Hun­ger und Tod aus der Luft

Karls­ru­he im Ers­ten Welt­krieg: Die Stadt mit den meis­ten zi­vi­len Op­fern durch Bom­ben­an­grif­fe

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Tho­mas Liebs­cher

Vor 100 Jah­ren rich­te­ten sich die Deut­schen auf den drit­ten Win­ter des Ers­ten Welt­kriegs ein. Wäh­rend an den Fron­ten in Frank­reich, Bel­gi­en und Ost­eu­ro­pa die Sol­da­ten im Stel­lungs­krieg zer­mürbt und ab­ge­schlach­tet wur­den, lit­ten auch die Men­schen in der Hei­mat im Jahr 1916 im­mer mehr. Sie hun­ger­ten. Die in Deutsch­land pro­du­zier­ten Le­bens­mit­tel reich­ten für ei­ne Ver­sor­gung oh­ne Ein­schrän­kung nicht mehr aus. „Das Brot war des­halb be­reits seit 1915 ra­tio­niert. Lau­gen­bre­zeln durf­ten gar nicht mehr her­ge­stellt wer­den. Spä­ter konn­te man nur ge­gen Brot­schei­ne ein­kau­fen. Das Mehl be­ka­men die Bä­cker von ei­ner neu­en Fir­ma ,Mehl­ver­sor­gung Karls­ru­he‘ “, weiß Karls­ru­hes Stadt­ar­chi­var Ernst Otto Bräun­che. Auch Kar­tof­feln, Milch und Fleisch wa­ren ra­tio­niert. Die Stadt rich­te­te 1916 in der Fest­hal­le, im Städ­ti­schen Kli­ni­kum so­wie an wei­te­ren Stel­len Kriegs­kü­chen ein, um Mahl­zei­ten her­zu­stel­len, die an vie­len Stel­len der Stadt aus­ge­ge­ben wur­den. Au­ßer­dem be­eil­te sich die Ver­wal­tung, Ge­län­de am Stadt­rand in „Kriegs­gär­ten“um­zu­wan­deln. Die Klein­gar­ten­ko­lo­ni­en Dam­mer­stock und Zol­le­rä­cker dien­ten als Vor­bild. Doch im Win­ter 1916/17 reich­te auch die­se öf­fent­li­che Ver­sor­gung nicht, um den Man­gel nach Miss­ern­ten aus­zu­glei­chen. Äl­te­re und schwa­che Men­schen star­ben an Un­ter­ernäh­rung. Bis zum Kriegs­en­de 1918 soll­ten noch Seu­chen wie die Ruhr und Epi­de­mi­en wie die Grip­pe hin­zu­kom­men. In Mann­heim bei­spiels­wei­se star­ben 10 000 Men­schen an Un­ter­ernäh­rung und sol­chen ge­fähr­li­chen Krank­hei­ten, wie der dor­ti­ge Stadt­ar­chi­var Ul­rich Niess in ei­nem ge­ra­de er­schie­ne­nen Buch über Städ­te im Ers­ten Welt­krieg schreibt. Die­ses Buch ent­hält ne­ben Er­kennt­nis­sen über Berlin, Pa­ris, Wi­en, Nan­cy oder Eu­pen meh­re­re Auf­sät­ze zu Karls­ru­he und Mann­heim. Her­aus­ge­ge­ben wur­de das Buch „Städ­te im Krieg – Er­leb­nis, Ins­ze­nie­rung und Er­in­ne­rung des Ers­ten Welt­kriegs“von den His­to­ri­kern Ernst Bräun­che und Ste­phan San­der-Fa­es. (Thor­be­cke Ver­lag, 232 Sei­ten, 29 Eu­ro.) Am heu­ti­gen Volks­trau­er­tag wird die Er­in­ne­rung an die Op­fer von Krieg und Ge­walt­herr­schaft ge­pflegt. Beim Blick auf den Ers­ten Welt­krieg vor 100 Jah­ren kom­men die zi­vi­len To­ten in der Hei­mat stär­ker ins Be­wusst­sein. Zu­mal die­ser von Deutsch­lands Kai­ser und Ge­ne­rä­len leicht­fer­tig be­gon­ne­ne Krieg nach Karls­ru­he hin­ein­ge­tra­gen wur­de. Die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten er­mög­lich­ten An­grif­fe auf die Zi­vil­be­völ­ke­rung fern der Schlacht­fel­der. Flug­zeu­ge tru­gen erst­mals sys­te­ma­tisch Zer­stö­rung in geg­ne­ri­sche Städ­te. Der Land- krieg wur­de auf die Luft aus­ge­wei­tet. Mit Bom­ben soll­te der Feind im Hin­ter­land ge­trof­fen wer­den. Die neue Di­men­si­on bei der mi­li­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zung be­traf Ba­den be­son­ders. Für fran­zö­si­sche Flug­zeu­ge war es ein na­hes Ein­satz­ge­biet. Bom­ben­tref­fer soll­ten al­ler­dings von vie­len Zu­fäl­len ab­hän­gen. Die Pi­lo­ten flo­gen oh­ne