Got­tes­lob und Ent­schleu­ni­gung

Für zwölf Mön­che im Stift Neu­burg Hei­del­berg heißt es von 6 bis 20 Uhr: Be­te und ar­bei­te

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Tho­mas Liebs­cher

Auf ein Klopf­zei­chen des Ab­tes be­ginnt die Ge­bets­zeit. Die sie­ben an­we­sen­den Mön­che er­he­ben sich von ih­ren ein­fa­chen mo­der­nen Holz­bän­ken und sin­gen zu­nächst ge­mein­sam. Sin­gend wird 20 Mi­nu­ten spä­ter auch die um 12 Uhr be­gin­nen­de drit­te Ge­bets­zeit des Ta­ges be­schlos­sen. Da­zwi­schen le­sen die Be­ne­dik­ti­ner, ge­klei­det in ih­re schwar­zen Kut­ten, Li­te­ra­tur vor. Na­tür­lich Li­te­ra­tur aus der Bi­bel. Durch die Kir­che des Klos­ters Neu­burg auf ei­ner An­hö­he über dem Neckar bei Hei­del­berg hallt der Sprech­ge­sang aus dem alt­tes­ta­ment­li­chen Buch der Psal­men. Das sind poe­ti­sche Ge­be­te vol­ler Lob, Hoff­nung und Kla­ge ge­gen­über Gott. Vie­le sind leicht zu ver­ste­hen und las­sen ei­ge­ne Ge­dan­ken­gän­ge zu. Durch die brei­ten Farb­flä­chen an den Fens­tern des Kir­chen­schiffs fällt vio­let­tes Licht in die weiß­ge­stri­che­ne Kir­che. Das In­ne­re wur­de 2011 neu ge­stal­tet. Mut zur Sch­licht­heit be­wie­sen Mön­che und Ar­chi­tekt. Nur hin­term Al­tar­raum glän­zen die äl­te­ren Bunt­glas­fens­ter mit bi­bli­schen Mo­ti­ven. An­sons­ten fin­den sich kei­ne Bil­der oder Hei­li­gen­fi­gu­ren. Hin­term Al­tar aus zwei St­ein­plat­ten er­hebt sich ein klei­nes gol­de­nes Kreuz. Der Bo­den ist aus Dou­gla­si­en­holz, die Klais-Or­gel, sonn­tags ge­spielt von Pa­ter Suit­bert, hängt an der West­sei­ten­wand. „In die­sem schmuck­lo­sen Kir­chen­raum soll man Ver­wir­ren­des und Zer­streu­en­des hin­ter sich las­sen, Gott er­fah­ren und still wer­den“, er­klärt Abt Win­fried. Wo der Neckar die bei­den letz­ten Kur­ven im en­gen Tal nimmt, be­vor je­ne be­rühm­te Hei­del­ber­ger Schloss­rui­ne die Sze­ne­rie prägt, ist ka­tho­li­sches klös­ter­li­ches Le­ben noch Ge­gen­wart. Und nicht nur Ge­schich­te rund um ver­fal­le­ne Mau­ern. In Stift Neu­burg le­ben und ar­bei­ten zwölf Mön­che vom Or­den der Be­ne­dik­ti­ner. Die Hälf­te da­von sind Pries­ter. Von der mit­täg­li­chen Ge­bets­zeit führt der Weg der Be­ne­dik­ti­ner durch Tei­le des al­ten Kreuz­gangs mit Wand­fries und rot ge­stri­che­nen De­cken­bal­ken. Wei­ter geht es über mo­der­ne Gän­ge mit ge­pfleg­tem Holz­bo­den in den hel­len Spei­se­saal. Wäh­rend des Es­sens, das ein Bru­der aus­teilt, liest ein an­de­rer et­was vor: Aus der Re­gel des hei­li­gen Be­ne­dikt, aus den Evan­ge­li­en oder aus ei­nem ak­tu­el­len Sach­buch. Der­zeit geht es um ame­ri­ka­ni­sche Po­li- tik. Die schwei­gen­den Mahl­zei­ten en­den theo­re­tisch, wenn der Abt ge­speist hat. Aber er war­tet auf die Mit­brü­der. Nicht sel­ten neh­men Gäs­te an der Mahl­zeit teil, Män­ner wie Frau­en. Über zehn Zim­mer mit elf Bet­ten ver­fügt die Ab­tei. Men­schen, die Ru­he und Ent­schleu­ni­gung su­chen, las­sen sich in stei­gen­der Zahl auf den Rhyth­mus des Neu­bur­ger Le­bens ein. Wenn Be­su­cher die Pfor­te hin­ter sich ha­ben, wer­den sie im Trep­pen­haus von ei­nem Glas­mo­sa­ik Emil Wach­ters emp­fan­gen. „Wer Stil­le aus­pro­bie­ren möch­te, soll­te ein bis drei Ta­ge kom­men. Wer Stil­le schon aus­hal­ten kann, kann ei­ne Wo­che ver­brin­gen“, emp­fiehlt der Abt. Gäs­ten ist der hin­te­re Park, aber nicht die Klau­sur zu­gäng­lich. Da­zu zäh­len der Raum, in dem sich die Mön­che je­den Abend zu Ge­spräch und Bi­lanz tref­fen, der Ka­pi­tel­saal für of­fi­zi­el­le Be­ra­tun­gen oder das Ar­chiv. Die herr­li­che La­ge der Ab­tei überm Neckar lockt zu­dem in je­der Jah­res­zeit Spa­zier­gän­ger an, die durchs al­te Tor den um­mau­er­ten Klos­ter­be­zirk be­tre­ten. Auf dem Ge­län­de ge­gen den Berg hin ge­hö­ren ei­ne Gast­wirt­schaft, ein Bau­ern­hof und ei­ne Braue­rei zum Are­al. Al­le die­se Ein­rich­tun­gen sind ver­pach­tet oder un­ter­ver­pach­tet. Al­ler­dings gibt es seit Jah­ren von Sei­ten der Be­ne­dik­ti­ner Un­zu­frie­den­heit mit der Be­triebs­füh­rung. Ge­gen ei­ne schon län­ger aus­ge­spro­che­ne Kün­di­gung zum Jah­res­en­de wehr­ten sich die Päch­ter ju­ris­tisch. Im No­vem­ber hat das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he die Kla­ge in zwei­ter In­stanz ab­ge­wie­sen. Nun sor­gen sich man­che in Hei­del­berg, dass es am Aus­flugs­ziel kein Lo­kal mehr gibt und die Päch­ter ver­wei­sen auf ih­re wirt­schaft­li­chen

