Auf­ge­fal­len

Der Sonntag (Mittelbaden) - - AKTUELL - Wolf­gang We­ber

Frü­her war es mal ein Ge­heim­tipp, heu­te weiß es fast je­der: Die Li­ni­en 100 und 200 der Ber­li­ner Ver­kehrs­be­trie­be fah­ren zwi­schen Bahn­hof Zoo und Alex­an­der­platz an so vie­len Se­hens­wür­dig­kei­ten vor­bei, dass sich vie­le Tou­ris­ten die of­fi­zi­el­len Stadt­rund­fahr­ten spa­ren und sich ein­fach mit dem „100er“oder dem „200er“zum Preis ei­nes Ein­zel­fahr­scheins an den be­rühm­ten Plät­zen und Ge­bäu­den vor­bei­kut­schie­ren las­sen. In­zwi­schen gibt es so­gar ei­ni­ge freund­li­che Bus­fah­rer, die wäh­rend der Fahrt ihr Mi­kro­fon ein­schal­ten und die Pas­sa­gie­re auf Ge­dächt­nis­kir­che, Bran­den­bur­ger Tor oder Ro­tes Rat­haus auf­merk­sam ma­chen. So ein Bord­mi­kro­fon ist ei­ne fei­ne Sa­che – wenn man rich­tig da­mit um­zu­ge­hen weiß. Es kann aber auch mal sehr lus­tig wer­den wie neu­lich im ICE zwi­schen Karls­ru­he und Frank­furt. Un­ver­mit­telt bell­te ei­ne Stim­me aus den Laut­spre­chern: „Wo ist denn jetzt der Knopf für die Frei­sprech­an­la­ge?“– „Na du drückst ihn doch ge­ra­de!“– „Nein, tu ich nicht!“. Vor we­ni­gen Ta­gen durf­ten sich die Fahr­gäs­te ei­ner Stra­ßen­bahn in Karls­ru­he an ei­nem Tram-Fah­rer er­freu­en, der in brei­tes­tem Karls­ru­her Dia­lekt ei­ne Schimpf­ka­no­na­de vom Sta­pel ließ, die sich ge­wa­schen hat­te. Ein jun­ger, freund­li­cher Mann hat­te sich nach dem Ein­stei­gen so in ei­ne der Tü­ren ge­stellt, dass die­se nicht schlie­ßen konn­te. Er woll­te ei­ner al­ten Frau, die es sonst nicht mehr in den Zug ge­schafft hät­te, ei­nen Ge­fal­len tun. Die Frau stieg ein, die Tür ging zu. Der Zug aber blieb ste­hen. „Hier wer­den kei­ne Tü­ren blo­ckiert!“, brüll­te der Fah­rer in sein Mi­kro­fon. So laut, dass vie­le der Fahr­gäs­te ei­nen rech­ten Schre­cken be­ka­men. „Tü­ren blo­ckie­ren ist nicht er­laubt!“, schrie er wei­ter und dach­te gar nicht dar­an, end­lich los­zu­fah­ren. „Wer Tü­ren blo­ckiert, ist schuld dar­an, dass ich auch noch mei­ne letz­ten Haa­re ver­lie­re!“Das war ja nun schon fast wie­der ko­misch, den­noch er­schien es dem ein oder an­de­ren zah­len­den KVV-Kun­den reich­lich un­an­ge­mes­sen, so an­ge­brüllt zu wer­den. Nur weil ein jun­ger Mann höf­lich sein woll­te. Na­tür­lich soll und darf man kei­ne Tü­ren blo­ckie­ren, das ist doch klar. Aber manch­mal wür­de es ja auch nichts scha­den, wenn ein Fah­rer beim An­blick ei­nes auf dem Zahn­fleisch da­her­kom­men­den Pas­sa­giers ein­fach mal zwei Se­kun­den län­ger war­ten wür­de. Dann müss­te nie­mand her­um­brül­len. Und kei­nem gin­gen die Haa­re aus.

Wenn Fah­rer ih­re Haa­re ver­lie­ren

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