Köp­fe der Re­for­ma­ti­on

Gro­ße Aus­stel­lung im Me­lan­chthon­haus Bret­ten

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Tho­mas Liebs­cher

Der Ruf nach ei­ner durch­grei­fen­den Ve­rän­de­rung der christ­li­chen Kir­che hat­te um 1500 in Deutsch­land (und wei­ten Tei­len Eu­ro­pas) ei­ne ähn­li­che Qua­li­tät wie der Ruf nach Um­welt­schutz in den 1970er Jah­ren bis heu­te. So be­schreibt es Tho­mas Kauf­mann in sei­nem Buch „Re­for­ma­ti­on. 100 Sei­ten“aus dem Re­clam Ver­lag. „Als ver­ant­wor­tungs­vol­ler Zeit­ge­nos­se konn­te man ei­gent­lich nicht da­ge­gen sein“gibt Kauf­mann das „Ge­fühl“am Vor­abend des Auf­tre­tens von Mar­tin Lu­ther vor nun 499 Jah­ren wie­der. Am 31. Ok­to­ber 1517 soll der Theo­lo­ge Lu­ther in Wit­ten­berg sei­ne Ver­bes­se­rungs­ide­en in 95 The­sen an die Tür der Schloss­kir­che an­ge­bracht ha­ben. Der für Latein­kun­di­ge ge­dach­te „Auf­schrei“, in­zwi­schen als Re­for­ma­ti­ons­tag 31. Ok­to­ber ge­wür­digt, gilt als Be­ginn je­ner Re­for­ma­ti­on, die zu ei­ner neu­en christ­li­chen Kon­fes­si­on und der evan­ge­li­schen Kir­che führ­te. Da­bei mein­te Re­for­ma­ti­on da­mals das Wie­der­her­stel­len ei­ner gu­ten Sa­che, die im­mer mehr Män­gel er­hal­ten hat­te. Da­von war die christ­li­che Kir­che hef­tig be­trof­fen. Der Papst in Rom, die Bi­schö­fe, Pfar­rer und Mön­che sa­hen sich Kri­tik der Gläu­bi­gen aus­ge­setzt. Fach­leu­te wie Lai­en wun­der­ten sich über Geld­aus­ga­ben für Pracht­bau­ten an­statt Ver­sor­gung der Ar­men. Das we­nig tu­gend­haf­te Le­ben von Kle­ri­kern fiel auf und be­son­ders em­pö­rend fan­den es vie­le, dass man sich in der Papst­kir­che für Geld von al­ten und künf­ti­gen Sün­den frei­kau­fen konn­te. Vor al­lem ge­gen die­sen so­ge­nann­ten Ablass wet­ter­te Mar­tin Lu­ther. In Re­den, Flug­blät­tern und Bü­chern. Er war der ers­te „Ket­zer“, der sei­ne Ide­en dank des Buch­drucks un­ter Volk brach­te. In den Schrif­ten konn­ten sich die Men­schen in ganz Deutsch­land dann ein Bild ma­chen, wie die­ser auf­säs­si­ge, ar­gu­men­ta­ti­ons­star­ke Mann aus dem heu­ti­gen Sach­sen-An­halt denn aus­sah. Na­tür­lich in­ter­es­sier­te da­zu, wer sei­ne Mit­strei­ter wa­ren. Al­so je­ne Pfar­rer und Theo­lo­gi­en, die als An­hän­ger Lu­thers in ih­rer Hei­mat die re­for­ma­to­ri­schen Ide­en in Pre­dig­ten und Bi­bel­aus­le­gung füh­rend um­et­wa setz­ten. Neue For­men des Got­tes­diens­tes und Re­geln für Ge­mein­de und Kir­che vor al­lem. Die heu­ti­ge Evan­ge­li­sche Lan­des­kir­che in Ba­den hat­te ih­ren geis­ti­gen Ur­sprung in den Ide­en und Ve­rän­de­run­gen je­ner Zeit. Al­le ent­schei­dungs­star­ken „Mul­ti­pli­ka­to­ren“in Lu­thers Zeit nennt man Re­for­ma­to­ren. In den Nie­der­lan­den, Skan­di­na­vi­en oder an­de­ren Län­dern gab es eben­falls sol­che Er­neue­rer – mit mal mehr, mal we­ni­ger in­halt­li­cher An­bin­dung an den Wit­ten­ber­ger. Den