Der Wald­kauz: So lebt der Vo­gel des Jah­res 2017

Vo­gel des Jah­res: Wald­kauz lei­det un­ter Woh­nungs­not

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Patri­cia Flo­ren

Er hat schwar­ze run­de Au­gen, sieht aus wie ein Ko­bold und prak­tisch je­des Kind kennt sei­nen Ruf“, schmun­zelt Mar­tin Klatt, Bio­lo­ge und Ar­ten­schutz­be­auf­trag­ter des Na­tur­schutz­bun­des (Na­bu) Ba­den-Würt­tem­berg bei der Vor­stel­lung des Vo­gels des Jah­res 2017. Die Re­de ist vom Wald­kauz (Strix alu­co), ei­nem Ver­tre­ter aus der Fa­mi­lie der Eu­len­vö­gel, den der Na­bu dies­mal aus­ge­wählt hat. Aber war­um den Wald­kauz, der in sei­nem Be­stand ja ei­gent­lich nicht ge­fähr­det ist? „Er steht für al­le Eu­len­ar­ten“, so Klatt und man wol­le mit die­ser Wahl auf ih­ren be­droh­ten Le­bens­raum hin­wei­sen. „Wald­käu­ze brü­ten be­vor­zugt in gro­ßen al­ten Bäu­men mit vie­len Höh­len und die gibt es heut­zu­ta­ge lei­der im­mer we­ni­ger“, be­dau­ert der Bio­lo­ge aus Bühl. „D’ Wig­ge lebt i Wäl­der, Pärk und Fridhö­öf mit vill Alt­holz. S’ Nest baut si i Bomm­höö­le­ne, Vo­gel­hüs­li oder au uf Tach­bö­de“, so heißt es im Ale­man­ni­schen, und weil das Alt­holz fehlt, lei­den d’ Wig­ge (die Wald­käu­ze) heu­te man­gels hoh­ler Bäu­me eben un­ter Woh­nungs­not. Sie wei­chen auf ver­las­se­ne Krä­hen­nes­ter aus, brü­ten zwi­schen Baum­wur­zeln, am Bo­den oder auch im Dach­ge­bälk von Ge­bäu­den. „Su­che Re­vier mit 25 bis 30 Hekt­ar Grö­ße zur Fa­mi­li­en­grün­dung mit al­ten Höh­len­bäu­men, An­sitz­war­ten und ganz­jäh­rig leicht er­reich­ba­rem Nah­rungs­an­ge­bot“heißt es in der Bro­schü­re zum Vo­gel des Jah­res 2017. „Die Wald­käu­ze blei­ben dem Part­ner, ih­rem Nest und Re­vier ein Le­ben lang treu“, so Klatt, „da­durch ha­ben sie zum Bei­spiel in kal­ten Win­tern ei­nen Über­le­bens­vor­teil, weil sie ihr Re­vier ganz ge­nau ken­nen und wis­sen, wo sie et­was zu fres­sen fin­den kön­nen. Die­se Kennt­nis­se wer­den von den El­tern­tie­ren üb­ri­gens auch an ih­re Jun­gen wei­ter­ge­ge­ben.“Zum Nah­rungs­spek­trum der Käu­ze ge­hö­ren Mäu­se, Maul­wür­fe, Rat­ten und an­de­re Klein­s­äu­ger oder Vö­gel. Un­se­re zweit­größ­te Eu­le jagt nachts, sie sieht auch bei schwa­chem Licht noch aus­ge­zeich­net und ihr Ge­hör ist so fein aus­ge­prägt, dass sie das kleins­te Ge­räusch ex­akt or­ten und da­mit auch bei völ­li­ger Dun­kel­heit ih­re Beu­te si­cher an­pei­len und grei­fen kann. „Der Wald­kauz ist ein her­vor­ra­gen­der Jä­ger und er fliegt fast laut- los“, so Klatt. Das sei un­ter an­de­rem mög­lich durch kam­mar­ti­ge Zähn­chen an der äu­ße­ren Flü­gel­kan­te. „Die sor­gen beim Flie­gen für ei­ne Art Ver­wir­be­lung der Luft, so dass fast kei­ne Flug­ge­räu­sche ent­ste­hen“, er­klärt der Bio­lo­ge und de­mons­triert das auch gleich mit ei­ner mit­ge­brach­ten