Ziem­lich schrä­ge Vö­gel

Schwer be­hin­dert – leicht be­kloppt: Die wah­re Ge­schich­te ei­ner un­glaub­li­chen Freund­schaft

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Wolf­gang Weber

Ganz egal, wo Chris­ti­an Kenk und Bernd Mann hin­ge­hen: Sie fal­len im­mer auf. Hun­der­pro­zen­tig. Der ei­ne, Chris­ti­an, sitzt (oder kau­ert) in ei­nem Lie­ge­roll­stuhl, der an­de­re, Bernd, schiebt oder zieht die­sen Roll­stuhl. Und wenn es ein paar Trep­pen­stu­fen zu über­win­den gibt, krallt sich Chris­ti­an am Rü­cken von Bernd fest und lässt sich hoch- oder run­ter­tra­gen. Chris­ti­an Kenk und Bernd Mann sind das, was man spä­tes­tens seit dem gleich­na­mi­gen Film „Ziem­lich bes­te Freun­de“nen­nen kann. Als Zi­vil­dienst­leis­ten­der lern­te Bernd Mann vor rund 20 Jah­ren den schwerst­be­hin­der­ten Chris­ti­an Kenk im Kin­der­zen­trum Maul­bronn, ei­ner Kli­nik für Kinder­n­eu­ro­lo­gie und So­zi­al­päd­ia­trie, ken­nen. Chris­ti­an war 1975

