Ein Heil­trunk für die Queen

Im Rhein­gau wach­sen nicht nur ex­zel­len­te Weiß­wei­ne

Der Sonntag (Mittelbaden) - - REISE & URLAUB - Diet­mar Scherf

Wenn bei Rü­des­heim am Rhein Frau­en im blau­en Ge­wand durch die Wein­ber­ge zie­hen, wird ei­ne ur­al­te Tra­di­ti­on le­ben­dig. Die Frau­en sind Non­nen und le­sen Trau­ben für das Wein­gut ih­rer Ab­tei St. Hil­de­gard. „Bei uns im Klos­ter ist die Le­se ei­ne Art Fest“, be­rich­tet Win­zer­schwes­ter Thek­la Baum­gart. Klös­ter brach­ten den Wein­bau im Rhein­gau zur Blü­te und be­grün­de­ten da­mit den Ruhm der Re­gi­on. Bis heu­te gel­ten die Reb­hän­ge west­lich von Wies­ba­den bis ins en­ge Mit­tel­rhein­tal als ei­nes der bes­ten Ries­ling-An­bau­ge­bie­te der Welt. „Ego sum vi­tis – vos pal­mi­tes“, „Ich bin der Reb­stock, ihr seid die Re­ben“: Die­se Wor­te sym­bo­li­sie­ren die Ge­mein­schaft von Chris­tus und den Gläu­bi­gen, was auch in ei­nem Ge­mäl­de an der nörd­li­chen Sei­ten­wand in der Ab­tei­kir­che St. Hil­de­gard dar­ge­stellt ist. Die Hei­li­ge Hil­de­gard setz­te Re­ben­saft im 12. Jahr­hun­dert zu the­ra­peu­ti­schen Zwe­cken ein. Sie mein­te, „der Wein heilt und er­freut den Men­schen mit sei­ner wohl­tu­en­den Wär­me und gro­ßen Kraft“. So be­kommt der Sor­gen­bre­cher ei­nen bei­na­he hei­li­gen Touch und lässt Wan­de­rer und Kul­tur­rei­sen­de schnell in den Klos­ter­la­den ne­ben­an wech­seln. Dort gibt es ei­nen fein fruch­ti­gen Ries­ling „Ab­ba­tis­sa“(„Äb­tis­sin“) und ei­nen fein her­ben Ries­ling „Pil­ger­trunk“, die „Er­fri­schung für un­ter­wegs“. Mehr Wei­ne hal­ten die Wir­te an der Dros­sel­gas­se be­reit, wo sich Lo­kal an Lo­kal reiht, Ja­pa­ner, Ame­ri­ka­ner und an­de­re Tou­ris­ten­grup­pen ge­gen­sei­tig vor­an schie­ben. Im As­bach-Be­su­cher-Cen­ter ist al­les über die Pro­duk­ti­on des Wein­brands „As­bach Ur­alt“ zu er­fah­ren: dass „Ur­alt“die lan­ge Rei­fe­zeit be­tont, der Wer­be­slo­gan Kult­sta­tus hat und dass wäh­rend des 1. Welt­krie­ges im Jahr 1917 die ge­sam­te Pro­duk­ti­on „zur Si­cher­und stel­lung des Hee­res­be­darfs“ein­ge­setzt wur­de. Über Rü­des­heims Haus­berg kann man sich vom Ries­ling zum Rot­wein chauf­fie­ren las­sen, zu­nächst per Seil­bahn bis zur rie­sen­gro­ßen Bron­ze­sta­tue „Ger­ma­nia“auf dem Gip­fel. Das 38 Me­ter ho­he Denk­mal sym­bo­li­siert die Wie­der­er­rich­tung des deut­schen Kai­ser­rei­ches nach dem deutsch-fran­zö­si­schen Krieg 1870/71. Auf der an­de­ren Berg­sei­te schau­kelt ein Ses­sel­lift die Pas­sa­gie­re nach Ass­manns­hau­sen hin­un­ter. Die dicht am Dorf