Neu­es Rei­se­recht mit Ha­ken

Der Ent­wurf für das Ge­setz, das 2018 um­ge­setzt wer­den soll, liegt jetzt vor

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaub -

On­line-Bu­chun­gen, Baustein-Rei­sen, Flug­por­ta­le: Die Art und Wei­se, wie wir Ur­laub bu­chen, hat sich mit dem In­ter­net grund­le­gend ver­än­dert. Wenn et­was schief geht, dann wird al­ler­dings im­mer noch das Pau­schal­rei­se­recht aus der Vor-In­ter­net­zeit an­ge­wen­det. Das soll sich jetzt än­dern: 2018 kommt ein neu­es Rei­se­recht, der Ent­wurf liegt vor. Der we­sent­li­che Auf­re­ger da­rin: Rei­se­ver­käu­fern wird er­laubt, noch nach der Bu­chung un­ter Um­stän­den mehr Geld zu ver­lan­gen. Was än­dert sich noch? Wir be­ant­wor­ten die wich­tigs­ten Fra­gen.

Neu sind „ver­bun­de­ne Rei­se­leis­tun­gen“: Wer auf ver­link­ten Web­sei­ten in­ner­halb von 24 St­un­den zum Bei­spiel Flug und Ho­tel oder Miet­wa­gen bucht, hat künf­tig pau­schal­rei­se­ähn­li­che Rech­te. Wenn der An­bie­ter in sol­chen Fäl­len kei­nen Pau­schal­rei­se­schutz ge­wäh­ren will, dann muss er das künf­tig ein­deu­tig klar­stel­len. Die Re­gel gilt auch für meh­re­re Rei­se­leis­tun­gen un­ter­schied­li­cher An­bie­ter, die in ei­nem sta­tio­nä­ren Rei­se­bü­ro zu­sam­men er­wor­ben wur­den. Das Rei­se­bü­ro wird da­durch prak­tisch zum Ver­an­stal­ter. Das neue Ge­setz, das ei­ne EU-Richt­li­nie um­setzt, soll zu­dem die un­ter­schied­li­chen Vor­schrif­ten in den EU-Mit­glieds­län­dern ver­ein­heit­li­chen. Wer et­wa ei­ne Fluss­kreuz­fahrt bei ei­ner nie­der­län­di­schen Ree­de­rei bucht, der soll die­sel­ben Rech­te ha­ben wie beim deut­schen An­bie­ter. Bei hö­he­rer Ge­walt, et­wa ei­ner Vul­kanA­sche­wol­ke, muss nach dem Ge­setz­ent­wurf der Ver­an­stal­ter künf­tig al­le Mehr­kos­ten ei­nes ver­zö­ger­ten Rück­flugs tra­gen, da­zu die ers­ten drei Über­nach­tun­gen, die durch die ver­spä­te­te Rück­rei­se not­wen­dig wer­den.

Schon heu­te müs­sen Ur­lau­ber nach­träg­li­che Preis­er­hö­hun­gen um bis zu fünf Pro­zent ak­zep­tie­ren – al­ler­dings nur, wenn zwi­schen Bu­chung und Rei­se vier Mo­na­te lie­gen und die Kos­ten des Ver­an­stal­ters nach­weis­lich ge­stie­gen sind – et­wa, weil sich der Wech­sel­kurs ge­än­dert hat. Künf­tig dür­fen die Rei­se­un­ter­neh­men bis 20 Ta­ge vor Rei­se­be­ginn bis zu acht Pro­zent auf­schla­gen, wenn das im Klein­ge­druck­ten so vor­ge­se­hen ist (und das wird in der Re­gel der Fall sein). Der Ver­an­stal­ter darf so­gar um mehr als acht Pro­zent er­hö­hen; dann muss er dem Ur­lau­ber al­ler­dings ein Rück­tritts­recht ein­räu­men, je­doch nicht mehr wie bis­her ei­ne gleich­wer­ti­ge Er­satz­rei­se an­bie­ten.

Be­reits seit 1980 gel­ten in Deutsch­land be­son­de­re Re­geln für Ver­an­stal­terRei­sen: Wenn et­was schief­geht, muss sich der Ur­lau­ber nicht mit dem tür­ki­schen Ho­te­lier her­um­är­gern, son­dern kann sei­nen hei­mi­schen Ver­an­stal­ter in Haf­tung neh­men. Kauft der Rei­sen­de da­ge­gen Ho­tel oder Flug ein­zeln im Rei­se­bü­ro oder Netz, dann ist der Ver­käu­fer nur Rei­se­mitt­ler und haf­tungs­mä­ßig aus dem Schnei­der. Die­se Lü­cke wird jetzt zu­min­dest für Rei­sen ge­schlos­sen, bei de­nen meh­re­re Ein­zel­leis­tun­gen beim sel­ben Ver­käu­fer er­wor­ben wur­den.

