Die Mau­er­blüm­chen

Vor 125 Jah­ren be­gann die Ge­schich­te der Tra­fo­sta­tio­nen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Wolf­gang We­ber

Tür­me ha­ben Men­schen schon im­mer fas­zi­niert“, sagt Il­lo-Frank Pri­mus. Kein Wun­der al­so, dass es zahl­rei­che reich be­bil­der­te Bü­cher über Was­ser­tür­me, Leucht­tür­me, Kirch­tür­me oder För­der­tür­me gibt. „Nur über Tra­fo­sta­tio­nen gab es kei­nen ver­gleich­ba­ren Bild­band“, wun­der­te sich der pro­mo­vier­te Ma­schi­nen­bau-In­ge­nieur aus Pfinz­tal-Berg­hau­sen. Als dem ehe­ma­li­gen Ge­schäfts­füh­rer ei­nes Tra­fo­sta­tio­nen­Her­stel­lers dann ein „Büch­lein“von Micha­el Ne­u­mann („Zwi­schen Kraft­werk und Steck­do­se“) mit über 100 Schwarz­weiß-Fo­tos in die Hän­de fiel, war sein Ehr­geiz ge­weckt. Er woll­te ein um­fas­sen­des Werk über das Kul­tur­gut Tra­fo­sta­ti­on und die ein­zig­ar­ti­ge Viel­falt an Aus­füh­rungs­for­men her­aus­brin­gen – und das ist ihm mit viel Lie­be zur Tech­nik und zum De­tail ge­lun­gen. Der far­bi­ge Bild­band prä­sen­tiert – 125 Jah­re nach In­be­trieb­nah­me der welt­weit ers­ten Tra­fo­sta­ti­on im würt­tem­ber­gi­schen Lauf­fen – Tra­fo­tür­me in ganz Deutsch­land. Er spie­gelt Epo­chen und Bausti­le die­ser be­son­de­ren Klein­ar­chi­tek­tur wi­der. Die Ge­schich­te der Tra­fo­sta­tio­nen wird von den An­fän­gen bis zur Ge­gen­wart er­zählt. Zu­sätz­lich ent­hält das Werk ei­ne Lis­te al­ler von Lan­des­denk­ma­l­äm­tern er­fass­ten Tra­fo­sta­ti­ons­stand­or­te, ei­ne Zeit­ta­fel und das bis­lang wohl um­fang­reichs­te Li­te­ra­tur­ver­zeich­nis zu die­sem The­ma. Mit sei­nen 456 Sei­ten und 377 Farb­bil­dern stellt das Werk ein um­fas­sen­des und an­schau­li­ches Kom­pen­di­um dar. Im ers­ten Bild­teil fin­den sich Tra­fo­sta­tio­nen der ers­ten Ge­ne­ra­ti­on von 1891 bis 1944, im zwei­ten Teil Sta­tio­nen nach dem Zwei­ten Welt­krieg bis zur Ge­gen­wart. Da­nach wer­den Ver­schö­ne­rungs­kon­zep­te der oft ein­tö­ni­gen neu­zeit­li­chen Ge­bäu­de vor­ge­stellt (zum Bei­spiel durch Graf­fi­ti). Den Ab­schluss bil­den in­ter­es­san­te Stra­te­gi­en zur Er­hal­tung und Um­nut­zung von se­hens­wer­ten Tra­fo­sta­tio­nen in­klu­si­ve ei­ner Über­sicht der Sta­tio­nen, die jetzt als Mu­se­um die­nen. Be­zü­ge zu Ba­den gibt es reich­lich beim The­ma Tra­fo­sta­tio­nen. Zwar stand die ers­te Tra­fo­sta­ti­on nicht in Ba­den, son­dern in Würt­tem­berg (Lauf­fen), doch muss­te die von ihr aus­ge­hen­de 15000-Volt-Lei­tung auch über Ba­den ge­führt wer­den, um an ih­rem Ziel in Frank­furt a. M. ih­re Ef­fi­zi­enz zu ent­fal­ten. Zu­dem liegt die größ­te deut­sche Pro­duk­ti­ons­stät­te von fa­brik­fer­ti­gen Tra­fo­sta­tio­nen in Wag­häu­sel. „Dort und in drei wei­te­ren Her­stel­ler­wer­ken in Deutsch­land wur­den wäh­rend mei­ner Zeit als tech­ni­scher Lei­ter und Ge­schäfts­füh­rer die­ser Fir­men­grup­pe über 100 000 der heu­te ins­ge­samt be­ste­hen­den 600 000 Tra­fo­sta­tio­nen von Deutsch­land ge­baut und aus­ge­lie­fert“, sagt