Auf­ge­fal­len

Der Sonntag (Mittelbaden) - - AKTUELL - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Der Blick geht starr ge­ra­de­aus, der Un­ter­kie­fer ist nach vorn ge­scho­ben, der Ge­samt­ein­druck dra­ma­tisch. So stellt man sich ei­ne Frau vor, die gleich ei­nen Mord be­ge­hen wird. Oder die be­fürch­tet, im nächs­ten Mo­ment Prü­gel zu be­zie­hen. An­de­re „Mit­läu­fe­rin­nen“tra­gen rie­si­ge Son­nen­bril­len – wol­len sie ver­wein­te Au­gen ver­ber­gen? Die trau­rig-blei­chen Ge­sich­ter deu­ten dar­auf hin. Jun­ge Frau­en schau­en ab­wei­send über die Men­ge hin­weg, ei­ni­ge se­hen leicht an­ge­ekelt aus, vie­le grim­mig oder trot­zig, im bes­ten Fal­le me­lan­cho­lisch. Da­bei wir­ken sie nicht bei ei­nem vor­ge­zo­ge­nen Gru­sel­ka­bi­nett zu Hal­lo­ween mit: Sie wa­ren – in De­si­gner­mo­de ge­hüllt – bei der Fa­shion Week in Pa­ris zu se­hen. Das Mo­de­spek­ta­kel, das in die­ser Wo­che zu En­de ging, ist ei­ne erns­te Sa­che – zu­min­dest auf dem Lauf­steg. Die Ge­sich­ter der Mo­dels wir­ken wie ein­ge­fro­ren, Tris­tesse ist Pro­gramm. „Wenn ich über den Lauf­steg ge­he, ver­su­che ich, an et­was Trau­ri­ges zu den­ken, wie an den Tag, als mei­ne Kat­ze von ei­nem Bus über­fah­ren wur­de“, er­zählt ein Mo­del. In den 1960er Jah­ren, als die Mo­dels noch Man­ne­quins hie­ßen, hat­te die Glit­zer­welt der Mo­de ein an­de­res Ge­sicht. Die Frau­en auf dem Lauf­steg be­weg­ten sich an­mu­tig oder po­sier­ten mit ver­füh­re­ri­schem Au­gen­auf­schlag, gram­fal­ten­frei ge­schürz­ten Lip­pen oder ko­kett lä­chelnd – das kennt man heu­te nur noch von den A- und B-Pro­mis, die sich vor den Mo­de­vor­füh­run­gen kur­ven­be­tont für die Ka­me­ras in Sze­ne set­zen. Die Wen­de auf dem Lauf­steg, so meint die Mo­de­his­to­ri­ke­rin Ly­dia Ka­mit­sis, sei mit ja­pa­ni­schen De­si­gnern wie Yoh­ji Ya­ma­mo­to ge­kom­men. Plötz­lich hät­ten die Mo­dels aus­drucks­los ge­wirkt, sei­en im­mer mehr zu „Klei­der­stän­dern“ge­wor­den. Ley­la Ne­ri, Mo­de­di­rek­to­rin der New School Par­sons in Pa­ris, bringt das Ver­schwin­den des Lä­chelns in Zu­sam­men­hang mit den Fort­schrit­ten bei der Eman­zi­pa­ti­on der Frau­en. Als die „Ge­ne­ra­ti­on Pup­pe“in Ver­ruf ge­riet und Frau­en nicht mehr nur für ih­re Män­ner per­fekt sein woll­ten, sei auf dem Lauf­steg we­ni­ger ge­lä­chelt wor­den, zu­gleich wur­den die Man­ne­quins an­dro­gy­ner. „Hart, männ­lich und kämp­fe­risch“hät­ten vie­le Mo­dels dann in den 1980er Jah­ren ge­wirkt. Was zu­min­dest ein State­ment war. Falls aber die Lei­chen­bit­ter­mie­nen auf den Lauf­ste­gen den Stand der Eman­zi­pa­ti­on im Jahr 2016 spie­geln, ist et­was gra­na­ten­mä­ßig schief ge­gan­gen. Nicht nur mo­disch ge­se­hen.

De­nen das La­chen ver­gan­gen ist

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