Kon­su­men­ten­schüt­zer ha­ben auf­ge­deckt, dass der Pau­schal­rei­se­schutz bei ver­bun­de­nen Leis­tun­gen leicht un­ter­lau­fen wer­den kann. Da­zu reicht es be­reits, wenn der Ur­lau­ber sei­nen Na­men, die E-Mail-Adres­se und Bank­ver­bin­dung je­des­mal neu ein­gibt. Eben­falls är­ger­lich: Nach­träg­li­che Preis­er­hö­hun­gen auch über acht Pro­zent gel­ten als still­schwei­gend ge­neh­migt, wenn der Kon­su­ment nicht wi­der­spricht. Und selbst wer das tut, hat ein Pro­blem: Kurz vor Ablauf der 20-Ta­ge-Frist wird er für ein be­lieb­tes Ziel in der Hoch­sai­son kei­nen gleich­wer­ti­gen Er­satz zum al­ten Preis fin­den. Wei­te­re Är­ger­nis­se aus Sicht der Ver­brau­cher­schüt­zer: Wenn ei­ne Rei­se sich „er­heb­lich än­dert“, muss der Ver­an­stal­ter kei­ne „Er­satz­rei­se“mehr an­bie­ten. Schwei­gen des Ur­lau­bers auch bei er­heb­li­cher Ver­trags­än­de­rung gilt als Zu­stim­mung. „Sol­che Än­de­run­gen kann der Rei­se­ver­an­stal­ter theo­re­tisch so­gar am Tag des Rei­se­be­ginns noch vor­neh­men“, klagt der Bun­des­ver­band der Ver­brau­cher­zen­tra­len. Klei­ne­re („un­we­sent­li­che“) Ab­wei­chun­gen von der ge­buch­ten Rei­se müs­sen to­le­riert wer­den, wenn sie für den Durch­schnitts­ur­lau­ber ak­zep­ta­bel sind. Und hö­he­re Stor­no­sät­ze wer­den wohl eben­falls mög­lich sein.

Auch die Ver­bän­de der sta­tio­nä­ren Rei­se­bü­ros lau­fen Sturm: Sie sind sich jetzt schon si­cher, dass die welt­weit agie­ren­den, gro­ßen In­ter­net-Por­ta­le wei­ter­hin We­ge fin­den wer­den, der Haf­tung bei ver­bun­de­nen Rei­se­leis­tun­gen aus­zu­kom­men. Das klei­ne Rei­se­bü­ro um die Ecke, so die Er­war­tung, tappt je­doch un­ver­se­hens in die Fal­le: Ver­passt al­so bei­spiels­wei­se ein Pas­sa­gier den Flug, weil die da­zu ge­buch­te An­rei­se mit der Bahn ver­spä­tet ist, muss das Rei­se­bü­ro künf­tig da­für ge­ra­de ste­hen. Bis­her gibt es die­se Art der Ver­an­stal­ter­haf­tung nur bei Pau­schal­rei­sen. Wei­te­rer Knack­punkt: Der Ge­set­zes­ent­wurf will nicht­ge­werb­li­che Rei­se­an­bie­ter wie Kir­chen, Schu­len und Ver­ei­ne aus­neh­men. Die Rei­se­bü­ros lau­fen da­ge­gen Sturm. Auch sol­len sie künf­tig zum Ab­schluss ei­nes In­sol­venz­schut­zes ver­pflich­tet wer­den, den es so bis­lang nur für Rei­se­ver­an­stal­ter gibt. „Für vie­le Rei­se­bü­ros wä­re all dies kaum zu schul­tern und so­mit so­gar exis­tenz­be­dro­hend“, sorgt sich der Deut­sche Rei­se­ver­band. Die Or­ga­ni­sa­ti­on der Rei­se­bü­ros be­fürch­tet dar­über hin­aus neue bü­ro­kra­ti­sche und fi­nan­zi­el­le Las­ten durch Aus­kunfts- und In­for­ma­ti­ons­pflich­ten und die Un­ter­stüt­zung der Rei­sen­den in Fäl­len hö­he­rer Ge­walt.

Die EU hat im ver­gan­ge­nen Jahr die Richt­li­nie ver­ab­schie­det. Seit Ju­ni liegt der Ent­wurf des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums vor. Ak­tu­ell wer­den die Ver­bän­de an­ge­hört. Gül­tig wer­den sol­len die neu­en Pa­ra­gra­fen erst zum Ju­li 2018. Da bleibt noch viel Zeit für Lob­by­is­ten al­ler Sei­ten.

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