Ver­spä­tung kann sich loh­nen

Wo­für Flug­gäs­te Geld be­kom­men

Der Sonntag (Mittelbaden) - - REISE & URLAUB -

Ist der Flug ver­spä­tet oder wird er so­gar ge­stri­chen, dann ist die gu­te Lau­ne schnell da­hin. Doch wer die Ge­set­zes­la­ge kennt, der weiß: Ver­spä­tung kann sich mitt­ler­wei­le rich­tig loh­nen, zu­min­dest fi­nan­zi­ell. Denn seit 2004 ste­hen Pas­sa­gie­ren laut EU-Flug­gast­rech­te-Ver­ord­nung bei Ver­spä­tung, An­nul­lie­rung und Über­bu­chung ho­he Ent­schä­di­gun­gen zu – und das un­ab­hän­gig vom Ti­cket­preis. Bei ei­ner Flug­stre­cke bis 1 500 Ki­lo­me­ter wer­den bei mehr als drei­stün­di­ger Ver­spä­tung zum Bei­spiel 250 Eu­ro, bis 3 500 Ki­lo­me­ter 400 Eu­ro, ab 3 501 Ki­lo­me­ter 600 Eu­ro fäl­lig.

Air­lines pro­fi­tie­ren von Kun­den-Un­wis­sen­heit

Bald könn­ten die­se Sum­men so­gar noch hö­her aus­fal­len, denn geht es nach Yves Bot, Ge­ne­ral­an­walt des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs, könn­te in Zu­kunft auch Vo­gel­schlag als von der Air­line zu ver­ant­wor­ten­der Grund für ei­ne Flug­ver­spä­tung oder An­nul­lie­rung ein­ge­stuft wer­den – mit der Fol­ge, dass sie Ent­schä­di­gung leis­ten muss. Bis­lang galt Vo­gel­schlag als au­ßer­ge­wöhn­li­cher Um­stand, al­so als ein Zwi­schen­fall, der au­ßer­halb des Be­triebs­ri­si­kos der Flug­ge­sell­schaft liegt so wie schlech­tes Wet­ter, Vul­kan­aus­bruch und Flug­lot­sen­streik. Die Air­line war al­so nicht ver­pflich­tet, be­trof­fe­nen Pas­sa­gie­ren Scha­den­er­satz zu leis­ten. Das Ku­rio­se dar­an: Je bes­ser Pas­sa­gie­re ge­stellt sind, des­to we­ni­ger schei­nen sie ih­re Rech­te wahr­zu­neh­men. Laut Rechts­dienst­leis­ter Fair Pla­ne könn­ten al­lein deut­sche Pas­sa­gie­re je­des Jahr 760 Mil­lio­nen Eu­ro an Ent­schä­di­gung ver­lan­gen. Doch we­ni­ger als 40 Mil­lio­nen Eu­ro wer­den an be­trof­fe­ne Flug­gäs­te aus­ge­zahlt. Die üb­ri­gen 720 Mil­lio­nen Eu­ro be­hal­ten die Flug­li­ni­en ein. Der Grund: Nur fünf Pro­zent der Flug­gäs­te er­hal­ten ei­nen Aus­gleich, der Rest lässt die Ent­schä­di­gung schlicht­weg ver­fal­len. „Die Air­lines pro­fi­tie­ren von der Un­wis­sen­heit ih­rer Kun­den“, sagt Prof. Ro­nald Schmid, Rei­se­rechts­an­walt aus Wies­ba­den und Spre­cher von Fair Pla­ne. „Wir ha­ben fest­ge­stellt, dass neun von zehn Pas­sa­gie­ren ih­re Rech­te nicht ken­nen. Und wer sie nicht kennt, der kann sie auch nicht ein­for­dern, denn kei­ne Air­line zahlt frei­wil­lig.“Selbst für je­man­den, dem ei­ne Ent­schä­di­gung zu­steht, ist es oft müh­sam und zeit­rau­bend, an sein Geld zu kom­men. Denn häu­fig leh­nen die Flug­ge­sell­schaf­ten die For­de­run­gen ih­rer Kun­den mit un­recht­mä­ßi­gen Be­grün­dun­gen ab. Ger­ne ver­wen­det als Ent­schul­di­gung wird schlech­tes Wet­ter. Doch nicht je­des Ge­wit­ter hat mehr als drei St­un­den Ver­spä­tung zur Fol­ge. „Auch wenn die Air­line groß­zü­gig nach­gibt und ei­nen Gut­schein an­bie­tet, soll­ten Pas­sa­gie­re die Au­gen of­fen hal­ten“, rät Mat­thi­as Möl­ler vom In­ter­net-Por­tal Flug­ver­spae­tet.de. „Oft ist der gut­ge­schrie­be­ne Be­trag nied­ri­ger als der Ent­schä­di­gungs­be­trag – und die­ser er­lischt mit dem Ak­zep­tie­ren des Gut­scheins.