„Bel­gisch“spricht nie­mand

Fla­men un­ter­hal­ten sich auf Nie­der­län­disch, Wal­lo­nen auf Fran­zö­sisch

Der Sonntag (Mittelbaden) - - SONNTAGSKINDER - Tan­ja Ka­sisch­ke

Heu­te en­det die Frank­furt Buch­mes­se, ei­nes der größ­ten Tref­fen von Ver­la­gen und Au­to­ren welt­weit. In je­dem Jahr gibt es dort ein „Gast­land“oder ei­ne „Gast­re­gi­on“, dies­mal wa­ren die Nie­der­lan­de und Flan­dern Eh­ren­gäs­te der Buch­mes­se. Das be­deu­tet, Bü­cher nie­der­län­disch schrei­ben­der Au­to­ren wur­den (und wer­den) be­son­ders ge­wür­digt. Flan­dern heißt der nörd­li­che Teil Bel­gi­ens, in dem die Men­schen Nie­der­län­disch (Flä­misch) spre­chen. Sie nennt man Fla­men. Zwei von drei Bel­gi­ern sind Fla­men. Der fran­zö­sisch­spra­chi­ge, süd­li­che Lan­des­teil heißt Wal­lo­ni­en. Bel­gi­er ver­ste­hen und spre­chen bei­de Spra­chen, ha­ben aber im­mer ei­ne, die sie lie­ber ver­wen­den. Sa­rah Dhee­de­ne ist in Mons in Wal­lo­ni­en ge­bo­ren, ih­re Schwes­ter So­fie in Gent, das in Flan­dern liegt. Ih­re El­tern sind Fla­men. Mit ih­rer Schwes­ter und ih­rer Mut­ter spricht Sa­rah Fran­zö­sisch, mit ih­rer Groß­mut­ter Flä­misch. „In der Haupt­stadt Brüssel pas­siert es häu­fig, dass in Fa­mi­li­en bei­de Spra­chen ge­spro­chen wer­den. Im Rest des Lan­des ist es we­ni­ger üb­lich“, er­zählt die 36-Jäh­ri­ge. In Brüssel le­ben vie­le Wal­lo­nen wie Sa­rah, ob­wohl die Stadt im Lan­des­teil Flan­dern liegt. „Ich füh­le mich auch woh­ler, Fran­zö­sisch zu spre­chen, weil mei­ne Freun­de über­wie­gend Wal­lo­nen sind und ich im fran­zö­sisch­spra­chi­gen Teil Bel­gi­ens zur Schu­le ge­gan­gen bin“, be­grün­det sie. Je nach­dem, in wel­chem Lan­des­teil Bel­gi­ens Kin­der zur Schu­le ge­hen, wer­den sie auf Flä­misch (al­so Nie­der­län­disch) oder Fran­zö­sisch un­ter­rich­tet. Nur ei­ni­ge we­ni­ge Schu­len un­ter­rich­ten in bei­den Spra­chen. Bis vor 50 Jah­ren wur­de an der Uni­ver­si­tät von Leu­ven in Flan­dern nur auf Fran­zö­sisch ge­lehrt. Dann re­bel­lier­ten die Fla­men und ver­trie­ben die wal­lo­ni­schen Stu­die­ren­den. Die grün­de­ten dar­auf­hin ih­re ei­ge­ne, neue Hoch­schu­le. Ob­wohl mehr Bel­gi­er Fla­men sind, hat­te ih­re Spra­che in der Ge­schich­te des Lan­des ei­nen schlech­te­ren Stand. Nie­der­län­disch galt frü­her als Bau­ern­spra­che. Wer ge­bil­det war, sprach Fran­zö­sisch. Das war auch die Spra­che des bel­gi­schen Kö­nigs­hau­ses. Vie­le Fla­men wa­ren schlech­ter aus­ge­bil­det und ver­dien­ten we­ni­ger Geld als die Wal­lo­nen. In­zwi­schen gibt es recht­lich kei­ne Un­ter­schie­de mehr. Doch ge­nau­so wie sich je­mand in Deutsch­land als Bay­er, Frie­se, Schwa­be oder Sach­se fühlt, ha­ben die Bel­gi­er ei­ne star­ke flä­mi­sche oder wal­lo­ni­sche Iden­ti­tät. „Kein Teil des Lan­des kann oh­ne den an­de­ren exis­tie­ren. Bel­gi­en ist bei­des“, fin­det Sa­rah. Kli­schees über Fla­men und Wal­lo­nen gibt es so vie­le wie über Schwa­ben und Ba­de­ner. Sie sind so­gar ver­gleich­bar: „Fla­men gel­ten als ziel­stre­big, hart ar­bei­tend und gut or­ga­ni­siert, Wal­lo­nen als ge­müt­lich und herz­lich. Wal­lo­nen küs­sen sich zur Be­grü­ßung auf die Wan­ge, auch, wenn sie ei­nen Men­schen nur flüch­tig ken­nen. Fla­men ma­chen so­was höchs­tens bei ganz en­gen Freun­den oder Fa­mi­li­en­mit­glie­dern. Sie sind zu­rück­hal­ten­der.“Et­was ha­ben die Men­schen in bei­den Lan­des­tei­len Bel­gi­ens ge­mein­sam: Noch mehr als auf die Bü­cher flä­mi­scher Au­to­ren ste­hen sie

Je­der Bel­gi­er hat ei­ne Lieb­lings­spra­che

auf Co­mics. „Brüssel ist die Haupt­stadt der Co­mics“, sagt Sa­rah Dhee­de­ne. Zu ih­ren Fa­vo­ri­ten als Kind zähl­ten Bel­gi­ens Klas­si­ker Lu­cky Lu­ke, Die Schlümp­fe oder Tim und Strup­pi des Zeich­ners Her­gé. Der stamm­te aus ei­ner wal­lo­ni­schen Fa­mi­lie, aber hei­ra­te­te ei­ne Flä­min. Au­ßer­dem be­liebt: Bob und Bo­bet­te (auf Flä­misch: Sus­ke und Wis­ke), Ne­ro, oder Kwik und Flup­ke, die flä­mi­sche Co­mics sind, aber auch auf Fran­zö­sisch er­schei­nen. „Le­sen und Vor­le­sen funk­tio­nie­ren bei uns ge­nau­so wie in Deutsch­land. El­tern le­sen den jün­ge­ren Kin­dern Ge­schich­ten vor, die äl­te­ren lei­hen Bü­cher aus der Bi­b­lio­thek aus“, er­in­nert sich Sa­rah an ih­re Kind­heit. „Le­sen ge­hört da­zu.“Und heu­te? „Wenn ich ein Ge­schenk su­che und nicht weiß, was ich kau­fen soll, kau­fe ich ein Buch.“Ih­ren Freu­den ge­he es ähn­lich. „Des­halb ha­be ich ein gan­zes Re­gal vol­ler Bü­cher, die ich noch le­sen muss.“

Sind Fla­men die Schwa­ben Bel­gi­ens?

Der Grand Place (fran­zö­sisch: Gro­ßer Platz) be­zie­hungs­wei­se der Gro­te Markt (nie­der­län­disch: Gro­ßer Markt) ist der zen­tra­le Platz der bel­gi­schen Haupt­stadt Brüssel. Fo­to: fo­to­lia/si­raanam­wong

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