San­si­bar: wie wun­der­bar!

Die In­sel er­fin­det sich ge­ra­de neu

Der Sonntag (Mittelbaden) - - REISE & URLAUB -

Und nun zum Haupt­gang: Omar Ba­kar steht da, als ha­be ihn sein Aus­bil­der per­sön­lich hier ab­ge­stellt. Schwar­ze Bü­gel­fal­ten­ho­se, li­la­far­be­nes Hemd, Perl­weiß­grin­sen. „Ok­to­pus-Sa­lat mit grü­nem Pfef­fer und Li­me Juice. Da­zu noch et­was Bal­sa­mes­sig und Oli­ven­öl?“Der Kell­ner sieht aus wie auf ei­ne Fo­to­ta­pe­te ge­malt. Hin­ter ihm das Stahl­blau des Him­mels, dar­un­ter das Tür­kis des In­di­schen Oze­ans. „Täg­lich frisch“, sagt er, als er die Tel­ler auf den Tisch ba­lan­ciert. Doch sa­gen muss er das gar nicht, denn die Dhaus der Fi­scher sind am Ho­ri­zont mit blo­ßem Au­ge zu er­ken­nen.

Zeit der Ho­tel­bun­ker ist vor­bei

Wir sit­zen auf ei­ner nur 20 mal 20 Me­ter gro­ßen Fels­in­sel mit­ten im In­di­schen Oze­an. „The Rock“nen­nen die Be­trei­ber das Re­stau­rant vor der Süd­ost­küs­te San­si­bars. Acht Me­ter hoch er­hebt sich das Mi­ni-Ei­land aus dem Was­ser. Dar­auf: ei­ne win­zi­ge Kü­che, ein ge­mau­er­ter Spei­se­saal, ei­ne Hand­voll Ti­sche. Sonst nichts. „Mehr Platz ist nicht“, sagt Ba­kar. Die 150 Me­ter zur In­sel kann man bei Eb­be hin­über­lau­fen. Bei Flut bringt ein Shut­tle-Boot die Gäs­te vom Land zum Es­sen. Es gibt nicht vie­le Re­stau­rants, die so lie­gen wie „The Rock“. „The Rock“ist ei­nes von je­nen jun­gen, ori­gi­nel­len Re­stau­rants, die auf San­si­bar wie Pil­ze aus dem Bo­den schie­ßen. Der Boom des Mas­sen­tou­ris­mus in den 1990er Jah­ren brach­te der au­to­no­men, aber staats­recht­lich zu Tan­sa­nia ge­hö­ren­den In­sel vor al­lem ei­nes: Ho­tel­bun­ker. Die po­li­ti­schen Un­ru­hen nach den Wah­len von 2000 und 2005 ver­un­si­cher­ten vie­le Ur­lau­ber, die chao­ti­schen im Herbst 2015 brach­ten da kaum ei­ne Än­de­rung. Doch lang­sam er­holt sich der Tou­ris­mus wie­der. Im­mer mehr In­ves­to­ren schei­nen die Qua­li­tät der Quan­ti­tät vor­zu­zie­hen. Wer aus dem Nor­den der In­sel um den dröh­nen­den Par­ty-Ort Nung­wi oder von den an­ony­men All-in­clu­si­ve-Re­sorts bei Ki­weng­wa an­reist, der emp­fin­det die Süd­ost­küs­te San­si­bars als ei­nen Fle­cken hei­le Welt. Klei­ne Bou­tique-Ho­tels wie das „Dong­we Oce­an View“zie­hen sich auf der Mich­am­viHalb­in­sel an der Küs­te ent­lang. Der Gast ist um­ge­ben von Pu­der­zu­cker­sand, Pal­men, Koral­len­rif­fen und tür­kis­far­be­nem Meer. Mit ih­ren noch weit­ge­hend in­tak­ten Riffs zäh­len die Ge­wäs­ser um San­si­bar zu den bes­ten Tauch- und Schnor­chel-Spots im In­di­schen Oze­an. Am Mor­gen steht Herr Ra­jab vor der Tür des Ho­tels. „Ich bin ihr Mann für Sto­ne­town“, sagt er in flie­ßen­dem Deutsch. Das ha­be er in der DDR ge­lernt, als sein Land noch gu­te Be­zie­hun­gen zu den so­zia­lis­ti­schen Glau­bens­brü­dern in Eu­ro­pa pfleg­te, er­zählt Ra­jab. Die wu­se­li­gen Gas­sen der Alt­stadt: Jahr­hun­der­te­lang gin­gen hier Völ­ker aus al­ler Welt ein und aus – Por­tu­gie­sen, En­g­län­der, Oma­nis, In­der. Sie bau­ten stol­ze Pa­läs­te und Kauf­manns­häu­ser. Heu­te saugt die Feuch­tig­keit al­les auf. Ge­blie­ben sind un­ge­zähl­te ver­gilb­te Fas­sa­den, die meis­ten da­von akut vom Ver­fall be­droht. Selbst