Dieb kocht, Be­trü­ger ser­viert

Im Re­stau­rant ei­nes süd­afri­ka­ni­schen Ge­fäng­nis­ses ar­bei­ten Häft­lin­ge

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN - Kris­tin Pa­litza

In der Kü­che han­tie­ren Ge­fan­ge­ne in oran­ge­far­be­nen Over­alls mit Mes­sern, in dem spär­lich ein­ge­rich­te­ten Re­stau­rant ser­vie­ren ih­re Zel­len­kol­le­gen das Es­sen. Ku­li­na­ri­sche High­lights kön­nen die Gäs­te zwar nicht er­war­ten, ei­ne be­son­de­re Er­fah­rung ist der Be­such im „Id­la­na­thi“na­he Kap­stadt aber mit Si­cher­heit. Das Lo­kal liegt auf dem Ge­län­de des Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis­ses Polls­moor, in dem in den 80er Jah­ren der ehe­ma­li­ge süd­afri­ka­ni­sche Prä­si­dent und Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger Nel­son Man­de­la ein­saß. Es ist Teil ei­nes Aus­bil­dungs­pro­gramms, das den ko­chen­den und kell­nern­den Häft­lin­gen hel­fen soll, nach ih­rer Ent­las­sung schnel­ler ei­nen Job zu fin­den. Welt­weit ein­zig­ar­tig ist das Knast-Re­stau­rant nicht – ähn­li­che Initia­ti­ven wur­den auch in der ita­lie­ni­schen Stadt Vol­ter­ra, in Con­cord im US-Bun­des­staat Mas­sa­chu­setts und in vier bri­ti­schen Ge­fäng­nis­sen ge­star­tet. So viel Ge­schich­te wie Polls­moor bie­tet al­ler­dings kei­ne der an­de­ren An­stal­ten. Man­de­la, der we­gen Sa­bo­ta­ge und der Vor­be­rei­tung ei­nes be­waff­ne­ten Um­stur­zes zu 27 Jah­ren Haft ver­ur­teilt wur­de, saß ei­nen Teil sei­ner Stra­fe in dem Ge­fäng­nis ab. 1988 er­krank­te er in Polls­moor an Tu­ber­ku­lo­se. Heute gilt der Knast als ex­trem über­füllt. In die Schlag­zei­len ge­rät er au­ßer­dem im­mer wie­der we­gen kri­mi­nel­ler Ban­den und schlech­ter hy­gie­ni­scher Zu­stän­de. In der Ein­rich­tung in Kap­stadts Vo­r­ort To­kai sind rund 8000 Häft­lin­ge un­ter­ge­bracht, die Zahl der Bet­ten liegt nur bei un­ge­fähr der Hälf­te. Für die im „Id­la­na­thi“ar­bei­ten­den Häft­lin­ge ist das Re­stau­rant da­her nicht nur ei­ne will­kom­me­ne Ab­wechs­lung in ei­nem an­sons­ten sehr mo­no­to­nen All­tag. Es sei we­sent­lich si­che­rer, in dem Lo­kal zu kell­nern als in den Zel­len ab­zu­hän­gen, sagt Cle­ment, der we­gen Dieb­stahls ei­ne zwei­jäh­ri­ge Haft­stra­fe in Polls­moor ab­sit­zen muss. „Was für ein Mist auch im­mer im Ge­fäng­nis ab­geht, wir wer­den nicht in­vol­viert.“Der 27-Jäh­ri­ge, der an dem Aus­bil­dungs­pro­gramm des Ge­fäng­nis­ses teil­nimmt, wird früh­mor­gens aus sei­ner Zel­le ab­ge­holt und kehrt erst um 14 Uhr zu­rück, pünkt­lich zur Schließ­zeit. Da­zwi­schen ver­teilt er blaue Tisch­sets aus Plas­tik und in Ser­vi­et­ten ge­wi­ckel­tes Be­steck, ser­viert die Ge­rich­te und räumt ab. 50 Gäs­te pas­sen in das prak­tisch ein­ge­rich­te­te „Id­la­na­thi“, das in ei­nem un­schein­ba­ren, rot-ge­klin­ker­ten Bau un­ter­ge­bracht ist. Stüh­le mit Plas­tik­be­zü­gen sind un­ter schwar­ze Me­tall­ti­sche ge­scho­ben. Schwe­re ro­te Vor­hän­ge sol­len die Git­ter an den Fens­tern ver­de­cken, grell leuch­ten­de Ha­lo­gen­lam­pen und ein ge­flies­ter Fuß­bo­den las­sen den Raum kalt und un­freund­lich wir­ken. Ne­ben ei­nem der Fens­ter sitzt Wil­lem Kri­el vor ei­nem Tel­ler Fish and Chips. Er sei so be­geis­tert von dem Lo­kal, dass er selbst dann zum Es­sen her­kom­me, wenn er frei ha­be, sagt der Mann, der als Si­cher­heits­be­auf­trag­ter für die Ein­rich­tung ar­bei­tet. „Es ist of­fen­sicht­lich kein Fünf-Ster­ne-Ho­tel, aber das Es­sen ist gut und güns­tig.“Von mor­gens bis mit­tags wird def­ti­ge Kost zu ex­trem er­schwing­li­chen Prei­sen ser­viert: Ein Bau­ern­früh­stück in­klu­si­ve Kaf­fee kos­tet 35 Rand (aktuell rund 2,30 Eu­ro). Ein Hüh­ner­schnit­zel mit Pom­mes und Sa­lat wird für 37 Rand ver­kauft. Al­ko­ho­li­sche Ge­trän­ke gibt es nicht, Gäs­te ha­ben die Wahl zwi­schen Was­ser, Saft oder Soft­drinks. Nto­be­ko Nga­lo kommt zwei­mal im Mo­nat ins „Id­la­na­thi“im­mer dann, wenn er ein in­haf­tier­tes Fa­mi­li­en­mit­glied be­sucht. Dass die Be­leg­schaft aus Ge­fan­ge­nen be­steht, be­un­ru­higt ihn nicht. Er weiß, dass in dem Lo­kal kei­ne ver­ur­teil­ten Ge­walt­tä­ter be­schäf­tigt wer­den. Die Häft­lin­ge wer­den vor ih­rem Ein­satz im Re­stau­rant auf Herz und Nie­ren ge­prüft. Nach ih­rem Di­enst zäh­len Ge­fäng­nis­mit­ar­bei­ter die Mes­ser in der Kü­che und stel­len si­cher, dass die In­sas­sen kei­ne ge­fähr­li­chen Ge­gen­stän­de am Kör­per oder in ih­rer Klei­dung ver­steckt ha­ben. Sa­hir, der Koch des Re­stau­rants, be­trach­tet die Auf­ga­be als Fahr­kar­te in ein bes­se­res Le­ben. „Ich kom­me in ei­nem Mo­nat raus“, sagt er. „Dann su­che ich mir ei­nen Job in ei­nem Re­stau­rant.“

Di­rekt ein­la­dend sieht er ja nicht aus, der Ein­gang des Re­stau­rants Id­la­na­thi im Ge­fäng­nis Polls­moor in der Nä­he von Kap­stadt. Das Es­sen ist aber gut und güns­tig. Das Per­so­nal be­steht aus Häft­lin­gen. Fo­to: avs

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