“Wer sei­ne An­sprü­che ge­gen­über der Air­line prü­fen will, der muss nicht gleich ei­nen An­walt ein­schal­ten. Der wohl schnells­te Weg ist über die Web­sei­te ei­nes Rechts­dienst­leis­ters wie Fair Pla­ne, EU Claim, Fligh­tright oder auch Flug-ver­spae­tet.de. Dort las­sen sich un­ter Ein­ga­be des Flug­da­tums und der Flug­num­mer die tat­säch­li­che Ver­spä­tung und der Ent­schä­di­gungs­an­spruch prü­fen. Zu­nächst kos­ten­frei. Be­steht ein An­spruch und setzt der Di­enst­leis­ter die­sen ge­gen­über der Air­line er­folg­reich durch, fal­len zum Bei­spiel bei Fair Pla­ne bis zu 24,5 Pro­zent des er­strit­te­nen Werts zu­züg­lich Mehr­wert­steu­er an, an­de­re An­bie­ter ver­lan­gen mehr. Wer sei­ne Be­schwer­de be­reits er­folg­los an das Ver­kehrs­un­ter­neh­men ge­rich­tet hat, der kann sich mit sei­nem An­lie­gen auch an die Sch­lich­tungs­stel­le Öf­fent­li­cher Per­so­nen­ver­kehr (SÖP) in Berlin wen­den. Das Sch­lich­tungs­ver­fah­ren ist für Rei­sen­de gänz­lich kos­ten­frei. Es fal­len we­der Be­ar­bei­tungs­ge­büh­ren noch Er­folgs­ho­no­ra­re an. Der Vor­teil: Die meis­ten Fäl­le sind nach Aus­kunft der Sch­lich­ter bin­nen drei bis vier Wo­chen ab­ge­schlos­sen. Am Sch­lich­tungs­ver­fah­ren neh­men der­zeit et­wa 260 Ver­kehrs­un­ter­neh­men teil, dar­un­ter Air Berlin, Con­dor, Luft­han­sa, Ger­ma­nia, Ger­m­anwings, Tuif ly, Bil­ligf lie­ger wie Rya­nair, Ea­sy­jet und Wizz Air, die Deut­sche Bahn und zahl­rei­che Bus- und Schiffs­un­ter­neh­men. Sie fi­nan­zie­ren die Sch­lich­tungs­stel­le auch. Des­halb hat sich SÖP-Ge­schäfts­füh­rer Heinz Klewe von Kri­ti­kern in der Ver­gan­gen­heit Ei­ni­ges an­hö­ren müs­sen: „Be­den­ken be­ste­hen des­we­gen, weil der pri­va­te Trä­ger­ver­ein der SÖP zu ei­nem Teil aus Ver­kehrs­un­ter­neh­men be­steht und die Sch­lich­tung von Strei­tig­kei­ten über Flug­gast­rech­te un­ter an­de­rem von Luft­fahrt­un­ter­neh­men fi­nan­ziert wird“, sagt Rei­se­rechts­an­walt Schmid. Es sei da­von aus­zu­ge­hen, dass die Sch­lich­tungs­stel­le in ver­hält­nis­mä­ßig we­ni­gen Fäl­len den Luft­fahrt­un­ter­neh­men die voll­stän­di­ge Zah­lung des Aus­gleichs­an­spruchs emp­feh­le. Zu Deutsch: Bei der Sch­lich­tung wür­den dem Kun­den ger­ne mal nur 300 Eu­ro an­ge­bo­ten statt der 600, die ihm ei­gent­lich zu­ste­hen. Mit ju­ris­ti­schen Bei­stand er­hiel­ten mehr als 90 Pro­zent sei­ner Man­dan­ten hun­dert Pro­zent ih­rer For­de­rung, so Schmid. SÖP-Ge­schäfts­füh­rer Klewe kon­tert: „Un­ab­hän­gig­keit ist das höchs­te Gut der Sch­lich­tungs­stel­le, und die SÖP ist un­ab­hän­gig. Rei­sen­de be­kom­men, wenn das Recht dem ent­spricht, die vol­le Ent­schä­di­gungs­sum­me zu­ge­spro­chen. Da ist nichts mit Rechtsan- spruch ge­teilt durch zwei. Die SÖP ist selbst­ver­ständ­lich dem Recht und der Rechts­la­ge ver­pflich­tet.“Von der Sat­zung her sei die 2009 ge­grün­de­te SÖP, an die sich mitt­ler­wei­le je­des Jahr mehr als 10 000 Rei­sen­de wen­den, nicht nur von der Bun­des­re­gie­rung als Ver­brau­cher­schlich­tungs­stel­le an­er­kannt, son­dern auch ver­pflich­tet, kei­nen Ge­winn zu ma­chen, so Klewe. Selbst der Ver­brau­cher­zen­tra­le Bun­des­ver­band (VZ­BV), eben­falls im SÖP-Trä­ger­ver­ein, emp­feh­le Rei­sen­den, sich vor dem Gang zum kos­ten­pflich­ti­gen An­walt an die SÖP zu wen­den.

GESTÖRTER VER­KEHR KEIN MALHEUR: Ver­spä­tun­gen ab drei St­un­den kön­nen sich Flug­gäs­te mit bis zu 600 Eu­ro ver­gol­den las­sen. Vie­le ver­zich­ten je­doch aus Un­wis­sen­heit auf ih­re An­sprü­che. Fo­to: dpa

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