Il­lo-Frank-Pri­mus, der seit ei­ni­gen Jah­ren im Ru­he­stand ist. Wur­den die Tra­fo­sta­tio­nen als sicht­ba­res Zei­chen der Elek­tri­fi­zie­rung An­fang des 20. Jahr­hun­derts von vie­len noch arg­wöh­nisch be­äugt, war fort­schritt­li­chen Zeit­ge­nos­sen den­noch schnell klar, dass sich der Ein­satz von elek­tri­schem Strom lang­fris­tig bald aus­zah­len wür­de. Und mit der Po­pu­la­ri­tät der Elek­tri­zi­tät wur­den nach und nach im­mer mehr Tra­fo­sta­tio­nen nö­tig. Doch was ge­nau ist ei­gent­lich ei­ne Tra­fo­sta­ti­on? Il­lo-Frank Pri­mus er­klärt es so: „Ei­ne Tra­fo­sta­ti­on dient im Strom­netz zur Ver­tei­lung des elek­tri­schen Stroms in der Flä­che. Denn zum Trans­port aus ent­fernt ge­le­ge­nen Kraft­wer­ken, in de­nen der Strom er­zeugt wird, muss der Strom auf dem Weg zum Ver­brau­cher zu­vor auf ho­he Span­nun­gen trans­for­miert wer­den, weil mit ho­hen Span­nun­gen gro­ße Leis­tun­gen preis­wert trans­por­tiert wer­den kön­nen. Die­se sind aber ziem­lich ge­fähr­lich. Des­halb muss der Strom ho­her Span­nung für den Ver­brau­cher mit Hil­fe von Tra­fo­sta­tio­nen – ge­nau ge­sagt mit Hil­fe des Trans­for­ma­tors – auf die we­ni­ger ge­fähr­li­che Ge­brauchs­span­nung von 230 V/400 V her­un­ter­trans­for­miert und wei­ter ver­teilt wer­den.“Von au­ßen be­trach­tet ist ei­ne Tra­fo­sta­ti­on ein Ge­samt­ge­bil­de, be­ste­hend aus ei­nem spe­zi­el­len Ge­bäu­de in den Aus­ma­ßen et­wa ei­ner Ga­ra­ge oder ei­nes Schup­pens, und dar­in un­ter­ge­brach­ten elek­tro­tech­ni­schen Bau­tei­len. „Das Ge­bäu­de dient“, so Pri­mus, „dem Schutz der elek­tro­tech­ni­schen An­la­gen vor Wit­te­rungs­ein­flüs­sen und den Men­schen vor un­ge­woll­ter Be­rüh­rung der strom­füh­ren­den Bau­tei­le im Ge­bäu­de- in­nern. Je­der­mann er­kennt ei­ne Tra­fo­sta­ti­on an der Ein­gangs­tür. Auf ihr be­fin­det sich ein gel­bes Drei­ecks­schild mit ei­nem Blit­zeEm­blem und dar­un­ter ein gel­bes Schild mit der Auf­schrift ,Hoch­span­nung Vor­sicht! Le­bens­ge­fahr‘“. Rein op­tisch wur­den die Tra­fo­sta­tio­nen im Lau­fe der Zeit im­mer un­an­sehn­li­cher. In den ers­ten 50 bis 60 Jah­ren wur­den noch vie­le Tür­me ge­baut, nach dem Zwei­ten Welt­krieg gab es ver­mehrt ein­ge­schos­si­ge Sta­tio­nen und ab et­wa 1980 er­setz­te man vie­le Tür­me durch fa­brik­fer­ti­ge Ka­bel­sta­tio­nen. „Die heu­ti­gen Ge­bäu­de, die auch Netz­sta­tio­nen ge­nannt wer­den, be­ste­hen meis­tens aus Be­ton, ei­ni­ge kom­pak­te auch aus Stahl­blech oder Kunst­stoff“, sagt Pri­mus. In der Öf­fent­lich­keit fris­ten Tra­fo­sta­tio­nen nach wie vor ein Mau­er­blüm­chen-Da­sein. Ih­re Exis­tenz wird von den meis­ten eben­so we­nig wahr­ge­nom­men wie ihr Ver­schwin­den. Dies zu än­dern, war ei­nes der An­lie­gen von Pri­mus. Es macht Spaß, sei­nen ful­mi­nan­ten Bild­band durch­zu­blät­tern – selbst dann, wenn man von Elek­tro­tech­nik kei­ne Ah­nung hat.

Nicht schön, aber nütz­lich: Stahl­blech-Kom­pakt­sta­ti­on in Karls­ru­he-Neu­reut.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.