„Das kam al­les zu­rück“

Har­dy Krü­ger: Vom glü­hen­den Hit­ler-An­hän­ger zum Geg­ner des NS-Re­gimes

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN -

Nach­denk­lich steht Har­dy Krü­ger im Kon­fe­renz­raum des Ham­bur­ger Ver­lags Hoff­mann und Cam­pe und zeigt auf ein Fo­to in sei­nem neu­en Buch. „Da­mit Sie wis­sen, was der Aus­gangs­punkt für mei­ne Ar­beit ist“, sagt der 88-jäh­ri­ge Schau­spie­ler, Schrift­stel­ler und Wel­ten­bumm­ler. Auf dem Bild ist sei­ne kriegs­zer­stör­te Hei­mat­stadt Berlin im Jahr 1945 zu se­hen. Krü­gers jetzt er­schie­ne­ner Band heißt „Was das Le­ben sich er­laubt. Mein Deutsch­land und ich“. Da­rin er­in­nert er sich an sei­ne Ju­gend als über­zeug­ter Na­ziE­li­te­schü­ler und an sei­ne Wand­lung durch den UFA-Star Hans Söhn­ker.

Herr Krü­ger, schon bei an­de­ren Ge­le­gen­hei­ten hat­ten Sie sich über ih­re NS-Er­zie­hung und den po­si­ti­ven Ein­fluss Söhn­kers auf Sie ge­äu­ßert, et­wa in Fern­seh­do­kus. Er­zäh­len Sie nun zum ers­ten Mal Ih­re gan­ze Ju­gend­ge­schich­te?

Har­dy Krü­ger: Da­zu muss ich et­was aus­ho­len. Un­ter an­de­rem in mei­nen Bü­chern „Wan­der­jah­re“und „Sze­nen ei­nes Clowns“hat­te ich über die­se Er­fah­run­gen be­rich­tet – aber in Form von li­te­ra­ri­schen Er­zäh­lun­gen. Als dann von mei­nen Jour­na­lis­ten­freun­den Olaf Köh­ne und Pe­ter Käf­fer­lein die An­fra­ge zu die­sem Er­in­ne­rungs­band kam, woll­te ich mir das The­ma zu­nächst gar nicht mehr zu­mu­ten. Doch dann hat­te ich den Ge­dan­ken, dass ich da­rin schrift­lich dar­le­gen könn­te, was ich sonst Schü­lern in Gym­na­si­en er­zäh­le – ei­ne Ab­fol­ge von für mich prä­gen­den schlim­men und gu­ten Er­leb­nis­sen und Be­geg­nun­gen vor, wäh­rend und nach dem Krieg. Seit vie­len Jah­ren be­trei­be ich ja in Rat­häu­sern und an Schu­len der gan­zen Re­pu­blik Auf­klä­rungs­ar­beit ge­gen die Ge­fahr durch Rechts­ex­tre­mis­mus.

Sie schil­dern et­wa Ih­ren Kriegs­ein­satz in SS-Uni­form als 16-Jäh­ri­ger und das Ster­ben blut­jun­ger Ka­me­ra­den. Wie schwer ist es Ih­nen beim Schrei­ben ge­fal­len, sich die­se zum Teil un­vor­stell­bar schreck­li­chen Din­ge zu ver­ge­gen­wär­ti­gen?

Krü­ger: Als ich „ja“ge­sagt ha­be zu die­sem Buch, ha­be ich die­sen Aspekt tat­säch­lich nicht be­dacht. Denn all das war ja so lan­ge her und ich mein­te, da­mit längst fer­tig ge­wor­den zu sein. Doch ich ha­be die gan­ze Zeit, wäh­rend ich das Buch ge­schrie­ben ha­be, schlecht ge­schla­fen.

Gibt es et­was, was be­son­ders hef­tig oder häu­fig wie­der zu­rück­kam?

Krü­ger: Ich bin ja mit dem Tod auf­ge­wach­sen – was ich mir nicht aus­ge­sucht ha­be. Das ist al­les zu­rück­ge­kom­men. Zum Bei­spiel die Angst vor den Bom­ben auf Berlin, aber auch die Angst vor der Gesta­po. Die war ent­stan­den durch das, was ich von Söhn­ker über das Re­gime und sei­ne ei­ge­nen Ret­tungs­ak­tio­nen von Ju­den er­fah­ren ha­be. Und die Angst, die wir hat­ten, als wir un­ter den Trüm­mern ge­le­gen ha­ben – dar­über konn­te ich nie rich­tig spre­chen, nun aber schrei­ben.

Wa­ren Sie von die­sen Er­in­ne­run­gen zu­vor nie­mals heim­ge­sucht wor­den?

Krü­ger: Nein. Da­mit Sie mich nicht miss­ver­ste­hen: Nach­dem ich den Krieg über­lebt und Söhn­kers Er­zäh­lun­gen in mir vor­ge­stellt ha­be, wie wun­der­bar die Frau­en sind, ha­be ich ei­ne un­glaub­li­che Freu­de am Le­ben ent­wi­ckelt. Die­se Le­bens­lust hat mich im­mer be­glei­tet. Nun bin ich ein Glücks­kind ge­we­sen – das meis­te, was ich ma­chen woll­te, hat funk­tio­niert.

Was ge­nau wol­len Sie in dem Buch Ih­ren Le­sern ver­mit­teln?

Krü­ger: Ei­gent­lich woll­te ich mich zur Ru­he set­zen. Doch dann hat es mich wü­tend ge­macht, dass rech­te Grup­pie­run­gen jetzt in Lan­des­par­la­men­ten sit­zen. Das darf nicht sein. Die müs­sen raus­ge­wählt wer­den. avs Har­dy Krü­ger wur­de am 28. April 1928 als Sohn ei­nes In­ge­nieurs in Berlin ge­bo­ren. Sei­ne ers­te Film­rol­le spiel­te er 1943 un­ter Re­gie von Al­f­red Wei­den­mann im UFA-Pro­pa­gan­da-Film „Jun­ge Ad­ler“. Nach dem Krieg mach­te Krü­ger als ei­ner von we­ni­gen Deut­schen ei­ne in­ter­na­tio­na­le Lein­wand­kar­rie­re. So ver­kör­per­te er 1957 die Haupt­rol­le im Kriegs­film „Ei­ner kam durch“.

Mit sei­nem Buch will der Schau­spie­ler Har­dy Krü­ger vor al­lem jun­ge Men­schen vor Rechts­ex­tre­mis­mus und Frem­den­feind­lich­keit war­nen. Fo­to: avs

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