„Wie ein Bor­dell“

Ma­ri­us Mül­ler-Wes­tern­ha­gen hält nicht mehr viel von der Mu­sik­in­dus­trie

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN - Jen­ny To­bi­en

Ma­ri­us Mül­ler-Wes­tern­ha­gen zählt zu den er­folg­reichs­ten deut­schen Künst­lern – und weiß, dass er mit­un­ter als schwie­rig gilt. Da­bei ma­che er ein­fach nur, was er wol­le, sag­te der 67-Jäh­ri­ge bei sei­nem „Un­plug­ged“-Kon­zert, zu dem jetzt das Album er­scheint. Zum In­ter­view kommt Wes­tern­ha­gen gut ge­launt und gibt sich äu­ßerst kom­mu­ni­ka­tiv. Er er­klärt, wes­halb ihn die heu­ti­ge Mu­sik­in­dus­trie an ein Bor­dell er­in­nert und war­um er sei­nen ei­ge­nen Er­folg nicht mehr aus­ge­hal­ten hat.

Ih­re „Un­plug­ged“-Show wirkt fast wie ein Fa­mi­li­en­tref­fen. Sie tre­ten mit Ih­rer Le­bens­ge­fähr­tin auf und das ers­te Mal über­haupt mit Toch­ter Mimi. Wie hat sich das an­ge­fühlt?

Ma­ri­us Mül­ler-Wes­tern­ha­gen: Für mich war das re­la­tiv nor­mal, weil ich das Pri­va­te vom Künst­le­ri­schen tren­nen kann. Ich bin mit mei­ner Toch­ter oder mei­ner Le­bens­ge­fähr­tin ge­nau­so kri­tisch wie mit je­dem an­de­ren, wenn es um Mu­sik geht. In dem Mo­ment ist es je­mand, der ver­sucht, Kunst zu pro­du­zie­ren, und nicht mein Fa­mi­li­en­mit­glied.

Mimi ist bei ih­rer Mut­ter in En­g­land auf­ge­wach­sen, wo kaum ei­ner ih­ren Nach­na­men kennt. War das ein Vor­teil oder ein Nach­teil?

Wes­tern­ha­gen: Bei­des. Es war ein Ver­lust, weil ich sie ein­fach nicht so oft ge­se­hen ha­be, wie es für ei­nen Va­ter nö­tig wä­re. Aber es war ein Ge­winn, weil sie das gan­ze Thea­ter, das um mich her­um ge­sche­hen ist, nicht mit­be­kom­men hat. Das hat sie nor­ma­ler auf­wach­sen las­sen.

Das „Thea­ter“nahm in den 1990er Jah­ren un­ge­heu­re Aus­ma­ße an. Sie zo­gen gi­gan­ti­sche Mas­sen in die Sta­di­en. War der plötz­li­che Ab­schied von der gro­ßen Büh­ne ei­ne Art Selbst­schutz?

Wes­tern­ha­gen: Ich ha­be 1999 auf­ge­hört, weil ich das, was auf mich pro­ji­ziert wur­de, nicht mehr aus­hal­ten konn­te. Das hat­te nichts mehr mit mir zu tun. Da ge­rätst du in ei­ne Rol­le, die du nicht mehr aus­fül­len kannst und nicht aus­fül­len willst. Die Er­war­tun­gen an mich wa­ren über­zo­gen. Das war wie in hei­li­gen Mes­sen. Die Leu­te ha­ben mir ih­re Kin­der hoch­ge­hal­ten. Da wur­de es mir un­heim­lich.

Zum Un­plug­ged-Kon­zert ha­ben Sie auch Ih­ren al­ten WG-Kum­pel Udo Lin­den­berg ein­ge­la­den. Mit ihm und Ot­to Waal­kes ha­ben Sie einst in Ham­burg ge­wohnt. Was er­in­nern Sie aus die­ser Zeit?

Wes­tern­ha­gen: Udo ken­ne ich ja schon sehr sehr lan­ge. Wir lern­ten uns ken­nen, als wir bei­de noch un­be­kannt wa­ren. Aber ich hab nie wirk­lich in der WG ge­wohnt, son­dern im­mer in dem Zim­mer des­je­ni­gen ge­schla­fen, der ge­ra­de ver­reist war. Wenn das nicht ging, gab es noch ei­ne Dach­kam­mer mit al­ten Zei­tun­gen und ei­ner Ma­trat­ze – dann ha­be ich da über­nach­tet. Wir ha­ben viel zu­sam­men ins Glas ge­schaut und ge­re­det.

Ein paar Jah­re zu­vor ha­ben Sie als Re­gie-As­sis­tent in Mün­chen ge­ar­bei­tet und bei Uschi Ober­mai­er und Rai­ner Lang­hans in der Kom­mu­ne 1 ge­wohnt. Wie kam das denn?

Wes­tern­ha­gen: Die Kom­mu­ne 1 gab es zu die­sem Zeit­punkt schon nicht mehr. Aber die bei­den leb­ten zu­sam­men, das war zu der Zeit, als Uschi Ober­mai­er die Af­fä­re mit Mick Jag­ger hat­te.

Sie sind seit fünf Jahr­zehn­ten im Ge­schäft, was wa­ren Ih­rer Mei­nung nach die bes­ten Zei­ten für die Mu­sik?

Wes­tern­ha­gen: Ganz klar die 60er und 70er Jah­re. Rock ’n’ Roll war da­mals an ei­nem Punkt, durch die nächs­te Tür zu ge­hen und ei­ne Kunst­form zu wer­den, so wie es Jazz ge­wor­den ist. Mit Bob Dy­lan, Led Zep­pe­lin, den Beat­les, Ji­mi Hen­d­rix und und und. Das sind al­les Leu­te, die heu­te bei ei­nem Ma­jorLa­bel wohl kei­nen Ver­trag mehr be­kom­men wür­den, weil sie nicht in die Rund­funk­for­ma­te pas­sen. Die Qua­li­tät der Mu­sik ist seit­her schon sehr run­ter­ge­fah­ren wor­den. Es hat nichts mehr wirk­lich mit Mu­sik zu tun, es ist heu­te mehr wie in ei­nem Bor­dell. Ei­ne rie­si­ge Grup­pe von Pro­sti­tu­ier­ten bie­dert sich an – so­wohl den Me­di­en als auch dem Pu­bli­kum.

Wes­tern­ha­gen macht seit fünf Jahr­zehn­ten Mu­sik. Im In­ter­view spricht er über per­sön­li­che Frei­hei­ten und sei­ne WG-Er­fah­run­gen mit Udo Lin­den­berg oder Uschi Ober­mai­er. Fo­to: avs

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