steil auf­stei­gen­den Wein­hän­ge bil­den die „Rot­wein­in­sel im Ries­ling­meer“des Rhein­gaus. Auf dem bläu­li­chen Tau­nus-Phyl­lit­schie­fer­bo­den ge­dei­hen ex­zel­len­te Spät­bur­gun­der, et­wa der sam­tig-her­be Rot­wein vom Höl­len­berg, ein höl­lisch gu­ter Trop­fen, der sei­ne La­gen­be­zeich­nung al­ler­dings harm­los von Hal­de – Steil­la­ge – ab­lei­tet. Bei Gei­sen­heim thront über den Wein­stock­rei­hen Schloss Jo­han­nis­berg. Als im 18. Jahr­hun­dert die Für­stäb­te von Fulda hier das Sa­gen hat­ten, wur­de an­geb­lich die Spät­le­se zu­fäl­lig ent­deckt. Die da­zu ge­hö­ren­de An­ek­do­te sagt, dass sich 1775 der Rei­ter mit dem Ern­te­be­fehl aus Fulda ver­spä­te­te. Die be­reits an­ge­faul­ten Trau­ben wur­den trotz­dem ge­le­sen und zu Wein ver­ar­bei­tet. Bei der Ver­kos­tung brach Ju­bel aus, so et­was ha­be man zu­vor „noch nicht in den Mund ge­bracht“. Wei­ter öst­lich am Wald­rand bei Hat­ten­heim um­fasst ei­ne bei­na­he drei Ki­lo­me­ter lan­ge Mau­er den St­ein­berg, „ei­ne der wert­volls­ten La­gen der Welt“. Mit­ar­bei­ter der Hes­si­schen Staats­wein­gü­ter be­wirt­schaf­ten den Hang und bie­ten Füh­run­gen durch ei­nen der mo­derns­ten Wein­kel­ler Eu­ro­pas an. Als Kon­trast­pro­gramm kön­nen die his­to­ri­schen Wein­kel­ler im be­nach­bar­ten Klos­ter Eber­bach be­sich­tigt wer­den. Seit 1803 ist es in welt­li­chem Be­sitz. 1985 dien­te die An­la­ge als Ku­lis­se für In­nen­auf­nah­men zum Film „Der Na­me der Ro­se“nach dem Ro­man von Um­ber­to Eco. Im süd­öst­li­chen Zip­fel des Rhein­gaus liegt vor den To­ren Frank­furts Hoch­heim am Main. Die eng­li­sche Kö­ni­gin Vic­to­ria pro­bier­te

Ei­ne Fla­sche Ries­ling für un­ter­wegs

dort wäh­rend ei­ner Rei­se im Jahr 1845 Trau­ben und Wein. Sie soll be­rauscht vom Ge­schmack ge­we­sen sein und ließ sich fort­an im­mer ein paar Fläsch­chen nach En­g­land schi­cken. Vi­el­leicht war dies ja das Re­zept, dass sie bis ins ho­he Al­ter fit blieb. Je­den­falls soll sie oder je­mand in ih­rem Um­feld ei­nes Tages be­fun­den ha­ben: „Good Hock keeps off the Doc“, („Gu­ter Hoch­hei­mer macht den Arzt ent­behr­lich“), wenn auch nur die we­nigs­ten wuss­ten, dass mit „Hock“Hoch­heim ge­meint ist. So wur­de ei­ne Ver­ball­hor­nung zum Syn­onym für gu­ten deut­schen Weiß­wein.

Film­rei­fe Ku­lis­se: Die his­to­ri­schen Wein­kel­ler im Klos­ter Eber­bach sind seit 1803 in welt­li­chem Be­sitz. Hier wur­den Sze­nen des Fil­mes „Der Na­me der Ro­se“nach Um­ber­to Eco ge­dreht. Fo­to: Scherf

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