Die po­li­ti­sche Gret­chen­fra­ge

Man­che wol­len mit Po­li­tik nichts zu tun ha­ben, vie­le de­le­gie­ren gern – und dann wir­beln noch die Mit­be­stim­mer

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - An­net­te Bor­chardt-Wenzel

Noch ist das Er­geb­nis der Prä­si­den­ten­wahl in den USA nicht ver­daut. Und es bringt nicht nur Po­li­ti­ker zum Gr­ü­beln. Man­cher stellt – auch mit Blick aufs ei­ge­ne Land und sei­ne Mit­bür­ger – die Gret­chen­fra­ge: „Sag, wie hältst du’s mit der Po­li­tik?“Wie ist es et­wa um das po­li­ti­sche Be­wusst­sein der Men­schen in Ba­den-Würt­tem­berg be­stellt? Sind sie frus­triert oder zu­frie­den mit „de­nen da oben“, dis­tan­ziert oder en­ga­giert? Über ei­nen Kamm sche­ren las­sen sich die Men­schen im Süd­wes­ten nicht – im Ge­gen­teil. Bei ei­ner Be­fra­gung von 275 Män­nern und Frau­en in 14 Kom­mu­nen zeig­te sich ei­ne Viel­zahl po­li­ti­scher Le­bens­wel­ten. Die Stu­die im Auf­trag der Ba­den-Würt­tem­ber­gStif­tung stel­len die Tü­bin­ger Wis­sen­schaft­ler Rolf Fran­ken­ber­ger und Da­ni­el Buhr in der Zeit­schrift „Der Bür­ger im Staat“vor. Die In­ter­view­part­ner im Jahr 2014 sei­en so ge­wählt wor­den, das die Un­te­su­chung die größt­mög­li­che re­prä­sen­ta­ti­ve An­nä­he­rung an die Ge­samt­heit der Bür­ger im Land zu­las­se, heißt es. Hier ei­ne kurz ge­fass­te Über­sicht:

Po­li­tik­fer­ne Le­bens­wel­ten

Rund 22,5 Pro­zent der Be­frag­ten aus Ba­denWürt­tem­berg tum­meln sich den Wis­sen­schaft­lern der Uni Tü­bin­gen zu­fol­ge in „po­li­tik­fer­nen Le­bens­wel­ten“. Da sind et­wa „die Un­po­li­ti­schen“. Ihr Wis­sen ums po­li­ti­sche Sys­tem sei ge­ring und von Skep­sis ge­prägt. Da­mit ein­her ge­he ei­ne über­durch­schnitt­lich star­ke Un­zu­frie­den­heit. Et­was an­ders ti­cken „die Dis­tan­zier­ten“. Ih­rer Mei­nung nach wird Po­li­tik von an­de­ren ge­macht, von de­nen „da oben“. Die Dis­tan­zier­ten sind, so Fran­ken­ber­ger und Buhr, über­zeugt, dass der ein­zel­ne kaum et­was be­wir­ken kön­ne. Auch Wah­len be­wir­ken an­geb­lich nichts. Dis­tan­zier­te sind der Stu­die zu­fol­ge ten­den­zi­ell un­zu­frie­den und po­li­tisch weit­ge­hend ab­sti­nent. Wenn sie sich en­ga­gie­ren, dann im so­zia­len Be­reich.

