Noch ein­mal Urauf­füh­rung

Karls­ru­her Ba­rock­or­ches­ter mit his­to­ri­schem Coup um Johannes Brahms

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Tho­mas Liebs­cher

Es ist ei­ne Fra­ge, die Freun­den klas­si­scher Mu­sik im­mer mal wie­der in den Sinn kommt: Wie ha­ben die Wer­ke von Mo­zart oder Beet­ho­ven ei­gent­lich ge­klun­gen, als die­se Kom­po­nis­ten noch leb­ten? Wel­ches Hör­bild ent­stand beim Pu­bli­kum vor 200 oder 250 Jah­ren bei je­nen Stü­cken, die heu­te noch zum Re­per­toire ge­hö­ren? Spiel­ten Orches­ter schnel­ler oder lang­sa­mer, schril­ler oder ge­die­ge­ner? Ein Ge­heim­nis wird im­mer mit die­sen Fra­gen ver­bun­den sein, weil es kei­ne Ton­auf­nah­men gibt. Durch schrift­li­che Auf­zeich­nun­gen und Auf­füh­run­gen mit In­stru­men­ten aus al­ter Zeit er­ge­ben sich im­mer­hin An­nä­he­run­gen, wie ein Beet­ho­ven zu sei­ner Zeit ge­klun­gen ha­ben mag. Ei­ne ganz prak­ti­sche, ge­nuss­vol­le und span­nen­de An­ge­le­gen­heit selbst für die Oh­ren von nor­ma­len Mu­sik­freun­den wird es, wenn ein Kon­zert in „his­to­ri­sche Auf­füh­rungs­pra­xis“an­steht. Das „Karls­ru­her Ba­rock­or­ches­ter“(KBO) hat sich sol­chem „Ori­gi­nal­klang“ver­schrie­ben, oh­ne sich auf je­ne Epo­che im En­sem­blena­men zu be­schrän­ken. Im neu­es­ten Kon­zert­pro­jekt spielt das KBO auf In­stru­men­ten aus der Zeit der Ro­man­tik. Und hat sich beim Pro­gramm für nichts we­ni­ger als ei­nen Pau­ken­schlag, nein, ei­nen „his­to­ri­schen Coup“ent­schie­den. Ein mu­si­ka­lisch wie lo­kal­ge­schicht­lich sehr am­bi­tio­nier­tes Pro­jekt. Das KBO spielt am 4. No­vem­ber im Karls­ru­her Kon­zert­haus die Sin­fo­nie Nr. 1 von Johannes Brahms – auf den Tag ge­nau 140 Jah­re nach der Urauf­füh­rung die­ses Werks in Karls­ru­he. Da­mit nicht ge­nug an his­to­ri­scher Ori­en­tie­rung: Brahms’ opus 68 ist be­glei­tet von al­len Wer­ken, die am 4. No­vem­ber 1876 im „Abon­ne­ments-Con­cert des Groß­her­zog­li­chen Hof-Orches­ters“er­klan­gen. „Wir re­kon­stru­ie­ren das gan­ze Urauf­füh­rungs­kon­zert in sei­nem Ablauf. Ei­ne gro­ße Her­aus­for­de­rung ist das, in je­der Hin­sicht. Oh­ne Spon­so­ren und viel­fäl­ti­ge Un­ter­stüt­zung aus der Kul­tur­sze­ne wä­re das Pro­jekt nicht zu sagt Ge­org Sie­bert, Or­ga­ni­sa­tor im KBO und Obo­ist. Sein In­stru­ment stammt von 1870 und ist viel kür­zer als die heu­te üb­li­chen Obo­en. „Un­se­re Flö­ten sind aus Holz und ha­ben manch­mal ei­nen El­fen­bein­kopf, die Strei­cher spie­len auf Darm- statt Stahl­sai­ten und Na­tur­hö­rer sind im Ein­satz. Das Fell der Pau­ken wird mit ei­ner Kur­bel ein­ge­stellt