ti­va­ti­on, das Pro­jekt zu star­ten: „Ein Le­ben lang ha­be ich Glück ge­habt. Ich woll­te Glück zu­rück­ge­ben.“Das ist Kist­ner ge­lun­gen. Der Rent­ner bringt am liebs­ten Gär­ten an­de­rer Mit­glie­der auf Vor­der­mann. „Ich bin groß­ar­tig be­lohnt wor­den von vie­len, die sehr dank­bar wa­ren, bei­spiels­wei­se von Al­lein­ste­hen­den, de­ren Gar­ten ver­wahr­lost war und die ich wie­der zum Glän­zen ge­bracht ha­be“, be­rich­tet Kist­ner strah­lend. Für die so ge­won­ne­nen Ta­len­te kann er sich selbst Wün­sche er­fül­len. „Ein­mal ha­be ich ein An­ge­bot ge­se­hen für ei­ne Füh­rung durch den Kraich­gau, bei der man da­heim ab­ge­holt wird. Ich ha­be mei­ne Frau und Freun­de ein­ge­la­den. Das war ganz toll“, er­zählt der Tausch­ring-Initia­tor. An­sons­ten neh­me er oft Com­pu­ter­hil­fe in An­spruch oder lö­se sei­ne Ta­len­te für selbst­ge­mal­te Bil­der oder Ge­burts­tags-Ku­chen ein. Min­des­tens ein­mal im Jahr fin­det ein Tausch­markt statt, bei dem Selbst­ge­mach­tes und Aus­ge­dien­tes an­ge­bo­ten wird. Rund ein Drit­tel der Tausch­vor­gän­ge fällt un­ter die Ka­te­go­rie „Rund ums Haus“. Ob da nicht auch mal et­was schief geht? „Die Ta­len­te sind al­le erst­klas­sig. Ich kann kei­nen Was­ser­hahn re­pa­rie­ren, wenn ich ei­nen Was­ser­scha­den ver­ur­sa­che“, meint Kist­ner da­zu. Ei­ni­ge ne­ga­ti­ve Er­fah­run­gen hat der Rent­ner den­noch ge­macht. „Man­che Leu­te rech­nen un­heim­lich. Da wird im­mer ge­knapst mit den Ta­len­ten“, be­klagt Kist­ner. Bei an­de­ren Mit­glie­dern ist genau das Ge­gen­teil der Fall. Ak­tu­ell sei­en die Tausch­zah­len nied­ri­ger als frü­her, weil mitt­ler­wei­le so vie­le Freund­schaf­ten zwi­schen den Mit­glie­dern ent­stan­den sei­en, dass man sich die Di­ens­te oder Wa­ren auch ger­ne ein­fach schen­ke, wie Kist­ner be­rich­tet. Sei­nen Be­rech­nun­gen zu­fol­ge wur­den seit der Grün­dung 2010 schon über 92 000 Ta­len­te ge­tauscht. „Wenn man die Freund­schafts­diens­te da­zu zählt, bei de­nen kein Scheck aus­ge­stellt wur­de, sind es weit über 100 000“, so der Rent­ner.

Ob Gar­ten­ar­beit oder PC-Hil­fe: Beim Tausch­ring kann der ei­ne dem an­dern hel­fen und wird da­für nicht mit Geld, son­dern mit an­de­ren gu­ten Ta­ten „be­zahlt“. Fo­to: Fo­to­lia/co­co

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