Be­su­cher­ma­gne­ten wie das Al­te Fort, das Pa­last­mu­se­um in der ehe­ma­li­gen Re­si­denz von San­si­bars letz­tem Sul­tan und das Haus der Wun­der, heu­te Sitz des Na­tio­nal­mu­se­ums, ver­wit­tern schnel­ler, als man sie re­no­vie­ren kann. Die ein­zi­gen ge­pfleg­ten Or­te sind die klei­nen Ho­tels und Re­stau­rants, die es auch in der Alt­stadt in zu­neh­men­der Zahl gibt. So wie das „Swa­hi­li Hou­se“in ei­nem 125 Jah­re al­ten Kauf­manns­haus. Nach mehr­jäh­ri­ger Re­no­vie­rung wur­de es 2008 wie­der­er­öff­net. Heu­te ist es ein zau­ber­haf­tes Ho­tel mit ei­nem Re­stau­rant der Ex­t­ra­klas­se. Doch zum Es­sen ist es heu­te noch zu früh. Des­we­gen führt Ra­jab die Be­su­cher zu ei­nem ganz an­de­ren Ort. In ei­nem un­schein­ba­ren wei­ßen Ge­bäu­de in der Ke­nyat­ta Street soll 1946 Far­rokh Bul­sa­ra ali­as Fred­die Mer­cu­ry, Sän­ger der Rock­grup­pe Queen, das Licht der Welt er­blickt ha­ben. Je­de eu­ro­päi­sche Groß­stadt wür­de die­ses Er­eig­nis groß aus­schlach­ten, ein Denk­mal er­rich­ten, das Ge­burts­haus zu ei­nem Pil­ger­ziel ma­chen. Doch nicht so auf der In­selm im IN­di­schen Oze­an. Nur zwei Schau­käs­ten er­in­nern an den Sän­ger. Fragt man nach Mer­cu­ry, macht der Be­sit­zer des La­dens kei­nen Hehl dar­aus, dass er nicht viel von dem eins­ti­gen Front­man der Grup­pe Queen hält. Da geht man im an­ge­sag­ten „Mer­cu­rys RestauWah­len rant“am Ha­fen schon of­fe­ner mit dem Star um. An der Wand hän­gen Bil­der des ex­zen­tri­schen Sän­gers, die Toi­let­ten hei­ßen „King“und „Queen“. „Vie­le Leu­te auf der In­sel tun sich schwer mit Ho­mo­se­xu­el­len“, sagt Re­stau­rant­lei­ter Hi­tesh Gu­jjar. Kein Wun­der, denn 97 Pro­zent der Be­völ­ke­rung San­si­bars sind Mus­li­me. Seit 2004 ste­hen gleich­ge­schlecht­li­che Part­ner­schaf­ten auf der In­sel un­ter Stra­fe. Dass es mit dem Mas­sen­tou­ris­mus in den 90er Jah­ren nicht ge­klappt hat, sieht man nicht nur als streng­gläu­bi­ger Mus­lim, son­dern auch als arg­lo­ser Gast eher als Se­gen denn als Fluch. Auf der ob­li­ga­ten Tour durch die Ge­würz­plan­ta­gen der Witht­ata­ta-Ge­würz­farm bei Ki­zim­ba­ni ist man so gut wie un­ter sich. Kar­da­mom, Kur­ku­ma, Ing­wer, Mus­kat und grü­ner Pfef­fer um­schmei­cheln die Ge­ruchs­ner­ven. Gui­de Mr. Tall weiß nicht nur, wo der Pfef­fer wächst, son­dern er­klärt auch, dass im­mer mehr Kü­chen­chefs auf der In­sel ein­hei­mi­sche Zu­ta­ten ver­wen­den. „Sie fin­den zu­rück zu ih­ren Wur­zeln“, sagt er. „Vie­le kom­men zum Ein­kau­fen zu uns.“Abends auf der Ter­ras­se des Dong­we Oce­an View Ho­tels: Auf den schön ge­deck­ten Ti­schen fla­ckern die Ker­zen, die Ster­ne fun­keln am Fir­ma­ment. Im Hintergrund rauscht das Meer. Die Kell­ner tra­gen ori­en­ta­lisch ge­würz­te Fisch­cur­rys her­an, Huhn mit fri­schem Ing­wer, da­zu Kar­da­mom-Reis. Nichts Spek­ta­ku­lä­res, aber leicht und le­cker. So leicht und le­cker wie das neue San­si­bar eben.

Die Alt­stadt der Ka­pi­ta­le Sto­ne­town: Jahr­hun­der­te­lang gin­gen hier Völ­ker aus al­ler Welt ein und aus – Por­tu­gie­sen, En­g­län­der, Oma­nis, In­der. Sie bau­ten stol­ze Pa­läs­te und Kauf­manns­häu­ser. Fo­to: von Po­ser

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