Sün­den­fall und ani­ma­li­sche Trie­be

Meis­ter des ex­pres­si­ven Holz­schnitts: Hans-Bal­dung-Gri­en-Aus­stel­lung in Frei­burg

Der Sonntag (Mittelbaden) - - FREIZEIT & AUSFLÜGE - Mt

Er galt sei­ner­zeit als le­gi­ti­mer Nach­fol­ger Al­brecht Dü­rers und zählt zu den be­deu­tends­ten Künst­lern des 16. Jahr­hun­derts: Hans Bal­dung Gri­en. Im erst kürz­lich er­öff­ne­ten Haus der Gra­phi­schen Samm­lung wid­met ihm das Au­gus­ti­ner­mu­se­um Frei­burg ei­ne Son­der­aus­stel­lung. Bis 15. Ja­nu­ar 2017 sind rund 60 hoch­ka­rä­ti­ge Holz­schnit­te Bal­dungs zu se­hen. Hans Bal­dung wur­de um 1484/85 in Schwä­bisch Gmünd ge­bo­ren. 1503 be­gann er als Ge­sel­le in Dü­rers Werk­statt in Nürn­berg zu ar­bei­ten – dort er­hielt er sei­nen Bei­na­men „Gri­en“, der Grü­ne. Wäh­rend der zwei­ten Ita­li­en­rei­se Dü­rers führ­te ver­mut­lich Bal­dung des­sen Werk­statt. In den Holz­schnit­ten, die in die­ser Zeit ent­stan­den, ist der Ein­fluss Dü­rers bis in die Li­ni­en­spra­che hin­ein zu er­ken­nen. Nach die­ser prä­gen­den Pha­se folg­te der Hö­he­punkt des Schaf­fens von Hans Bal­dung Gri­en: Von 1512 bis 1516 ar­bei­te­te er am Hoch­al­tar im Frei­bur­ger Müns­ter. Wäh­rend­des­sen ent­wi­ckel­te er sei­ne aus­drucks­star­ke, von psy­cho­lo­gi­schem Ge­spür ge­präg­te Bild­spra­che: Bal­dung, der sich spä­ter in Straß­burg nie­der­ließ, zeig­te sich in der Darstel­lung oft mu­ti­ger als Dü­rer. Die Holz­schnit­te Bal­dungs, die jetzt in Frei­burg zu se­hen sind, bil­den das Herz­stück der Gra­phi­schen Samm­lung des Au­gus­ti­ner­mu­se­ums. Die Blät­ter zei­gen ein brei­tes Spek­trum an The­men: In sei­nen Ma­ri­en- und Hei- li­gen­dar­stel­lun­gen ge­lingt es Bal­dung, ei­nen Aus­druck fei­er­li­cher Ru­he und er­ha­be­nen Erns­tes zu ver­mit­teln. So in­sze­niert er et­wa die zwölf Apos­tel mit hell leuch­ten­dem Strahlen­nim­bus als macht­vol­le Bot­schaf­ter des Chris­ten­tums. Den Kon­trast da­zu bil­den dras­ti­sche Holz­schnit­te zur Pas­si­on Chris­ti. Da­ne­ben gibt es Bu­ch­il­lus­tra­tio­nen zu den Zehn Ge­bo­ten, die Bal­dung als Er­zäh­ler le­ben­di­ger, gen­re­haf­ter Sze­nen prä­sen­tie­ren. Im Um­bruch zwi­schen Spät­mit­tel­al­ter und Re­nais­sance wur­den sa­kra­le The­men gra­fisch neu in­ter­pre­tiert. Vor Bal­dung hat wohl kein Künst­ler auf so sinn­li­che Wei­se den Sün­den­fall dar­ge­stellt. Er griff aber auch neue, nicht­sa­kra­le Bild­the­men aus My­tho­lo­gie, Ge­schich­te und Li­te­ra­tur auf. Als bahn­bre­chen­de Bil­der­fin­dung gel­ten drei rät­sel­haf­te Blät­ter, die im le­sens­wer­ten Be­gleit­band zur Aus­stel­lung un­ter der Über­schrift: „Dra­ma­tik der Trie­be“vor­ge­stellt und er­läu­tert wer­den. Sie zei­gen frei im Wald le­ben­de Wild­pfer­de, de­ren „span­nungs­vol­les Ver­hält­nis in­ner­halb des Her­den­ver­ban­des im Sin­ne ani­ma­li­scher Trieb­haf­tig­keit zum ei­gent­li­chen The­ma wird.“Den Schluss­punkt der Aus­stel­lung setzt ei­ne Leih­ga­be aus der Kunst­hal­le Karls­ru­he: Der „Be­hex­te Stall­knecht“ist ein Aus­nah­me­blatt mit bio­gra­fi­schen Zü­gen, des­sen In­ter­pre­ta­ti­on bis heu­te Fra­gen auf­wirft.

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