Auf­ge­fal­len

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Aktuell - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Schritt für Schritt zum Cre­me­tört­chen

Kaum zu fas­sen: Es gibt Leu­te, die kei­ne Ah­nung von ih­rem ak­tu­el­len Ka­lo­ri­en­ver­brauch, ih­rem Blut­druck und ih­rer Puls­fre­quenz ha­ben – und auch gar nicht wol­len, dass sol­che Da­ten von ei­nem Fit­nessArm­band oder ei­ner Smart­watch auf­ge­zeich­net wer­den. Man­che sche­ren sich nicht ein­mal um die Zahl der Schrit­te, die sie zu­rück­le­gen, oder um ih­re Schlaf­pha­sen. Un­ver­ant­wort­lich ei­gent­lich. Da­bei war es nie so ein­fach wie heu­te, die ei­ge­ne Ge­sund­heit und Kon­di­ti­on stän­dig zu über­wa­chen und zu op­ti­mie­ren. Zu­ge­ge­ben, man­che Men­schen sind auch oh­ne die Mah­nung ei­nes elek­tro­ni­sches Hel­fer­leins in der La­ge, vom So­fa zu sprin­gen und sich Be­we­gung zu ver­schaf­fen. Aber schau­en wir uns um: Da fin­den sich schon et­li­che Leu­te, die schlapp sind oder schwab­beln, de­nen ei­ne aus­ge­wo­ge­ne Er­näh­rung und kör­per­li­che Er­tüch­ti­gung drin­gend an­zu­ra­ten wä­re. Ge­sund­heits-Apps und Fit­ness-Arm­bän­der kön­nen sehr mo­ti­vie­rend wir­ken, be­haup­ten die An­bie­ter. Und mal ab­ge­se­hen von un­ge­klär­ten Da­ten­schutz­fra­gen und aus­ste­hen­den Qua­li­täts­stan­dards se­hen dar­in auch Ge­sund­heits­po­li­ti­ker so­wie Kran­ken­ver­si­che­rer Chan­cen. Wo­mög­lich läuft es aber wie bei an­de­ren Vor­beu­ge­pro­gram­men: dass sich vor al­lem die­je­ni­gen um ih­re Fit­ness küm­mern und ih­re Schrit­te zäh­len, die oh­ne­hin ei­nen ge­sun­den Le­bens­stil pfle­gen. Dar­auf, dass Men­schen, die es be­son­ders nö­tig ha­ben, von Fit­ness-Arm­bän­dern nicht un­be­dingt pro­fi­tie­ren, deu­tet ei­ne ame­ri­ka­ni­sche Stu­die hin, die im me­di­zi­ni­schen Fach­jour­nal „Ja­ma“ver­öf­fent­licht wur­de: Wis­sen­schaft­ler ver­ord­ne­ten fast 500 Über­ge­wich­ti­gen ei­ne Lang­zeit­di­ät, da­zu gab es Sport­emp­feh­lun­gen. Nach sechs Mo­na­ten er­hielt die Hälf­te der Test­per­so­nen zu­dem Fit­ness-Arm­bän­der. Was ge­schah? Kaum zu fas­sen: In der Arm­band-Grup­pe speck­ten die Leu­te im Schnitt um 3,5 Ki­lo­gramm we­ni­ger ab als ih­re „Mit­be­wer­ber“oh­ne di­gi­ta­le Hilfs­mit­tel. Das könn­te, meint John Ja­ki­cic von der Uni Pitts­burgh, am Frust lie­gen: Wer an sei­nen Trai­nings­zie­len häu­fig schei­tert und dies vom di­gi­ta­len Hel­fer­lein quit­tiert be­kommt, hat halt ir­gend­wann kei­ne Lust mehr. Ja­ki­cic hält es aber auch für denk­bar, dass die Leu­te mit den Fit­ness-Arm­bän­dern wirk­lich flei­ßig Sport ge­trie­ben ha­ben. Und sich nach dem Trai­ning, be­stärkt durch den Schritt­zäh­ler, dach­ten: „Ich war so ak­tiv – al­so kann ich mir jetzt ein Cre­me­tört­chen gön­nen.“Ge­gen den Ap­pe­tit kommt halt kei­ne App an.

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