Neu­ge­stal­te­te Kir­che mit Mut zur Sch­licht­heit

Be­lan­ge. Laut Abt Win­fried wür­den al­le Be­trie­be auf je­den Fall wei­ter­ge­führt, mit wel­chem Mo­dell auch im­mer. Wie wei­ter­ma­chen? Die­se Fra­ge stellt sich im Klos­ter an­ge­sichts ei­nes Al­ters­schnitts der Mön­che von 72 Jah­ren. Der neue 52-jäh­ri­ge Abt trat im März 2016 auch an, um Jün­ge­re oder Män­ner in den mitt­le­ren Jah­ren für den al­ter­na­ti­ven Le­bens­ent­wurf in Ge­mein­schaft zu ge­win­nen. Fast je­der Be­ruf kön­ne mit dem Klos­ter­le­ben ver­bun­den wer­den, fin­det Abt Win­fried. Nach ei­nem halb­jäh­ri­gen Ken­nen­ler­nen prüft ein No­vi­ze ein Jahr lang, ob er „Ora et la­bo­ra“, al­so Be­ten und Ar­bei­ten zwi­schen 6.15 und 20 Uhr so­wie drei Wo­chen Ur­laub, wirk­lich fort­set­zen möch­te. Für das Got­tes­lob nach St­un­den­plan ste­hen 150 Psal­men zur Ver­fü­gung. Bei fünf Ge­bets­zei­ten am Tag sind al­le Tex­te nach zwei Wo­chen vor­ge­tra­gen. Dann be­ginnt die me­di­ta­ti­ve Rei­he wie­der neu. Mit ei­nem Klopf­zei­chen.

„Jun­ger“Abt und ein ho­her Al­ters­schnitt

Fo­to: Ima­go

Mit­ten im Grü­nen liegt das Be­ne­dik­ti­ner­klos­ter Stift Neu­burg. Auf ei­ner An­hö­he im Neckar­tal ha­ben die Mön­che in auch neue­ren Ge­bäu­den ge­nü­gend Platz für Gäs­te auf Zeit. Män­ner wie Frau­en kön­nen sich auf den Rhyth­mus mit fünf Ge­bets­zei­ten am Tag in der Kir­che und viel Stil­le ein­las­sen.

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