Russ­land fei­ert die Trans­sib

Vor 100 Jah­ren voll­ende­te das Za­ren­reich die längs­te Bahn­stre­cke der Welt

Der Sonntag (Mittelbaden) - - REISE & URLAUB - Mar­co Wehr

Von me­di­ta­ti­ver Stil­le ist am Ja­rosla­wer Bahn­hof in Mos­kau zu­nächst nichts zu spü­ren. Erst als die Wag­gon­tü­ren mit ei­nem lau­ten Ruck schlie­ßen, ver­stummt der Tru­bel auf dem Bahn­steig schlag­ar­tig. Lang­sam fährt die Lo­ko­mo­ti­ve an, und ganz all­mäh­lich lässt der kom­for­ta­ble Za­ren­gold-Ex­press die Haupt­stadt hin­ter sich. Ka­san liegt ei­ne hal­be Nacht ent­fernt und grüßt mit leuch­ten­den Zwie­bel­tür­men und Mi­na­ret­ten. In der Haupt­stadt der Ta­ta­ren trifft Ori­ent auf Ok­zi­dent, ei­ne Be­geg­nung, die sich im Stadt­bild ein­drucks­voll wi­der­spie­gelt. Je­ka­te­r­in­burg ist der letz­te gro­ße Vor­pos­ten Eu­ro­pas, be­vor der Zug den Ural und da­mit die Gren­ze zu Asi­en pas­siert – Bäu­me, Bäu- me, Bäu­me, in al­len Grö­ßen und so weit das Au­ge reicht. Ganz gleich, ob links oder rechts vom Ural, die oft ge­nann­te Kon­ti­nen­tal­schei­de ist ei­ne will­kür­lich ge­zo­ge­ne Li­nie. Wod­ka­pro­ben, Schach­par­ti­en ge­gen Mi­t­rei­sen­de, Vor­trä­ge, Voll­pen­si­on und Aus­flü­ge rund um die Zwi­schen­hal­te las­sen die Zeit wie im Flu­ge ver­ge­hen. Denn der Za­ren­gold-Ex­press ist kein her­kömm­li­ches Ver­kehrs­mit­tel, son­dern ei­ne äu­ßerst be­que­me Kreuz­fahrt auf Schie­nen. Vor­bei an ver­streu­ten Holz­haus-Dör­fern und Mi­ni-Wei­lern, die– je wei­ter nach Os­ten– in Zahl und Grö­ße im­mer un­be­deu­ten­der wer­den, rat­tert er un­er­müd­lich in Rich­tung Bai­kal­see. Für vie­le Pas­sa­gie­re ist er der Hö­he­punkt der Rei­se. Weit­ge­hend un­be­rühr­te Na­tur, Fluss- au­en, dich­te Na­del­wäl­der, die fast bis an die Glei­se rei­chen, Ge­bir­ge am Ho­ri­zont und die ein­ma­li­ge Was­ser­welt ma­chen den Reiz des Stre­cken­ver­laufs aus. Die nun fol­gen­de Pan­ora­ma­tras­se auf Schie­nen kann lo­cker mit traum­haf­ten Küs­ten­stra­ßen mit­hal­ten. Na­tür­lich ist ein Stopp di­rekt am See fest ein­ge­plant, wo sich mit et­was Glück Bai­kal­rob­ben se­hen las­sen. Hin­ter Ir­kutsk ist kaum noch Rus­sisch zu hö­ren, da­für Ewen­kisch, Tschu­wa­schisch und an­de­re si­bi­ri­sche Spra­chen mit exo­ti­scher Me­lo­die. Spä­tes­tens jetzt ist Eu­ro­pa fern und das Ziel der Rei­se nicht mehr weit ent­fernt. Im Ge­gen­satz zum Bai­kal­see grüßt die Brü­cke von Cha­ba­rowsk un­spek­ta­ku­lär. Ganz schnör­kel­los steht die gut drei Ki­lo­me­ter lan­ge, mo­der­ne Stahl-Brü­cke mit ih­ren Be­tonPy­lo­nen im Hoch­was­ser des Amur. Vor hun­dert Jah­ren noch das letz­te feh­len­de Puz­zle­stück, ist sie heu­te ei­ne un­ter vie­len ent­lang der lan­gen Rou­te. Sie funk­tio­niert zu­ver­läs­sig auf zwei Eta­gen – oben Au­to­bahn, dar­un­ter Bahn­tras­se. Mit der Ein­wei­hung der Brü­cke von Cha­ba­rowsk über den Amur voll­ende­te das Za­ren­reich die längs­te Bahn­stre­cke der Welt.Die Er­in­ne­rung dar­an ist ein na­tio­na­les Groß­er­eig­nis. Acht Zeit­zo­nen und über 9 000 Ki­lo­me­ter vom Start in Mos­kau ent­fernt, rat­tert der Zug in den Haupt­bahn­hof von Wla­di­wos­tok ein, der Groß­stadt am Ja­pa­ni­schen Meer. Ei­ne sal­zi­ge Bri­se vom Pa­zi­fik emp­fängt die Pas­sa­gie­re auf dem Bahn­steig. Die Rei­se en­det hier, ein Rei­ni­gungs­team macht sich mit gro­ßer Eile an die Rei­ni­gung der Wag­gons, denn schon bald fährt die Ros­si­ja 1/2 zu­rück nach Eu­ro­pa. Für die meis­ten geht es nach ei­ner letz­ten Sight­see­ing-Tour in Russ­lands Fer­nem Os­ten mit dem Flie­ger wie­der zu­rück nach Hau­se – mit je­der Men­ge un­ver­gess­li­chen Er­in­ne­run­gen im Ge­päck. Und der Ge­wiss­heit: Auch nach 100 Jah­ren lebt Russ­lands My­thos Trans­si­bi­ri­sche Ei­sen­bahn wie eh und je.

Un­be­rühr­te Na­tur ist Hö­he­punkt der Rei­se

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