Was (und wer) hin­ter un­se­ren Weih­nachts­lie­dern steckt

Hät­ten Sie’s ge­wusst, dass Mar­tin Lu­ther „Vom Him­mel hoch …“dich­te­te?

Der Sonntag (Mittelbaden) - - SPORT -

M ar­tin Lu­ther, der theo­lo­gi­sche Ur­he­ber der Re­for­ma­ti­on, fin­det der­zeit viel Auf­merk­sam­keit. Dass er 1517 an die Pfor­te der Wit­ten­ber­ger Schloss­kir­che 95 The­sen an­ge­schla­gen hat und da­mit die Ab­kehr vom Papst­tum ein­lei­te­te, ist all­ge­mein be­kannt. We­ni­ger be­kannt ist, dass Lu­ther zu al­len christ­li­chen Fes­ten Lie­der ge­schaf­fen hat, ins­ge­samt sol­len es über 30 Wer­ke sein. Dar­un­ter be­fin­det sich auch das be­kann­te Weih­nachts­lied „Vom Him­mel hoch, da komm’ ich her“. Lu­ther dich­te­te es 1535 – wahr­schein­lich für die Be­sche­rung sei­ner Kin­der.

In­ter­es­san­te En­ste­hungs­ge­schich­ten ha­ben auch an­de­re be­kann­te Weih­nachts­lie­der. So et­wa das Lied „O du fröh­li­che“, das vor ge­nau 200 Jah­ren ent­stand. Es hat, wenn man so will, ei­nen po­li­ti­schen Hin­ter­grund und stammt von Jo­han­nes Daniel Falk (1768–1826), der als „Wei­ma­rer Wai­sen­va­ter“in die Ge­schich­te ein­ge­gan­gen ist. Die­sen Ruf ver­dank­te er sei­nem Ein­satz für die un­ter den na­po­leo­ni­schen Krie­gen lei­den­den Men­schen, vor al­lem der Kin­der, die zu Wai­sen wur­den. 1813 grün­de­te Falk zu­sam­men mit Bür­gern Wei­mars die „Ge­sell­schaft der Freun­de in der Not“, um in bür­ger­schaft­li­chem und christ­li­chem Geist die Not zu lin­dern. An­ge­trie­ben wur­de er da­zu auch durch das Ver­lus­t­er­leb­nis von vier sei­ner Kin­der, die Op­fer ei­ner Ty­phus-Epi­de­mie wur­den.

Falk, der sich vor­her mit li­te­ra­ri­schen und pu­bli­zis­ti­schen Pro­jek­ten be­fasst hat­te, setz­te sich fort­an prak­tisch und pu­bli­zis­tisch für die In­te­gra­ti­on der durch die Krie­ge hei­mat­los ge­wor­de­nen Jun­gen ein. Da­zu rich­te­te er im Lu­ther­hof ein Ret­tungs­haus ein. Doch ein Dach über dem Kopf, zu es­sen und zu trin­ken, ge­nüg­ten Falk nicht, die Jun­gen brauch­ten auch christ­li­che Nächs­ten­lie­be, emo­tio­na­len Bei­stand und Trost. So dich­te­te er zu Weih­nach­ten 1816 für die Wai­sen­kin­der das Lied „O du fröh­li­che“zu der Me­lo­die ei­nes al­ten si­zi­lia­ni­schen See­manns­lie­des, das Jo­hann Gott­fried Her­der in sei­ne Samm­lung „Stim­men der Völ­ker in Lie­dern“auf­ge­nom­men hat­te. Falk hat­te mehr­mals ver­geb­lich ver­sucht, Goe­the zu be­we­gen, ei­nen neu­en Text dar­auf zu schrei­ben, nun ge­lang ihm der Wurf. Prak­ti­scher­wei­se hat­te Falk das Lied als „Al­ler­drei­fei­er­tags­lied“an­ge­legt, so dass es auch noch zu Pfings­ten und zu Os­tern ge­sun­gen wer­den konn­te. Je­de Stro­phe be­gann mit „O du fröh­li­che, o du se­li­ge, gna­den­brin­gen­de“und setz­te sich fort mit „Weih­nachts­zeit“, „Pfingst­zeit“und „Os­ter­zeit“. Bis heu­te ist „O du fröh­li­che“in der 1826 er­folg­ten Be­ar­bei­tung von Hein­rich Holz­schu­her, ei­nem Mit­ar­bei­ter Falks, ei­nes der po­pu­lärs­ten Weih­nachts­lie­der.