ein­fluss­rei­chen neu­en Kir­chen­män­nern im deutsch­spra­chi­gen Raum wid­met sich ei­ne groß an­ge­leg­te Aus­stel­lung im Bret­tener Me­lan­chthon­haus. Be­kann­te Na­men sind da­bei und wohl sol­che zum Ent­de­cken. Do­ku­men­tiert wer­den durch Ta­feln und Vi­tri­nen Le­ben und Schrif­ten von Mar­tin Bu­cer (1491–1551). Er mach­te Straß­burg zu ei­nem süd­deut­schen Zen­trum der neu­en Glau­bens­form. Die Re­for­ma­ti­on in Würt­tem­berg wur­de durch ihn be­glei­tet. Füh­ren­der Re­for­ma­tor in je­nem Land war Jo­han­nes Brenz (1499– 1570). Wie Bu­cer hat­te er in Hei­del­berg stu­diert und war elek­tri­siert vom Auf­tritt Lu­thers bei ei­ner dor­ti­gen Dis­kus­si­on 1518. Brenz ist dar­ge­stellt als stren­ger Herr mit Kopf­be­de­ckung Ba­rett und Über­rock, der so­ge­nann­ten Schau­be. Dar­über trägt er noch ein wei­ßes Ge­wand nach alt­kirch­li­cher Tra­di­ti­on. Ge­nau um sol­che De­tails geht es Ma­ria Lu­cia Wei­gel, Kunst­his­to­ri­ke­rin und Ku­ra­to­rin der Aus­stel­lung „ Re­for­ma­to­ren im Bild­nis – Ver­schlüs­sel­te Bot­schaf­ten“. Wie wur­de Mar­tin Lu­ther im Lau­fe sei­nes Le­bens bild­lich dar­ge­stellt? Zu­nächst ent­spre­chend sei­ner Bio­gra­fie als Mönch und Aus­le­ger der Bi­bel. Dann mit Dok­tor­hut als Schrift­ge­lehr­ter, der durch ei­ne Wulst über den Au­gen­brau­en als Tat­mensch ge­kenn­zeich­net ist. So ei­ner kämpft wie ein Lö­we ge­gen die Pap­st­an­hän­ger und für die Wahr­heit des Evan­ge­li­ums. Der Künst­ler Lu­kas Cra­nach der Äl­te­re be­glei­te­te die Ent­wick­lung Lu­thers mit Ge­mäl­den und Druck­gra­fi­ken. Wenn der Re­for­ma­tor als „Jun­ker Jörg“auf der Wart­burg dar­ge­stellt ist, dann als Ver­folg­ter, der nicht mehr vor­schrifts­mä­ßig als Kle­ri­ker ge­klei­det sein kann und sich so­gar ei­nen Bart des Wi­der­stands wach­sen lässt. Spä­ter taucht ein mil­der, re­prä­sen­ta­ti­ver Glau­bens­füh­rer auf, der auch Ehe­mann ist und sich mit sei­ner Frau Kat­ha­ri­na Bo­ra zeigt. Mit vie­len Text­ta­feln und Ab­bil­dun­gen aus ei­ge­nem Be­stand be­stückt ist die da­durch eng ge­wor­de­ne Ge­dächt­nis­hal­le des Me­lan­chthon­hau­ses Bret­ten. Es lohnt sich durch­aus, auf die Spu­ren von Re­for­ma­to­ren wie Ul­rich Zwing­li oder Jo­han­nes Cal­vin samt ih­rer Bild­nis­se zu ge­hen. In der Bret­tener Ge­denk­stät­te sind sol­che gro­ßen evan­ge­li­schen Män­ner im Denk­mal­sta­tus stän­dig prä­sent. Nun lernt man sie mit Bil­dern ih­rer Zeit ken­nen. Die Re­for­ma­ti­on er­hält da­mit mehr als nur ein Ge­sicht.

Die­ses 1903 er­bau­te Bret­tener Mu­se­um und Ge­dächt­nis­haus er­in­nert an Phil­ipp Me­lan­chthon. Er stammt aus der Kraich­gau­stadt und war ein ganz wich­ti­ger Mit­strei­ter des Re­for­ma­tors Mar­tin Lu­ther. Fo­to: bo

Mar­tin Lu­ther 1521: An­ony­mes Bild nach Lu­kas Cra­nach d.Ä. Fo­to: Me­lan­chthon­haus: Bret­ten

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