und mit ei­nem har­ten Le­der­schle­gel be­ar­bei­tet“, be­rich­tet der 46-jäh­ri­ge Sie­bert vom In­stru­men­ta­ri­um sei­ner Orches­ter­kol­le­gen fürs Brahms-Pro­jekt. Die meis­ten der 50 Frau­en und Män­ner im KBO le­ben in Karls­ru­he und sind frei­be­ruf­li­che Mu­si­ker so­wie In­stru­men­tal-Päd­ago­gen in der Stadt wie der Re­gi­on. Seit 1998 be­steht das Karls­ru­her Ba­rock­or­ches­ter. Es mu­si­ziert häu­fig bei am­bi­tio­nier­ten Chor­kon­zer­ten und hat 2014 ei­ne CD mit „Mu­sik am Karls­ru­her Hof 1720 bis 1820“ein­ge­spielt. Mit­wir­ken­de beim re­kon­stru­ier­ten Urauf­füh­rungs­abend sind die Karls­ru­her Ge­s­angs­Pro­fes­so­rin Chris­tia­ne Li­bor, So­pran, und Mar­kus Ha­dul­la, Kla­vier. Der Pia­nist stu­dier­te un­ter an­de­rem beim Hart­mut Höll in Karls­ru­he und ist Pro­fes­sor für Lied­be­glei­tung in Wi­en. Ne­ben drei Lie­dern für So­pran und Kla­vier er­klingt die Leo­no­ren-Ou­ver­tü­re von Beet­ho­ven, ei­ne Ca­vati­ne aus We­bers „Eu­ryan­the“und ei­ne Strei­cher­se­re­na­de von Volks­tem­men“, mann. Ein ziem­li­cher Stil­mix al­so aus heu­ti­ger Sicht, der zu­sätz­li­ches Hör-Er­stau­nen birgt. Für die Ge­samt­lei­tung wur­de Orches­ter-Ma­na­ger Sie­bert in der Fa­mi­lie fün­dig. Sein Bru­der Chris­toph Sie­bert ist ei­ner der jün­ge­ren Di­ri­gen­ten in der Ori­gi­nal­klan­gSze­ne. Er führt „con­cer­to clas­si­co frank­furt“und ist As­sis­tent von Phil­ip­pe Herre­weg­he. Wie aber nun wird sie klin­gen, die ers­te Brahms-Sin­fo­nie auf his­to­ri­schen In­stru­men­ten? „Schlan­ker und trans­pa­ren­ter als wir es durch den brei­ten ,Ka­ra­jan-Sound‘ in der Klas­sik ge­wohnt sind“, meint Ge­org Sie­bert. Er ver­spricht nichts we­ni­ger als „ro­man­ti­sche Mu­sik, die klingt, wie frisch kom­po­niert“. Dann wä­re die „wie­der­hol­te“Urauf­füh­rung ja kom­plett um­ge­setzt. Und fast per­fekt. Denn an den al­ten Schau­platz je­nes, auch von Brahms be­such­ten, Kon­zerts 1876 kann das KBO nicht mehr zu­rück. Der Saal in dem von Wein­bren­ner 1814 er­bau­ten „Haus der Mu­se­ums­ge­sell­schaft“wur­de be­reits 1835 von Hein­rich Hübsch ver­än­dert. Das Ge­bäu­de brann­te 1918 aus und wur­de 1924 re­kon­stru­iert. Heu­te ist die „Deut­sche Bank“ein­ge­zo­gen an je­ner Ecke von Kai­ser­stra­ße und Rit­ter­stra­ße, wo einst die Mu­sik spiel­te.

So sah der Karls­ru­her Saal aus, in dem am 4. No­vem­ber 1876 Brahms’ ers­te Sin­fo­nie ur­auf­ge­führt wur­de. Fried­rich Wein­bren­ner bau­te das „Haus der Mu­se­ums­ge­sell­schaft“. Fo­to: bpk/ Staat­li­che Kunst­hal­le Karls­ru­he

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