Ziel­ge­rä­te auf Sicht. Der ers­te Luft­kriegs­to­te war im De­zem­ber 1914 in Frei­burg zu be­kla­gen. Und sie­ben Kin­der der Breis­gau­stadt star­ben im April 1915 durch Bom­ben­split­ter. „Am En­de des Krie­ges 1918 war Karls­ru­he zwar nicht die Stadt mit den meis­ten Luft­an­grif­fen, aber die mit den meis­ten zi­vi­len To­des­op­fern“, sagt Ernst Otto Bräun­che. In ganz Deutsch­land for­der­te der Ers­te Welt­krieg 768 Luft­kriegs­to­te, bei Bom­ben auf Karls­ru­he star­ben 168 Men­schen. Der ers­te An­griff auf die Fä­cher­stadt aus der Luft war zwei Ta­ge vor den be­reits ab­ge­sag­ten Fei­ern zum 200. Stadt­ge­burts­tag. Am 15. Ju­ni 1915 wa­ren 29 To­te und 58 Ver­letz­te zu be­kla­gen. Da­bei war die Be­völ­ke­rung we­nig vor­be­rei­tet auf die Ge­fahr von oben. Neu­gier über das un­er­war­te­te Ge­sche­hen in der Luft dräng­te vie­le auf Stra­ßen und Plät­ze. Ob­wohl die Stadt­ver­wal­tung über Alarm durch Si­re­nen in­for­miert hat­te. Aber bei der An­griffs­wel­le von 25 fran­zö­si­schen Flug­zeu­gen fiel ei­ne zi­vi­le Alar­mie­rung zu­nächst aus. Rund ein Jahr spä­ter soll­ten auf dem Renn­bu­ckel der Süd­west­stadt und in Rint­heim zwar Ka­no­nen ge­gen Flug­zeu­ge auf­ge­stellt sein. Doch die­ser Schutz konn­te nicht ver­hin­dern, dass am Fron­leich­nams­tag 1916 in Karls­ru­hes Zen­trum 71 Kin­der und 49 Er­wach­se­ne durch ei­nen Luft­an­griff am Nach­mit­tag star­ben. Die Bom­ben tra­fen Men­schen, die ge­ra­de ein Zelt des Zir­kus Ha­gen­beck am Fest­platz in der Ett­lin­ger Stra­ße ver­las­sen hat­ten. Als An­lass für das schwe­re Bom­bar­de­ment vom 22. Ju­ni gilt heu­te Ver­gel­tung der Fran­zo­sen für ei­nen deut­schen An­griff auf Bar-LeDuc am Him­mel­fahrts­tag 1916. Bis zum En­de der fünf­jäh­ri­gen Völ­ker­schlacht 1914 bis 1918 soll­ten zwölf wei­te­re An­grif­fe auf die hun­gern­den Karls­ru­her nie­der­ge­hen. Wa­ren die Flie­ger­to­ten pas­si­ve Op­fer oder war ih­nen, wie den Sol­da­ten, ein „he­roi­scher Tod fürs Va­ter­land“zu­zu­schrei­ben? Die­se Fra­ge be­schäf­tig­te nach Kriegs­en­de die Stadt. Zu­mal ei­ne Ge­mein­schafts­grab­an­la­ge für die Luft­kriegs­op­fer auf dem Haupt­fried­hof ein re­prä­sen­ta­ti­ves Denk­mal er­hal­ten soll­te. Es kam nicht zu­stan­de – in Ge­gen­satz zum 1930 ein­ge­weih­ten Eh­ren­mal für ge­fal­le­ne Sol­da­ten. Das al­ler­dings we­ni­ger Trau­er als „Dank“an die Kämp­fer und Er­neue­rung durch ih­ren Op­fer­tod aus­drü­cken soll­te. Alex­an­dra Kai­ser, Lei­te­rin des Pfinz­gau­mu­se­ums Dur­lach, hat die Karls­ru­her Ge­schich­te der Kriegs­er­in­ne­rung mit Denk­ma­len er­forscht. Das Buch „Städ­te im Krieg“ent­hält ei­nen Auf­satz von ihr da­zu. Beim ers­ten Volks­trau­er­tag 1925 sei das Ge­den­ken an die Flie­ger­to­ten schon au­ßen vor ge­blie­ben, weil die im Fel­de Ge­fal­le­nen im Vor­der­grund stan­den. Erst 1993, nach An­re­gung durch ei­nen Le­ser­brief in den BNN, wur­de ein Mahn­mal mit In­schrift am Grä­ber­feld der Karls­ru­her Luft­kriegs­op­fer auf­ge­stellt.

Auf dem Karls­ru­her Haupt­fried­hof wur­de für die Luft­kriegs­to­ten des Ers­ten Welt­kriegs ein Grä­ber­feld an­ge­legt. Ei­ne Mahn- und Ge­denk­s­te­le mit Wür­fel – als Zei­chen für die Zu­fäl­lig­keit der zi­vi­len Op­fer – steht aber erst seit 1993. Nach 1918 er­hielt meist nur der „he­roi­sche Sol­da­ten­tod“Denk­mal­wür­di­gung. Fo­to: Ar­tis

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