Das En­de der Bör­te­boo­te?

Hel­go­land: Das „Aus­boo­ten“soll im­ma­te­ri­el­les deutsches Kul­tur­er­be wer­den

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN - Mat­thi­as Be­nirsch­ke

Im ver­rauch­ten Bü­ro des Brü­cken­ka­pi­täns ist es ne­be­lig. Um den al­ten Tisch sit­zen grau­haa­ri­ge Män­ner in blau­en Fi­scher­hem­den, dar­un­ter Karl-Heinz, Klaus, Adolf und als ein­zi­ge Frau Li­lo. Hin­ter ih­nen hän­gen Schwarz-Weiß-Bil­der von ernst drein­bli­cken­den Bör­te­boot-Ka­pi­tä­nen, „die im Meer ge­blie­ben sind“, wie Brü­cken­ka­pi­tän Bern­hard tro­cken an­merkt. Al­le Ver­sam­mel­ten eint die Sor­ge um die tra­di­ti­ons­rei­chen Holz­boo­te, die prak­tisch je­der Hel­go­land-Tou­rist kennt. Denn auch an dem an man­chen Ecken et­was aus der Zeit ge­fal­le­nen Hel­go­land geht die Ent­wick­lung nicht vor­bei. Die Bör­te­boo­te wur­den be­nö­tigt, um die Be­su­cher von den Aus­flugs­damp­fern auf Deutsch­lands ein­zi­ge Hoch­see­insel zu brin­gen. Doch jetzt fin­den man­che auf der In­sel das Aus­boo­ten nicht mehr zeit­ge­mäß. Bar­rie­re­frei soll der Zu­gang sein und so sol­len mehr Tou­ris­ten an­ge­lockt wer­den. Da­zu sol­len mehr An­le­ge­mög­lich­kei­ten ent­ste­hen. Das En­de der Bör­te­boo­te? Nicht, wenn es nach dem Wil­len der Män­ner und Li­lo im Brü­cken­bü­ro geht. Auch sie glau­ben nicht ernst­haft, dass sie die Ent­wick­lung auf­hal­ten kön­nen. Aber ver­su­chen kann man das ja mal. Jetzt wol­len sie das Aus­boo­ten als im­ma­te­ri­el­les deutsches Kul­tur­er­be schüt­zen las­sen. „Der An­trag ist schon weit­ge­hend fer­tig“, sagt Hol­ger Bün­ning. Nächs­tes Jahr soll er beim Kul­tur­mi­nis­te­ri­um in Kiel ab­ge­ge­ben wer­den. Bün­ning, ge­bür­ti­ger Ham­bur­ger, lebt seit sechs Jah­ren auf Hel­go­land, in der Sai­son hilft er den Bör­te-Cr­ews. „Das ist ei­ne wahn­sin­ni­ge, ein­ma­li­ge ma­ri­ti­me Tra­di­ti­on“, sagt er. „Wo gibt es das schon, dass je­der Gast per­sön­lich be­grüßt und in den Arm ge­nom­men wird?“Das Aus­boo­ten heißt „Bör­te“und kom­me ur­sprüng­lich aus dem Nie­der­län­disch-Frie­si­schen, sagt Bön­ning. Beurt oder Bört be­deu­te „Rei­he“. „Ik hoa en beert“hei­ße so­viel wie: „Ich bin an der Rei­he.“Ist Aus­boo­ten ein Kul­tur­er­be? Zum im­ma­te­ri­el­len Kul­tur­er­be ge­hö­ren dem Unesco-Ab­kom­men von 2003 zu­fol­ge „Bräu­che, Darstel­lun­gen, Aus­drucks­for­men, Wis­sen und Fer­tig­kei­ten – so­wie die da­zu ge­hö­ri­gen In­stru­men­te, Ob­jek­te, Ar­te­fak­te und kul­tu­rel­len Räu­me – (...), die Ge­mein­schaf­ten, Grup­pen und ge­ge­be­nen­falls Ein­zel­per­so­nen als Be­stand­teil ih­res Kul­tur­er­bes an­se­hen“. Bis­lang gibt es in Deutsch­land 34 Ein­trä­ge als