Al­les Kneipp oder was?

Bad Wö­ris­ho­fen: Ku­r­ort statt Kuh­dorf

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaub -

Es muss ein ech­ter Hy­pe ge­we­sen sein, da­mals, 1886, als Pfar­rer Kneipp im 1 100-Ein­woh­ner-Dorf Wö­ris­ho­fen prak­ti­zier­te. Die Mas­sen ström­ten in das Kuh­dorf. Sie schlie­fen auf dem Dach­bo­den, auf Stroh oder in Kam­mern, die ge­schäfts­tüch­ti­ge Wö­ris­ho­fer schnell ge­räumt hat­ten. 14 100 Gäs­te wa­ren es ins­ge­samt, und al­le woll­ten den als Wun­der­hei­ler ge­prie­se­nen se­hen, der gar kein Dok­tor war, son­dern ein Pfar­rer. Aber was für ei­ner: Ei­ner, der schon vor 130 Jah­ren wuss­te, wie er sei­nen Na­men zu Geld ma­chen konn­te – zum Woh­le der Pa­ti­en­ten, ver­steht sich. Da­mals hat der als Beicht­va­ter der Do­mi­ni­ka­ne­rin­nen nach Wö­ris­ho­fen ge­kom­me­ne Pfar­rer sei­ne Le­bens­phi­lo­so­phie über die Ba­lan­ce zwi­schen Kör­per und Geist er­folg­reich ver­brei­tet. Ganz­heit­lich wür­de man sei­ne Leh­re heu­te nen­nen. Und weil das al­les zu sei­ner Zeit schon so gut an­kam, bei Reich und Arm glei­cher­ma­ßen, hat er von den ei­nen or­dent­lich kas­siert und die an­de­ren für Got­tes Lohn be­han­delt. Wenn man durch Bad Wö­ris­ho­fen geht, scherz­te kürz­lich ein Gast, ist es fast wie in Chi­na. Nur dass nicht der Gro­ße Vor­sit­zen­de all­ge­gen­wär­tig ist, son­dern Pfar­rer Kneipp. Auf Bil­dern und Auf­stel­lern, als Büs­te und als Sta­tue, mit Hund und Zi­gar­re oder mil­de lä­chelnd als Por­trät. Im Kneipp-Mu­se­um kann man nicht nur sei­ne Le­bens­ge­schich­te nach­le­sen oder sei­ne Phi­lo­so­phie, man kann auch sei­ne To­ten­mas­ke be­wun­dern und das be­schei­de­ne Zim­mer, in dem sein schma­les Bett stand. hat­te nichts da­ge­gen, dass er zu ei­ner Art Aus­hän­ge­schild von Wö­ris­ho­fen wur­de. Da­mals be­schrieb ein Zeit­ge­nos­se den Ort als „bäu­risch durch und durch“. Das hat sich gründ­lich ge­än­dert, seit Kneipp selbst mit dem Se­bas­tia­ne­um, dem Kin­de­r­asyl und dem Kn­eip­pia­num Heil­stät­ten ge­baut und die Barm­her­zi­gen Brü­der nach Wö­ris­ho­fen ge­holt hat, die sein Er­be ver­wal­ten soll­ten. 1920 wur­de das Dorf vom Baye­ri­schen Staats­mi­nis­te­ri­um zum Bad ge­adelt, 1949 wur­de das ehe­ma­li­ge Kuh­dorf zur Stadt. Na­tür­lich gibt es hier längst ein Kur­haus und ein Ku­r­or­ches­ter. Es gibt Fünf-Ster­ne-Ho­tels und Kur­pen­sio­nen, und es gibt die Ther­me Bad Wö­ris­ho­fen, die all je­ne an­zieht, die vor al­lem Spaß ha­ben wol­len. Doch die DNA des Or­tes ist im­mer noch Kneipp. 2015 wur­de das Na­tur­heil­ver­fah­ren nach Kneipp in die Lis­te des im­ma­te­ri­el­len Kul­tur­er­bes auf­ge­nom­men. An 22 öf­fent­li­chen An­la­gen kann man heu­te Was­ser tre­ten oder ein Arm­bad ma­chen. Im re­stau­rier­ten Kn­eip­pia­num kann man sich ei­nen Ge­sichts­guss ver­pas­sen las­sen oder per mor­gend­li­cher kal­ter Wa­schung auf den Tag vor­be­rei­ten. Es lässt sich aber auch bei Ker­zen­licht me­di­tie­ren und so zur in­ne­ren Ba­lan­ce fin­den, die Kneipp am Her­zen lag. Noch vor dem Kn­eip­pia­num ent­stand das Se­bas­tia­ne­um. 1891 ge­grün­det, war es das ers­te Kur­haus in Wö­ris­ho­fen. Schon drei Ta­ge nach der Er­öff­nung ka­men 100 Kur­gäs­te zum Mit­tags­tisch. Ih­nen gab der al­les an­de­re als as­ke­tisch wir­ken­de Kneipp mit auf den Weg: „Wenn du merkst, du hast ge­ges­sen, hast du schon zu viel ge­ges­sen.“Im his­to­ri­schen Sprech­zim­mer, wo er prak­ti­zier­te, sind heut­zu­ta­ge die Heil­fas­ten­den un­ter sich. Bei­de Ho­tels at­men noch im­mer den Geist ih­res Grün­ders, auch wenn hier mehr-

