Auf­ge­fal­len

Der Sonntag (Mittelbaden) - - AKTUELL - Wolf­gang We­ber

Wer braucht schon Haus­auf­ga­ben?

Es war ein Ex­pe­ri­ment mit ziem­lich kla­rem Er­geb­nis: Im Kan­ton Schwyz in der Schweiz wur­den 1993 die Haus­auf­ga­ben für Schü­ler kom­plett ab­ge­schafft. Vier Jah­re spä­ter führ­te man sie wie­der ein. Dann wur­den die Leis­tun­gen der Schü­ler aus Schwyz mit de­nen aus ei­nem an­de­ren Kan­ton ver­gli­chen. Das we­nig über­ra­schen­de Er­geb­nis: Die Schü­ler, die vier Jah­re lang kei­ne Haus­auf­ga­ben ma­chen muss­ten, wa­ren we­der klü­ger noch düm­mer als die an­de­ren. Aber: Die Schü­ler aus dem Kan­ton Schwyz wa­ren deut­lich mo­ti­vier­ter und fühl­ten sich ge­rin­ger be­las­tet als ih­re Mit­schü­ler mit Haus­auf­ga­ben. Haus­auf­ga­ben! Es gab wohl we­nig, was schlim­mer und über­flüs­si­ger war in der Schu­le. Ge­macht wur­den sie meis­tens nur von je­nen Schü­lern, die oh­ne­hin am bes­ten wa­ren. Die an­de­ren muss­ten sich dann früh­mor­gens je­man­den su­chen, bei dem sie Ma­the, Bio oder Ge­schich­te ab­schrei­ben konn­ten. Was für ei­ne Zeit­ver­schwen­dung! Meh­re­re Stu­di­en ha­ben ge­zeigt, dass Haus­auf­ga­ben kei­nen nach­weis­ba­ren Ein­fluss auf die Schul­no­ten ha­ben – sie sind wohl eher ein päd­ago­gi­sches Ri­tu­al, das sich über die Jahr­hun­der­te ge­ret­tet hat. „Gu­te Schü­ler“, sagt der Dresd­ner Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­ler Hans Gäng­ler, „wer­den durch Haus­auf­ga­ben nicht un­be­dingt noch bes­ser, und schlech­te Schü­ler be­grei­fen zu Hau­se durch blo­ßes Wie­der­ho­len noch lan­ge nicht, was sie schon am Vor­mit­tag nicht rich­tig ver­stan­den ha­ben.“Der frü­he­re Vor­sit­zen­de des Bun­des­el­tern­rats, Hans-Pe­ter Vo­ge­ler, drück­te 2013 auf der Bil­dungs­mes­se Did­ac­ta noch dras­ti­scher aus. „Haus­auf­ga­ben sind Haus­frie­dens­bruch. Über­le­gen Sie mal, wie viel Streit da­durch in ei­ne Fa­mi­lie kommt.“In Spa­ni­en ha­ben Fa­mi­li­en der „Haus­auf­ga­ben-Flut“jetzt den Krieg er­klärt. Im No­vem­ber sol­len die Haus­auf­ga­ben zu­nächst nur an den Wo­che­n­en­den „be­streikt“wer­den, wie der Dach­ver­band der Fa­mi­li­en mit Kin­dern an öf­fent­li­chen Schu­len mit­teil­te. Ziel der Kam­pa­gne sei die gänz­li­che Ab­schaf­fung der Haus­auf­ga­ben. Kin­der hät­ten nur noch sel­ten Zeit zum Spie­len, be­ton­te der Dach­ver­band, der lan­des­weit mehr als 12 000 El­tern­ver­ei­ni­gun­gen ver­tritt. So­mit wer­de in Spa­ni­en Ar­ti­kel 31 der UN-Kin­der­rechts-Kon­ven­ti­on ver­letzt, wo­nach Kin­der ein Recht auf Ru­he, Frei­zeit und Spiel ha­ben, hieß es. Man darf ge­spannt sein, wie die Leh­rer re­agie­ren. Ver­mut­lich ha­gelt’s Straf­ar­bei­ten.

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