Auf­ge­fal­len

Der Sonntag (Mittelbaden) - - AKTUELL - Wolf­gang We­ber

Na­tür­lich war frü­her nicht al­les bes­ser, ei­ni­ges aber schon. Zum Bei­spiel ein Rock­kon­zert. Da stell­te man sich brav zwei St­un­den lang in die Mas­se und wenn der Künst­ler ei­ne Bal­la­de an­stimm­te, hol­te je­der sein Feu­er­zeug aus der Ta­sche und hielt es in die Hö­he. Der Künst­ler war an­schlie­ßend den Trä­nen na­he und be­dank­te sich wort­reich, auch im Pu­bli­kum floss das ei­ne oder an­de­re Trän­chen. Heut­zu­ta­ge raucht (fast) kein Mensch mehr, des­halb hat auch kei­ner mehr ein Feu­er­zeug da­bei. Als Er­satz hal­ten da­für aber min­des­tens 50 Pro­zent der Kon­zert­be­su­cher ihr Smart­pho­ne in die Luft, um in wa­cke­li­gen Bil­dern fest­zu­hal­ten, was da vor­ne auf der Büh­ne pas­siert. Vor ei­ni­gen Jah­ren un­ter­brach Ni­na Ha­gen mal ein Kon­zert im Karls­ru­her Toll­haus und be­schimpf­te ei­nen jun­gen Hob­by­fil­mer, der ganz vor­ne an der Büh­ne stand. „Mach jetzt so­fort das Ding aus! Ich ar­bei­te hier! Und du störst mich da­bei!“Das saß! Ni­na Ha­gens Kol­le­gin Ade­le wur­de bei ei­nem Kon­zert in Ve­ro­na noch deut­li­cher. Weil sie sich von ei­ner spe­zi­el­len Frau im Pu­bli­kum ge­nervt fühl­te, un­ter­brach sie ih­ren Auf­tritt. „Ich will die­ser La­dy hier sa­gen: Kannst du bit­te mit dem Fil­men mit der Vi­deo­ka­me­ra auf­hö­ren? Weil ich wirk­lich hier ste­he, du kannst das al­les in Echt­zeit ge­nie­ßen, an­statt es durch die Ka­me­ra an­zu­schau­en.“Li­am Gal­lag­her (44), Sän­ger der le­gen­dä­ren 90er-Pop­grup­pe Oa­sis, ist ein re­gel­rech­ter Han­dy-Has­ser. „Bei Kon­zer­ten ste­hen al­le vor der Büh­ne und machen nur noch klick, klick, klick mit ih­ren Han­dy­ka­me­ras. Die tan­zen nicht mehr, die sin­gen nicht mehr, die trin­ken auch kein Bier mehr.“Und klat­schen kön­nen sie, ne­ben­bei be­merkt, auch nicht mehr, weil man da­zu ja zwei Hän­de bräuch­te. An­geb­lich macht Gal­lag­her so­gar ein mög­li­ches Oa­sis-Come­back von der Smart­pho­ne-Fra­ge ab­hän­gig. Die Wie­der­ver­ei­ni­gung ge­be es „nur, wenn die Leu­te ihr Smart­pho­ne vor der Hal­le ab­ge­ben müs­sen.“Als Co­rey Tay­lor, Sän­ger der ame­ri­ka­ni­schen Band Slip­knot, un­längst bei ei­nem Kon­zert ei­nen Zu­schau­er ent­deck­te, der vor der Büh­ne mit sei­nem Han­dy her­um­spiel­te, schlug er ihm das Teil ein­fach aus den Hän­den. An­schlie­ßend wand­te er sich per Twit­ter an al­le sei­ne Fans und schrieb: „Wenn du tip­pen willst, bleib zu Hau­se.“Ein Satz, so schön, dass er künf­tig ei­gent­lich auf je­der Ein­tritts­kar­te ste­hen müss­te.

„Die machen nur noch klick klick klick“

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