im­ma­te­ri­el­les Kul­tur­er­be. Da­zu zäh­len et­wa die Ge­nos­sen­schafts­idee, die Brot­kul­tur und, dem Aus­boo­ten nicht un­ähn­lich, die Flö­ße­rei. Die Be­völ­ke­rung Hel- go­lands lebt heu­te größ­ten­teils von Ein­nah­men aus dem Tou­ris­mus. In den 1970er Jah­ren, der Hoch­zeit der Bör­te­boo­te, gab es hier 38 die­ser schwe­ren, of­fe­nen Boo­te, sagt Li­lo (69), die 2002 als ers­te Frau bei der Bör­te fest an­ge­stellt wur­de. Die Boo­te sind acht bis zehn Me­ter lang, gut drei Me­ter breit, acht bis zehn Ton­nen schwer. Wenn Li­los Mann Klaus über die Boo­te spricht, kommt er rich­tig in Fahrt. So viel wie ein Ein­fa­mi­li­en­haus, 250 000 bis 300 000 Eu­ro kos­te so ein hoch­see­taug­li­ches Boot. „An den Bör­te­boo­ten hän­gen et­wa 40 Fa­mi­li­en“, sagt sein Sohn Sven (42). Seit 1952, sagt Bön­ning, hat die Bör­te mehr als 25 Mil­lio­nen Men­schen si­cher ein- und aus­ge­boo­tet. „Und was be­deu­tet schon bar­rie­re­frei? Wenn ein Rol­li­fah­rer kommt, heißt es bei uns ein­fach: „Vier Mann, vier Ecken.“Und schon ist er im Boot.“Die Ge­mein­de Hel­go­land un­ter­stützt den An­trag „zu 100 Pro­zent, fi­nan­zi­ell und auch po­li­tisch“, sagt Bür­ger­meis­ter Jörg Sin­ger. „Wir wol­len das Bör­te­boot auf je­den Fall er­hal­ten, sei es als Bar­kas­se oder für Rund­fah­ren, Na­tur­kun­de­fahr­ten, Hei­ra­ten oder See­be­stat­tun­gen.“Ob die neue, 30 bis 40 Mil­lio­nen Eu­ro teu­re Lan­dungs­brü­cke, an der die Fäh­ren künf­tig an­le­gen sol­len, tat­säch­lich bis 2020 kom­me, sei noch un­si­cher. „Das Aus­boo­ten sel­ber zu er­hal­ten wird schwie­rig“, räumt er ein, „das re­gelt der Markt.“Im Brü­cken­bü­ro re­den sich die Bör­te-Ka­pi­tä­ne und Hel­fer die Köp­fe heiß. Karl-Heinz wet­tert ge­gen die Po­li­ti­ker. „Der Süd­ha­fen ist ein De­sas­ter“, sagt der 69-Jäh­ri­ge. „Bei Ost­wind kön­nen die Schif­fe da gar nicht lie­gen. Mann, Mann, Mann.“Da kommt plötz­lich Be­we­gung in die Grup­pe, ein Aus­flugs­damp­fer ist in Sicht. Ge­schickt sprin­gen Li­lo und die Män­ner in die Boo­te. Mo­to­ren star­ten und 125 PS brin­gen die schwe­ren Boo­te in Fahrt. Es schau­kelt mäch­tig, aber für die Män­ner scheint es Eh­ren­sa­che zu sein, sich wäh­rend der Fahrt nir­gends fest­zu­hal­ten, wie mit dem Schiffs­bo­den ver­wach­sen da­zu­ste­hen, den Aus­flugs­damp­fer fest im Blick. Und so soll es auch blei­ben, mei­nen die See­män­ner – und na­tür­lich Li­lo.

We­gen sei­ner La­ge auf of­fe­ner See wird Hel­go­land häu­fig als „ein­zi­ge Hoch­see­insel Deutsch­lands“be­zeich­net. Die Be­völ­ke­rung Hel­go­lands lebt heu­te größ­ten­teils von Ein­nah­men aus dem Tou­ris­mus.

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