Eu­len­fe­der. Tat­säch­lich – im Ver­gleich mit der Fe­der ei­nes Mäu­se­bus­sards ist die Eu­len­fe­der beim Schla­gen wirk­lich we­ni­ger zu hö­ren. Nachts er­kennt man den Kauz na­tür­lich an sei­nem Ruf „Hu Hu Huuuh“– weit­hin zu hö­ren und be­kannt aus al­len schau­ri­gen Ed­gar-Wal­lace-Fil­men und sons­ti­gen Kri­mis. „Im­mer wenn es un­heim­lich wird, ruft im Dun­keln ei­ne Eu­le, und das ist im­mer der Wald­kauz“, er­läu­tert Klatt. In frü­he­ren Jah­ren ha­be man die Vö­gel für Un­glücks­bo­ten ge­hal­ten, To­ten­vö­gel, die mit ih­rem „Ku­witt ku­witt“(ver­meint­lich: komm mit, komm mit) die Men­schen in den Tod lock­ten. Heu­te hat sich das glück­li­cher­wei­se ge­wan­delt und wir se­hen die Eu­len viel­mehr als fas­zi­nie­ren­de Tie­re, zu­wei­len als Glücks­brin­ger und Vö­gel der Weis­heit an. Wald­käu­ze soll­ten aber auch für ein gro­ßes Durch­hal­te­ver­mö­gen und ei­nen enor­men Mut ste­hen, denn die Auf­zucht ih­rer Jun­gen ver­langt ih­nen und den klei­nen Käu­zen ei­ni­ges ab. „Die Nest­lin­ge klet­tern im Al­ter von et­wa ei­nem Mo­nat mit Hil­fe von Schna­bel, Kral­len und Flü­geln zum Aus­stieg der Brut­höh­le hoch und las­sen sich auf den Bo­den fal­len, wo sie zu­nächst schein­bar ver­las­sen ho­cken blei­ben. Da­nach klet­tern sie au­ßen am Baum wie­der hoch und blei­ben als klei­ne ,Äst­lin­ge‘, ver­deckt von Zwei­gen, dort sit­zen, prin­zi­pi­ell aber trotz­dem ei­ne leich­te Beu­te für al­le Fein­de wie Ha­bicht, Sper­ber oder Uhu“, so Klatt. Das er­klä­re aber na­tür­lich auch, wie­so die Alt­vö­gel als be­son­ders ag­gres­siv bei der Ver­tei­di­gung der Jun­gen gel­ten wür­den. „Der Wald­kauz ist als stren­ger Wäch­ter sei­ner Brut be­kannt. Krei­schend setzt er sich ge­gen sei­ne Fein­de zur Wehr“, heißt es in der Bro­schü­re. Sie kön­da­zu nen auch Men­schen, die die Jun­gen ver­meint­lich be­dro­hen, mit ih­ren Kral­len in Haa­re und Au­gen grei­fen und es kommt so­gar vor, dass We­ge in Parks we­gen Wald­käu­zen vor­über­ge­hend für Fuß­gän­ger ge­sperrt wer­den. Der Wald­kauz ist die häu­figs­te Eu­le in Deutsch­land und der Brut­be­stand wird in Ba­den-Würt­tem­berg auf rund 8 000 Paa­re ge­schätzt. Ge­fähr­det sind sie durch Frei­lei­tun­gen, Bahn- und Stra­ßen­ver­kehr oder auch durch Lüf­tungs­schäch­te oder Ka­mi­ne. Zum Er­halt ih­res Le­bens­rau­mes soll­ten höh­len­rei­che Alt­holz­be­stän­de so­wie be­kann­te Brut­bäu­me er­hal­ten und ge­för­dert wer­den.

Der Na­bu hat den Wald­kauz zum „Vo­gel des Jah­res 2017“ge­kürt – ei­ne Eu­le, die al­te, höh­len­rei­che Bäu­me, Mäu­se so­wie ei­ne na­tur­na­he Forst- und Land­wirt­schaft zum Über­le­ben braucht. Fo­to: Na­bu/Pe­ter Kühn

Bio­lo­ge Mar­tin Klatt: „Wald­käu­ze ken­nen ihr Re­vier ganz ge­nau.“Fo­to: Na­bu/Micha­el Eick

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