Die He­xe aus dem Ap­fel

So­eben er­schien die vier­te Ge­schich­te rund um Pe­tro­nella Ap­fel­mus

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder - Ekart Kin­kel

Pe­tro­nella Ap­fel­mus war ei­ne He­xe. Kei­ne ge­wöhn­li­che He­xe, wie man sie in je­dem Mär­chen oder in je­der Geis­ter­bahn fin­det. Nein, Pe­tro­nella Ap­fel­mus war ei­ne Baum­he­xe. Ge­nau­er ge­sagt, ei­ne Ap­fel­baum­he­xe. Und wie es sich für ei­ne Ap­fel­baum­he­xe ge­hört, leb­te sie nicht in ir­gend­ei­ner wind­schie­fen Hüt­te oder ei­nem an­ge­knab­ber­ten Leb­ku­chen­haus, son­dern ganz stan­des­ge­mäß in ei­nem Ap­fel. Ihr Ap­fel­haus hing hoch oben in ei­nem präch­ti­gen Ap­fel­baum mit­ten in dem ver­wil­der­ten Gar­ten ei­ner al­ten Müh­le“. Mit die­sen Sät­zen führ­te die Ham­bur­ger Au­to­rin Sa­bi­ne Stä­ding vor zwei Jah­ren die Hel­din ei­ner neu­en Kin­der­buch­rei­he ein und in­zwi­schen hat die em­si­ge Ap­fel­he­xe be­reits ei­ni­ge Aben­teu­er er­lebt und so­wohl in ih­rem li­te­ra­ri­schen Reich als auch bei der Le­ser­schaft in der rea­len Welt sehr vie­le Freun­de ge­fun­den. Von Ab­nut­zungs­er­schei­nun­gen oder gar Lan­ge­wei­le ist aber auch nach vier Bü­chern noch nichts zu spü­ren, denn der Charme der zeit­lo­sen Ap­fel­he­xenBü­cher liegt nach wie vor in dem klei­nen und über­schau­ba­ren Pe­tro­nella-Kos­mos mit et­li­chen lie­be­voll skiz­zier­ten Fi­gu­ren rund um das mär­chen­haf­te Müh­len­haus. Pe­tro­nella Ap­fel­mus ist näm­lich um­ge­ben von gleich ei­ner gan­zen Rie­ge skur­ri­ler Ge­stal­ten wie dem Hirsch­kä­fer Lu­ci­us oder den na­tur­ver­bun­de­nen lang­hal­si­gen Ap­fel­männ­chen Gur­ken­hut, Spar­gel­zahn, Rüben­bach, Ka­rot­ten­wams und Boh­nen­hals. Ih­re bes­ten Freun­de wer­den aber be­reits im ers­ten Aben­teu­er die Zwil­lin­ge Lea und Lu­is Ku­chen­brand, die mit ih­ren El­tern in das leer ste­hen­de Müh­len­ge­bäu­de zie­hen und we­nig spä­ter mit der Ap­fel­he­xe im Obst­gar­ten Be­kannt­schaft schlie­ßen. Bei der Ver­men­gung von He­xen- und Men­schen­welt glänzt Sa­bi­ne Stä­ding auch mit be­son­ders ori­gi­nel­len Ein­fäl­len. So kann das Ap­fel­haus der He­xe nur über ei­ne ma­gi­sche Strick­lei­ter be­tre­ten wer­den. Wer oben an­ei­nem kommt, ist klein wie ein Kä­fer, wer hin­ab­steigt und den Bo­den be­tritt, hat wie­der mensch­li­che Grö­ße. Und au­ßer­dem kennt Pe­tro­nella nicht nur zahl­rei­che Zau­ber­sprü­che, son­dern dank der schmack­haf­ten Früch­ten an ih­ren al­ten Bäu­men auch das welt­weit bes­te Ap­fel­ku­chen­re­zept. Für Sa­bi­ne Stä­ding sind die Pe­tro­nellaBü­cher nicht der ers­te li­te­ra­ri­sche Aus­flug in die Welt von He­xen und Zau­be­rei. Be­reits in ih­rer Ju­gend­buch­tri­lo­gie um die Te­enagerHe­xe Ma­gno­lia Steel the­ma­ti­sier­te