Mu­sik aus Müll

„Re­cy­cling Orches­ter“aus Slum in Pa­ra­gu­ay spielt auf Schrott

Der Sonntag (Mittelbaden) - - SONNTAGSKINDER - Fran­kie Tag­gart/AFP

Aus dem Slum auf Welt­tour­nee: Für ei­ni­ge Kin­der aus ei­nem Ar­men­vier­tel in Pa­ra­gu­ay wur­de die­ser Traum Wirk­lich­keit. Mit In­stru­men­ten aus Müll reis­ten die jun­gen Mu­si­ker, von de­nen die meis­ten vor­her nie ih­re ärm­li­chen Ba­ra­cken­sied­lung ver­las­sen hat­ten, mit dem „Re­cy­cling Orches­ter“um die Welt. „Die Welt schickt uns ih­ren Ab­fall. Wir ge­ben ihr Mu­sik zu­rück“, sagt Orches­ter­lei­ter Fa­vio Chá­vez. Der lei­den­schaft­li­che Mu­si­ker, der als Um­welt­tech­ni­ker nach Ca­teura kam, hat­te die Idee zu dem un­ge­wöhn­li­chen En­sem­ble vor zehn Jah­ren. Sie führ­te Chá­vez und sei­ne jun­gen Mu­si­ker nun auf ei­ne Welt­tour­nee. Nach sei­ner An­kunft in Ca­teura am Ran­de der größ­ten Müll­de­po­nie Pa­ra­gu­ays be­schloss Chá­vez bald, ei­ne Mu­sik­schu­le für die Ju­gend­li­chen ein­zu­rich­ten. Doch an­ge­sichts der Ar­mut war der Kauf ech­ter In­stru­men­te un­denk­bar. So kam er auf die Idee, mit­hil­fe des Zim­mer­manns Don „Co­la“Gó­mez In­stru­men­te aus Schrott­tei­len zu bau­en: Aus Ofen­ble­chen ent­stan­den Gei­gen, aus Des­sert­tel­lern Gi­tar­ren. Aus ei­nem Öl­fass, Holz­löf­feln und ei­nem Stö­ckel­ab­satz kon­stru­ier­ten sie ein Cel­lo, Rönt­gen­bil­der er­set­zen die Fel­le beim Schlag­zeug. „Zu Be­ginn war es schwie­rig zu spie­len, aber Fa­vio half mir, es all­mäh­lich zu ler­nen“, sagt die zehn­jäh­ri­ge Gei­ge­rin Ce­les­te Flei­tas. „Von ihm lern­te ich, mehr Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und den Wert des­sen zu schät­zen, was ich ha­be.“In Ca­teura, ei­ner der ärms­ten Ge­mein­den Süd­ame­ri­kas mit rund 40000 Men­schen na­he der Haupt­stadt Asun­ción, er­klin­gen seit­her Mo­zart, Vi­val­di oder auch Si­na­tra-Songs. Je­den Tag wer­den in Ca­teura mehr als 1 500 Ton­nen Müll ab­ge­la­den, den die Be­woh­ner auf der Su­che nach Ver­käuf­li­chem durch- wüh­len. Es gibt kein flie­ßen­des Was­ser und nur be­grenzt Strom und sa­ni­tä­re An­la­gen. Krank­hei­ten sind weit ver­brei­tet und vie­le Be­woh­ner sind An­alpha­be­ten. Mit Kri­mi­na­li­tät, Dro­gen und Ban­den kom­men die Kin­der in dem Ar­men­vier­tel meist früh in Kon­takt. Für ei­ni­ge von ih­nen wur­de das Müll-Orches­ter so zum Ret­tungs­an­ker, vor al­lem seit die pa­ra­gu­ay­ische Re­gis­seu­rin Ale­jan­dra Ama­ril­la auf sie auf­merk­sam wur­de: Um ei­ne Spen­den­ak­ti­on zu star­ten, lud Ama­ril­la 2012 auf YouTube ein kur­zes Film­chen über die jun­gen Mu­si­ker hoch. In­ner­halb we­ni­ger Ta­ge klick­ten meh­re­re Mil­lio­nen Men­schen das Vi­deo an – und das Orches­ter war welt­be­rühmt. Mit den Spen­den pro­du­zier­te Ama­ril­lo „Land­fill Har­mo­nic“, ei­ne im Sep­tem­ber in den USA er­schie­ne­ne Do­ku­men­ta­ti­on über die Welt­tour­nee des Orches­ters mit Kon­zer­ten vor eu­ro­päi­schen Kö­nigs­häu­sern, Papst Fran­zis­kus und den Ver­ein­ten Na­tio­nen. Die Kin­der aus Ca­teura spiel­ten als Vor­grup­pe für Me­tal­li­ca, im­pro­vi­sier­ten mit Stevie Won­der und Me­ga­de­ath und in­spi­rier­ten ähn­li­che Pro­jek­te auf der gan­zen Welt. Co-Re­gis­seur Brad All­good zeigt sich be­ein­druckt von Chá­vez’ Film­zi­tat „Nichts zu ha­ben ist kei­ne Ent­schul­di­gung da­für, nichts zu tun“, wie er in Los An­ge­les sagt. „Un­se­re Stadt hat sich sehr ver­än­dert, weil die Kin­der jetzt die Schu­le be­en­den und von den Dro­gen weg­blei­ben wol­len“, er­zählt To­by Ar­moa. Der 15-Jäh­ri­ge spielt seit vier Jah­ren beim „Re­cy­cling Orches­ter“und übt täg­lich zwei St­un­den auf sei­nem aus Sa­ni­tär­schläu­chen, Fla­schen­kap­pen und Mün­zen zu­sam­men­ge­bau­ten Sa­xo­fon. „Frü­her ver­lie­ßen die Kin­der die Schu­le oder muss­ten ar­bei­ten, jetzt ist Bil­dung ein wich­ti­ger Aspekt der Ge­mein­de ge­wor­den“, er­klärt Chá­vez. „Sie wä­ren viel­leicht in die Dro­gen­sucht ab­ge­rutscht oder an­de­ren Las­tern ver­fal­len, wenn sich die­se Chan­ce nicht er­ge­ben hät­te.“Die­se Chan­ce sol­len noch viel mehr Kin­der be­kom­men. In­zwi­schen wird in Ca­teura für 200 Kin­der ei­ne Mu­sik­schu­le ge­baut.

Kon­zer­te beim Papst und mit Me­tal­li­ca

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