De­le­ga­ti­ve Le­bens­wel­ten

Mit 44,4 Pro­zent wa­ren die meis­ten der Be­frag­ten in „de­le­ga­ti­ven Le­bens­wel­ten“zu Hau­se. Zu die­ser Grup­pe ge­hö­ren Leu­te, die sich stark an Nor­men und Spiel­re­geln der Po­li­tik ori­en­tie­ren. Po­li­tisch sind sie auf die Re­gie­rung und In­sti­tu­tio­nen fi­xiert, mit dem Sys­tem sind sie zu­frie­den. Sie bil­den, so Fran­ken­ber­ger und Buhr, „das Fun­da­ment der re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie“. In die­ser Grup­pe fin­den sich die „Ge­mein­wohlori­en­tier­ten“. Wäh­len ist für sie Pflicht, sie selbst sind aber po­li­tisch un­ter­durch­schnitt­lich ak­tiv. So­zi­al hin­ge­gen en­ga­gie­ren sie sich stark. Auch „die Elek­to­ra­len“neh­men ihr Wahl­recht in­ten­siv wahr. Mit di­rek­ter De­mo­kra­tie ha­ben sie al­ler­dings we­nig im Sinn. Wenn sie – eher sel­ten – selbst po­li­tisch ak­tiv wer­den, dann in ei­nem Amt oder im Um­feld ei­ner Ge­werk­schaft oder Par­tei. Wohl füh­len sich die „Elek­to­ra­len“in Ver­ei­nen – vor al­lem im Sport­ver­ein. Und schließ­lich sind da „die Ma­cher“. Sie glau­ben, dass „im Klei­nen et­was ver­än­dert wer­den kann“. Da­her nen­nen sie als Or­te der Po­li­tik oft die Ge­mein­de oder den Ge­mein­de­rat. Wenn die „Ma­cher“selbst po­li­tisch ak­tiv sind, dann mit viel Elan – aber bit­te in Äm­tern. Mit dem So­zia­len ha­ben sie’s nicht so.

Par­ti­zi­pa­to­ri­sche Le­bens­wel­ten

Sie sind da­von über­zeugt, et­was be­wir­ken zu kön­nen: „die Mit­ge­stal­ter“und „Mit­be­stim­mer“, die in den „par­ti­zi­pa­to­ri­schen Le­bens­wel­ten“wir­beln. Mit 33,1 Pro­zent stell­ten die­se Män­ner und Frau­en, die oft ei­nen ho­hen Bil­dungs­ab­schluss ha­ben, in der Stu­die et­wa ein Drit­tel der Be­frag­ten. „Mit­ge­stal­ter“, so Fran­ken­ber­ger und Buhr, ver­bin­den mit De­mo­kra­tie Trans­pa­renz, Mit­wir­kungs­mög­lich­kei­ten, Re­spekt und To­le­ranz ge­gen­über an­de­ren. Sie sei­en viel­fäl­tig ak­tiv in Par­tei­en, Gre­mi­en, Initia­ti­ven und Bei­rä­ten – über­all, wo sie sich Ge­hör ver­schaf­fen kön­nen. Für die „Mit­be­stim­mer“schließ­lich sei­en di­rekt­de­mo­kra­ti­sche Ver­fah­ren das Größ­te – sie wün­schen sich viel mehr da­von. Mit­wir­ken und mit­be­stim­men wol­len sie so­wohl im po­li­ti­schen als auch im so­zia­len Be­reich und zwar mög­lichst breit – und vor al­lem dann, wenn sie ei­ne per­sön­li­che Be­trof­fen­heit wahr­neh­men. So sind „Mit­be­stim­mer“oft bei De­mons­tra­tio­nen an­zu­tref­fen – aber auch im Nach­bar­schafts­netz­werk un­ent­behr­lich.

An­sprü­che auf mehr Be­tei­li­gung

Die wach­sen­de po­li­ti­sche Un­gleich­heit der Bür­ger stellt mo­der­ne De­mo­kra­ti­en vor Her­aus­for­de­run­gen. Um­so schwe­rer wiegt, wor­auf Rolf Fran­ken­ber­ger und Da­ni­el Buhr in ih­rem Auf­satz hin­wei­sen: „Auch im eher kon­ser­va­tiv ge­präg­ten Ba­den-Würt­tem­berg sind in­zwi­schen An­sprü­che auf mehr Be­tei­li­gung in wei­ten Tei­len der Be­völ­ke­rung ver­brei­tet.“

Wer die Wahl hat ... Was das po­li­ti­sche Be­wusst­sein, das De­mo­kra­tie­ver­ständ­nis und per­sön­li­ches En­ga­ge­ment an­geht, las­sen sich die Men­schen in Ba­den-Würt­tem­berg nicht über ei­nen Kamm sche­ren. Fo­to: avs

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