sie das Auf­ein­an­der­tref­fen von Men­schen und Ma­gie, doch in ei­ner Zeit mit Harry Potter und vie­len ähn­li­chen Fi­gu­ren fehl­te den Ge­schich­ten um ei­ne ju­gend­li­che Zau­be­rin in ei­ner He­xen­schu­le das Al­lein­stel­lungs­merk­mal. Ur­sprüng­lich war auch Pe­tro­nella Ap­fel­mus le­dig­lich ei­ne Rand­fi­gur in der Ma­gno­lia-Steel-Rei­he. „Die Ap­fel­he­xe wur­de ei­gent­lich nur in ei­nem Ne­ben­satz er­wähnt“, er­in­nert sich Sa­bi­ne Stä­ding im Ge­spräch mit dem „SONN­TAG“, „aber ei­ner Lek­to­rin ge­fiel der Na­me so gut und da ha­be ich mich ans Schrei­ben des ers­ten Pe­tro­nella-Bu­ches ge­macht“. Mit Pe­tro­nella Ap­fel­mus ist Sa­bi­ne Stä­ding nun auch der Spa­gat zwi­schen alt­be­kann­ten Mär­chen­mo­ti­ven und ei­ner ei­gen­stän­di­gen Ge­schich­te mit un­ver­wech­sel­ba­ren Darstel­lern ge­glückt. Als In­spi­ra­ti­on für die ein­zel­nen Ge­schich­ten dien­ten Sa­bi­ne Stä­ding ne­ben den Bü­chern von As­trid Lind­gren üb­ri­gens die ei­ge­nen Kind­heits­er­in­ne­run­gen. „Hin­ter un­se­rem Haus war ein klei­nes Mo­or­ge­biet und als Kin­der ha­ben wir dort im­mer un­se­re ei­ge­nen He­xen­a­ben­teu­er er­fun­den und nach­ge­spielt“, er­zählt die Au­to­rin. Doch nicht nur die fan­ta­sie­vol­len Ge­schich­ten ma­chen die Ap­fel­he­xen-Aben­teu­er zu ech­ten Le­se­ver­gnü­gen. Auch die lie­bens­wer­ten Schwarz-Weiß-Zeich­nun­gen von Il­lus­tra­to­rin Sa­bi­ne Büch­ner tra­gen zum durch­weg po­si­ti­ven Ge­samt­ein­druck der Pe­tro­nella-Rei­he bei und die Bil­der der We­sen aus dem He­xen­reich sind weit mehr als das schmü­cken­de Bei­werk ei­nes Kin­der­bu­ches. Oh­ne­hin han­delt es sich bei den Ge­schich­ten von Pe­tro­nella Ap­fel­mus um ein stim­mi­ges Ge­samt­pa­ket, denn auch die Hör­bü­cher he­ben sich dank Vor­le­se­rin Na­na Spier von ver­gleich­ba­ren Pro­duk­tio­nen ab. Die Syn­chron­spre­che­rin von Schau­spie­le­rin­nen wie Dr­ew Bar­ry­mo­re und Sa­rah Mi­chel­le Gel­lar ver­leiht je­dem der Cha­rak­te­re ei­ne ei­ge­ne Stimm­la­ge, bleibt da­bei aber stets ru­hig und wird we­der hek­tisch, schrill noch al­bern. Auch Er­wach­se­ne kom­men bei der Lek­tü­re vor al­lem dank der vie­len klei­nen ko­mi­schen De­tails und der lus­ti­gen Dia­lo­ge voll auf ih­re Kos­ten. Al­ler­dings sind die Ge­schich­ten bis zum je­wei­li­gen Hap­py End doch sehr vor­her­seh­bar. Et­was mehr ver­rück­te Ein­fäl­le wür­den den künf­ti­gen Bü­chern des­halb si­cher­lich gut zu Ge­sicht ste­hen, an­sons­ten ver­liert auch die lie­bens­wer­te Ap­fel­he­xe ir­gend­wann ein­mal ein we­nig von ih­rer li­te­ra­ri­schen Zau­ber­kraft.

Hat im­mer wie­der tol­le neue Ide­en: Au­to­rin Sa­bi­ne Stä­ding. Fo­to: Oli­vier Fav­re

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