Tee­zeit in Ost­fries­land

Die tra­di­tio­nel­le Ze­re­mo­nie folgt stren­gen Re­geln

Der Sonntag (Mittelbaden) - - REISE & URLAUB - Mag

Was pas­siert, wenn man Schlag­sah­ne in den Ass­am­tee gibt? Ce­lia Hübl be­ob­ach­tet schmun­zelnd ih­re Gäs­te. Zu­nächst pas­siert nichts. Doch nur Se­kun­den spä­ter brei­tet sich die Sah­ne ex­plo­si­ons­ar­tig in dem bern­stein­far­be­nen Ge­tränk aus. „Nun se­hen wir die ty­pi­schen Sah­ne­wölk­chen, auf Ost­frie­sisch auch Wulk­je ge­nannt“, er­klärt die Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin. Sie lei­tet das Bün­ting Tee­mu­se­um in Leer und bringt Be­su­chern die ost­frie­si­sche Tee­kul­tur na­he. Je­den Di­ens­tag­nach­mit­tag ver­sam­melt sich ein run­des Dut­zend Gäs­te in dem his­to­ri­schen Haus zur tra­di­tio­nel­len Tee­ze­re­mo­nie, der Tee­tied. Die Tee­ze­re­mo­nie folgt stets fes­ten Re­geln in meh­re­ren Schrit­ten. Schritt 1: Die Tee­kan­ne wird mit hei­ßem Was­ser aus­ge­spült und da­mit an­ge­wärmt. Pro Per­son wird ein Tee­löf­fel Tee, et­wa ein Gramm, in die Kan­ne ge­ge­ben. Ein zu­sätz­li­ches Gramm gilt der Tee­kan­ne. Der Auf­guss mit dem spru­delnd hei­ßen Was­ser soll die Blät­ter ge­ra­de be­de­cken. Schritt 2: Drei bis fünf Mi­nu­ten muss der Tee zie­hen, dann wird nach­ge­gos­sen – so viel, wie Tas­sen Tee aus­ge­schenkt wer­den sol­len. Schritt 3: Beim Ein­schen­ken kommt zu­erst der hel­le Kl­unt­je-Kan­dis­zu­cker in die zier­li­che Tas­se, dann folgt der hei­ße Tee. Schritt 4: Nun folgt die Sah­ne, die sich im Tee wölk­chen­ar­tig aus­brei­tet und auf kei­nen Fall mit dem Löf­fel ver­rührt wer­den darf. „Nur so wer­den drei Ge­schmacks­er­leb­nis­se er­leb­bar: Der ers­te Schluck ist mild und sah­nig, der Zwei­te herb durch den Tee, und der Drit­te zu­cker­süß durch das Kl­unt­je“, so Hübl. Die Tee­zeit gilt zwi­schen Leer, Em­den, Nor- den, Au­rich und Witt­mund als Be­stand­teil ei­gen­stän­di­ger ost­frie­si­scher Kul­tur. So ist die Tee­tied zu al­len Jah­res­zei­ten fest ver­an­kert im fa­mi­liä­ren Ta­ges­ab­lauf, mor­gens zur Früh­stücks­zeit, am spä­ten Vor­mit­tag um 11 Uhr als so­ge­nann­tes El­führt­je, in der zwei­ten Ta­ges­hälf­te um 14, 16 so­wie 18.30 Uhr zum Abend­brot – oft so­gar zur Nacht um et­wa 21 Uhr. Auch in Un­ter­neh­men, Ver­wal­tun­gen und Hand­werks­be­trie­ben zählt die Tee­tied zum Ar­beits­all­tag: Tee statt Kaf­fee. Tee­tied-Ze­re­mo­ni­en für Be­su­cher gibt es auch im Ost­frie­si­schen Tee­mu­se­um Nor­den. Mitt­wochs und sams­tags füh­ren dort Ger­ta En­del­mann und wei­te­re Mu­se­ums­hel­fe­rin­nen Tou­ris­ten in die Ge­heim­nis­se der Tee­kul­tur ein. Sie kön­nen dort so­gar ei­nen ost­frie­si­schen TeeFüh­rer­schein ma­chen.

Es ist an­ge­rich­tet: Ger­ta En­del­mann be­rei­tet im Ost­frie­si­schen Tee­mu­se­um Nor­den den Tee für die Ze­re­mo­nie vor. Das Ri­tu­al um­fasst vier Schrit­te. Fo­to: Mey­er

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