„Chris­ti­an ist mein Chef“

in Karls­ru­he als ge­sun­der Jun­ge zur Welt ge­kom­men. Als er sechs Jah­re alt war, zog er plötz­lich ei­nen Fuß nach. Sein Zu­stand ver­schlech­ter­te sich mas­siv, die Dia­gno­se lau­te­te: Ge­ne­ti­sche Dys­to­nie. Als die bei­den sich ken­nen­lern­ten, war Chris­ti­an schon ex­trem auf Hil­fe an­ge­wie­sen. Nach und nach hat­te er die Kon­trol­le über sei­ne Mus­keln ver­lo­ren, sein Kör­per mach­te un­kon­trol­lier­te Be­we­gun­gen, die hin und wie­der auch zu Ver­let­zun­gen führ­ten. Nach und nach ent­stand ei­ne so tie­fe Freund­schaft zwi­schen den jun­gen Män­nern, dass Bernd Mann im Al­ter von 25 Jah­ren schließ­lich ganz die Be­treu­ung des Freun­des über­nahm. Nur so konn­te er ver­hin­dern, dass Chris­ti­an Kenk sein rest­li­ches Le­ben im Heim ver­brin­gen muss­te. Seit­dem küm­mert sich der mitt­ler­wei­le 46jäh­ri­ge Bernd Mann, der zwi­schen­zeit­lich noch ein Stu­di­um zum Ver­wal­tungs­wirt ab­sol­vier­te, tag­täg­lich um ein mög­lichst ho­hes Maß an Nor­ma­li­tät für den Freund. Er hat jah­re­lang vor Ge­richt dar­um ge­kämpft, dass er als As­sis­tent für die­se Be­treu­ung auch beF­reund. zahlt wird. „Chris­ti­an ist mein Chef“, sagt er. „Ich bin bei ihm an­ge­stellt und da Chris­ti­an die Kos­ten nicht be­zah­len kann, über­nimmt die­se das So­zi­al­amt“(wel­ches auch die Kos­ten für ei­nen He­im­platz tra­gen müss­te). Die bei­den Freun­de le­ben zu­sam­men mit Bernds Söh­nen in ei­nem schö­nen Haus in Karls­ru­he-Grün­win­kel, di­rekt an der Alb. Das Haus wur­de auf­wän­dig um­ge­baut. Weil Chris­ti­an nicht nor­mal auf ei­nem Stuhl sit­zen kann, gibt es meh­re­re gro­ße „Sitz­land­schaf­ten“, die wie ei­ne Ma­trat­ze aus­se­hen. Dort sitzt Chris­ti­an in ei­ner Art Schnei­der- sitz. Das Schlaf­zim­mer liegt im Ober­ge­schoss – je­den Mor­gen und je­den Abend trägt Bernd Mann sei­nen Freund die Trep­pen rauf und run­ter. Bernd Mann hat die Ge­schich­te die­ser au­ßer­ge­wöhn­li­chen Le­bens­ge­mein­schaft jetzt (ge­mein­sam mit Ghost­wri­ter Hol­ger Scha­eben) in ei­nem ab­so­lut le­sens­wer­ten Buch er­zählt: „Schwer be­hin­dert, leicht be­kloppt“er­scheint in we­ni­gen Ta­gen im Müns­ter Ver­lag und schon der Ti­tel weist dar­auf hin, wie vie­le Freun­de und Be­kann­te von Bernd Mann re­agiert hat­ten, als sie sei­ner­zeit von sei­nem au­ßer­ge­wöhn­li­chen En­ga­ge­ment er­fah­ren ha­ben. „Man­che hiel­ten mich wirk­lich für be­kloppt“, sagt er. Die Fra­ge, die sich al­le stell­ten: Wie kann man nur ein hal­bes (oder fast gan­zes) Le­ben lang frei­wil­lig ei­nen Be­hin­der­ten be­treu­en? Bernd Mann kann. Und er­zählt jetzt sehr of­fen, was das Ken­nen­ler­nen von Chris­ti­an bei ihm aus­ge­löst hat. Wie gut er selbst die Ein­sam­keit kennt, un­ter der Chris­ti­an im Heim lei­den wür­de. Wo er selbst an sei­ne Gren­zen ge­kom­men ist im all­täg­li­chen Zu­sam­men­le­ben mit dem pfle­ge­be­dürf­ti­gen Wie sich auf dem schwie­ri­gen ge­mein­sa­men Weg neue Tü­ren ge­öff­net und man­che ge­schlos­sen ha­ben. Bernd Mann und Chris­ti­an Kenk ha­ben sich bei Be­hör­den durch­ge­setzt und im jah­re­lan­gen Ver­fah­ren vor Ge­richt Rech­te und Zu­wen­dun­gen erstrit­ten. Sie ha­ben ge­mein­sa­me Rei­sen un­ter­nom­men und sind im Wohn­mo­bil und mit dem Lie­ge­roll­stuhl zum „Bird­watching“(Vö­gel­be­ob­ach­ten) nach Frank­reich, Spa­ni­en, Por­tu­gal, Grie­chen­land, Sy­ri­en, Nor­we­gen, Schwe­den, Finn­land, Ös­ter­reich, Nor­we­gen, in die Schweiz und in die Tür­kei ge­reist. Apro­pos Vö­gel: „Wir wür­den ger­ne un­ter dem Mot­to ,Schrä­ge Vö­gel on tour‘ mit dem Wohn­mo­bil durch Deutsch­land rol­len und in Fuß­gän­ger­zo­nen mit den Men­schen ins Ge­spräch kom­men“, er­zäh­len die bei­den. Da­zu ha­ben sie extra ein Crowd­fun­din­gPro­jekt ge­grün­det (sie­he In­ter­net­adres­se un­ten). „Wir wol­len, dass die Men­schen re­spekt­voll, freund­lich und auf­ge­schlos­sen mit­ein­an­der um­ge­hen. Des­halb möch­ten wir mit den Leu­ten re­den: über uns und über un­se­re Ge­schich­te. Dar­über, wie man 25 Jah­re be­freun­det bleibt, auch wenn ei­ner leicht be­kloppt ist.“„Es geht dar­um, ja zum Le­ben zu sa­gen und un­se­re Bot­schaft zu ver­brei­ten“, sagt Bernd Mann. „Dar­um, zu er­zäh­len und zu ver­ste­hen, wie Nicht­be­hin­der­te und Be­hin­der­te ein ge­mein­sa­mes Le­ben füh­ren kön­nen. Was ei­ne Freund­schaft al­les be­wir­ken kann. Un­se­re Bot­schaft lau­tet: Ge­mein­sam geht es leich­ter, bes­ser, schö­ner.“Das Bei­spiel der bei­den Män­ner zeigt, wie Be­hin­der­te und Nicht­be­hin­der­te ge­mein­sam am Le­ben teil­ha­ben kön­nen. Für vie­le mag das ei­ne Uto­pie sein. Für Bernd und Chris­ti­an nicht. Sie hal­ten sich ein­fach an ein Zitat von Ma­hat­ma Gandhi: „Stär­ke wächst nicht aus kör­per­li­cher Kraft – viel­mehr aus ei­nem un­beug­sa­mem Wil­len.“

Die bei­den fal­len ga­ran­tiert auf: Hier zieht Bernd Mann sei­nen Freund Chris­ti­an Kenk durch die Stra­ßen von Grün­win­kel. Der obe­re Teil des Roll­stuhls wur­de spe­zi­ell für Chris­ti­an ge­fer­tigt und auf ei­nen Un­ter­bau ge­setzt, der für ei­nen nor­ma­len Elek­tro-Roll­stuhl pro­du­ziert wur­de. Fotos: Ar­tis

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