Ide­al für Ein­stei­ger

Das Ju­das­ohr ist der Pilz des Jah­res 2017 / „Gif­ti­ge Dop­pel­gän­ger sind nicht be­kannt“

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Patri­cia Klatt

Das „Ohr des Ver­rä­ters“am Ho­lun­der­stamm, klein, dun­kel, schrum­pe­lig und eher un­schein­bar – wenn es denn tro­cken ist. Bei Feuch­tig­keit ver­wan­delt es sich aber zu ei­nem röt­lich-brau­nen, sam­ti­gen Baum­pilz, der ir­gend­wie tat­säch­lich an ein Ohr er­in­nert und der von der Deut­schen Ge­sell­schaft für My­ko­lo­gie ge­ra­de zum Pilz des Jah­res 2017 ge­wählt wor­den ist. Das Ju­das­ohr (Au­ri­cu­la­ria au­ri­cu­la-ju­dae) rückt da­mit in den Fo­kus der Öf­fent­lich­keit. Ei­gent­lich kann man die­sen Pilz tat­säch­lich leicht er­ken­nen, denn er hat die Form ei­ner Ohr­mu­schel und ist auch für un­er­fah­re­ne Pilz­samm­ler leicht zu be­stim­men. „Das Ju­das­ohr sei ein idea­ler Ein­stei­ger­pilz“, er­läu­ter­te die Fach­ge­sell­schaft da­zu, „gif­ti­ge Dop­pel­gän­ger sind nicht be­kannt“. Es ist ein Pilz mit vie­len Na­men: Holz­ohr, Bau­m­ohr, Black Fun­gus, Ho­lun­der­pilz, Wol­ken­oh­ren­pilz oder eben auch Ju­das­ohr. Der Sa­ge nach hat sich Ju­das, der Ver­rä­ter von Je­sus, an ei­nem Ho­lun­der­baum er­hängt und seit­dem wach­sen sei­ne Oh­ren aus den Stäm­men des Ho­lun­ders. „Man fin­det den Pilz tat­säch­lich häu­fig an äl­te­ren und ge­schwäch­ten Äs­ten des Schwar­zen Ho­lun­ders (Sam­bu­cus ni­gra L.)“, be­stä­tigt Mar­kus Schol­ler, pro­mo­vier­ter Bio­lo­ge und Ku­ra­tor für Pil­ze und Al­gen am Na­tur­kun­de­mu­se­um in Karls­ru­he. Als Schwä­che­pa­ra­sit und To­t­holz­zer­set­zer er­näh­re sich der Baum­pilz dort von dem Holz, das er all­mäh­lich ab­baue, man fin­de ihn aber durch­aus auch an an­de­ren Laub­bäu­men wie Bu­che, Bir­ke oder Ahorn, so Schol­ler. Die meis­ten Fun­de des Ju­das­oh­res sei­en in der Li­te­ra­tur zwar im Mai an­ge­ge­ben, aber man kön­ne die­sen Baum­pilz durch­aus auch im Win­ter sam­meln. Wahr­schein­lich fällt er dann an den kah­len Äs­ten be­son­ders ins Au­ge, zu­min­dest, wenn die Wit­te­rung feucht und der Pilz röt­lich-braun auf­ge­quol­len ist. „Das Ju­das­ohr ist sehr häu­fig in den Rhein­au­en zu fin­den und ich bin si­cher, vie­le ha­ben ihn schon oft ge­se­hen, aber mög­li­cher­wei­se nicht er­kannt“, er­klärt Diet­mar Blaß, Pilz­sach­ver­stän­di­ger aus Ras­tatt. Ku­li­na­risch ist das Ju­das­ohr mit sei­ner gum­mi­ar­ti­gen Kon­sis­tenz kei­ne gro­ße Be­rei­che­rung, er schme­cke „lasch“oder „eher nach gar nichts“, da sind sich die bei­den Pilz­ex­per­ten ei­nig. Die Frucht­kör­per der Au­ri­cu­la­ria-Ar­ten ent­hal­ten sehr viel Ei­sen, Ka­li­um, Cal­ci­um, Ma­g­ne­si­um, Si­li­zi­um und Zink und schon im Mit­tel­al­ter war die Heil­wir­kung der Ju­das­oh­ren be­kannt, man ver­wen­de­te sie da­mals zum Bei­spiel bei Herz- Baucho­der Zahn­schmer­zen oder bei psy­chi­schen Pro­ble­men. Auch die jün­ge­re For­schung be­schäf­tigt sich mit den Ju­das­oh­ren und es konn­te nach­ge­wie­sen wer­den, dass Au­ri­cu­la­ria au­ri­cu­la-ju­dae nicht nur Po­ly­sac­cha­ri­de (be­stimm­te Zu­cker) mit im­mun­stär­ken­den Ei­gen­schaf­ten pro­du­ziert, son­dern man fand auch ei­ne ge­rin­nungs­hem­men­de Wir­kung, da be­stimm­te Kom­po­nen­ten des Pil­zes die Ver­klum­pung der Blut­plätt­chen hem­men kön­nen. Sie wir­ken zu­dem ent­zün­dungs­hem­mend und sen­ken den Cho­le­ste­rin­spie­gel.

Bei Tro­cken­heit ist der Pilz eher un­schein­bar Ku­li­na­risch ist er kei­ne gro­ße Be­rei­che­rung

Auch in der My­ko­re­me­dia­ti­on, al­so der bio­lo­gi­schen Sa­nie­rung durch Pil­ze, er­ge­ben sich Per­spek­ti­ven für das Ju­das­ohr, denn er ist (wie ei­ni­ge an­de­re Weiß­fäule­pil­ze auch) in der La­ge, teil­wei­se stark ge­sund­heits­schäd­li­che Ver­bin­dun­gen wie Re­ak­tiv­farb­stof­fe, Phar­ma­zeu­ti­ka und po­ly­zy­kli­sche aro­ma­ti­sche Koh­len­was­ser­stof­fe (PAK) ab­zu­bau­en. Mit dem Ju­das­ohr als Pilz des Jah­res möch­te die Deut­sche Ge­sell­schaft für My­ko­lo­gie die Auf­merk­sam­keit der Öf­fent­lich­keit auf die viel­fäl­ti­gen For­men der Pil­ze len­ken – die nicht im­mer nur aus Hut, La­mel­len und lan­gem Sti­el be­ste­hen müs­sen.

Der Spei­se­pilz wird oft ge­ges­sen, aber in der Na­tur meist über­se­hen: Das Ju­das­ohr ist der Pilz des Jah­res 2017. Der Pilz wächst be­son­ders häu­fig an äl­te­ren Stäm­men und Äs­ten des Schwar­zen Ho­lun­ders; er er­nährt sich von dem Holz, das er all­mäh­lich ab­baut. Fo­to: Deut­sche Ge­sell­schaft für My­ko­lo­gie / Pe­ter Ka­rasch

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