Na­tur­heil­ver­fah­ren ist Welt­kul­tur­er­be

mals um- und an­ge­baut wur­de. Heu­te bie­ten Kn­eip­pia­num und Se­bas­tia­ne­um Spa, Sau­na, Fit­ness und Pool, aber eben auch et­was für die See­le. In den Haus­ka­pel­len gibt’s wie frü­her täg­lich ei­ne Mes­se, auf den Gän­gen läuft hier und da ei­ne Or­dens­schwes­ter über den Weg. Trotz al­len mo­der­nen Kom­forts, mit dem sich die Häu­ser auf den Zeit­geist ein­stel­len, ver­leug­nen sie nicht ih­re Wur­zeln. Und das, sagt Chris­tia­ne-Ma­ria Rapp, Lei­te­rin der Kn­eipp­schen Stif­tun­gen, kom­me gut an bei den Men­schen von heu­te. Nicht nur die Stamm­gäs­te, son­dern auch im­mer mehr jun­ge Leu­te sind über­zeugt da­von, dass Kn­eipps Na­tur­heil­ver­fah­ren so zeit­ge­mäß ist wie lan­ge nicht. No­to­ri­sche Lang­schlä­fer müs­sen den­noch kei­ne Angst ha­ben, nachts um vier Uhr für ei­ne Gan­zKn­eipp kör­per­pa­ckung oder ei­nen kal­ten Guss aus dem Schlaf ge­ris­sen zu wer­den. Warm­du­scher dür­fen sich auch ganz all­mäh­lich an die Wohl­tat kal­ten Was­sers ge­wöh­nen, das zu Kn­eipps Zei­ten als In­be­griff der Vi­ta­li­tät galt. Kneipp war sich sei­ner und der Wir­kung sei­ner Kur si­cher. Und er wuss­te, dass auch Wö­ris­ho­fen von ihm pro­fi­tier­te. Nicht nur durch die Sa­na­to­ri­en, die er mit ei­ge­nem Geld bau­en ließ. Auch durch den Ruf, den der „Was­ser­dok­tor“welt­weit ge­noss. Fal­sche Be­schei­den­heit kann­te er da­bei nicht: „Wer als Seel­sor­ger auch den ma­te­ri­el­len Wohl­stand hebt, wirkt dop­pelt“, war er über­zeugt. Der Hy­pe um den heil­kun­di­gen Pfar­rer ist zwar Ge­schich­te, aber sei­ne ge­samt­heit­li­che Leh­re wird ge­ra­de wie­der neu ent­deckt. Und 2017, wenn sein 120. To­des­tag an­steht, fei­ert der ge­sund­heits­be­wuss­te Pfar­rer gar ei­ne Wie­der­auf­er­ste­hung – in ei­nem Volks­Mu­si­cal.

Kur­ver­wal­tung 86825 Bad Wö­ris­ho­fen, Luit­pold-Leus­ser-Platz 2, Te­le­fon: (0 82 47) 9 93 30. www.bad-woeris­ho­fen.de

In Bad Wö­ris­ho­fen gibt es Un­ter­künf­te für je­den Ge­schmack und je­den Geld­beu­tel. Im Kn­eip­pia­num zahlt man in der Haupt­sai­son für ein Dop­pel­zim­mer mit Kneipp-Pen­si­on ab 156 Eu­ro. www.kn­eip­pia­num.de

Im Se­bas­tia­ne­um kos­tet das Dop­pel­zim­mer mit Halb­pen­si­on ab 180 Eu­ro. Bei län­ge­rem Auf­ent­halt wird es güns­ti­ger. www.se­bas­tia­ne­um.de

Städ­ti­sche At­mo­sphä­re: Einst war Bad Wö­ris­ho­fen ein Kuh­dorf, heu­te ist die 14 000-Ein­woh­ner-Stadt ein be­deu­ten­der Ku­r­ort – Pfar­rer Kneipp, der Arm­bad und Was­ser­tre­ten sa­lon­fä­hig mach­te, sei Dank. Fo­to: Kneipp-Ori­gi­nal Bad Wö­ris­ho­fen

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