Die­ses At­tri­but ver­dient auch das Lied „Oh Tan­nen­baum“, das ur­sprüng­lich gar nichts mit Weih­nach­ten zu tun hat­te. Wer ein­mal das „All­ge­mei­ne Deut­sche Kom­mers­buch“, das 1858 erst­mals er­schien und in­zwi­schen sei­ne 166. Auf­la­ge er­reich­te, auf­schlägt, wird das Lied dort fin­den als tra­gi­sches Lie­bes­lied, das der Pre­di­ger, Päd­ago­ge und Volks­lied­samm­ler Au­gust Zar­nack (1777– 1827) nach ei­nem Volks­lied aus dem 16. Jahr­hun­dert dich­te­te. In der ers­ten Stro­phe wird der be­stän­dig grü­ne Tan­nen­baum be­sun­gen als sinn­bild­li­cher Ge­gen­satz zu ei­ner un­treu­en Ge­lieb­ten, über die es in der zwei­ten Stro­he heißt: „O Mäg­de­lein, o Mäg­de­lein, wie falsch ist dein Ge­mü­te“. Zum Weih­nachts­lied wur­de „O Tan­nen­baum“, nach­dem der Suh­ler Leh­rer, Ly­ri­ker und Kom­po­nist Ernst An­schütz 1824 die ers­te Stro­phe bei­be­hielt und die rest­li­chen drei durch zwei an­de­re er­setz­te, in de­nen nur noch vom Baum die Re­de ist. Der ho­he Be­kannt­heits­grad und die ein­fa­che Wei­se die­ses Lie­des ha­ben da­zu bei­ge­tra­gen, dass oft an­de­re Tex­te zu der Me­lo­die ge­dich­tet wur­den. Die ul­ki­ge Schü­ler­va­ri­an­te „O Tan­nen­baum, o Tan­nen­baum, der Leh­rer hat mich blau ge­hau­en“ist ein Bei­spiel. Zur Ab­dan­kung des letz­ten deut­schen Kai­sers 1918 hieß es: „O Tan­nen­baum, o Tan­nen­baum, der Kai­ser hat in’ Sack ge­hau’n , er kauft sich ei­nen Hen­kel­mann und fängt bei Krupp in Es­sen an.“Von Ernst An­schütz stam­men üb­ri­gens auch Lie­der wie „Es klap­pert die Müh­le am rau­schen­den Bach“, „Fuchs, du hast die Gans ge­stoh­len“und „Al­le mei­ne Ent­chen“.

Ei­ne ge­ra­de­zu film­rei­fe Ent­ste­hungs­ge­schich­te hat un­ser wohl be­kann­tes­tes Weih­nachts­lied „Stil­le Nacht, hei­li­ge Nacht“. Den Text schrie­ben die Ös­ter­rei­cher, der ka­tho­li­sche Pfar­rer Jo­seph Mohr, die Me­lo­die kom­po­nier­te sein Freund, der Leh­rer Franz Xa­ver Gru­ber. Al­les ge­schah in Obern­dorf im Salz­bur­ger Land am Hei­lig­abend des Jah­res 1818. We­ni­ge St­un­den spä­ter soll das Lied wäh­rend der Mit­ter­nachts­met­te von Mit­glie­dern ei­ner bäu­er­li­chen Sän­ger­grup­pe in der Dorf­kir­che von Obern­dorf „urauf­ge­führt“wor­den sein, und zwar zwei­stim­mig mit Gi­tar­ren­be­glei­tung, da die Or­gel nicht funk­tio­nier­te. An­fang der 1830er Jah­re ge­lang­te das Lied „Stil­le Nacht, hei­li­ge Nacht“nach Leip­zig. Be­geis­tert auf­ge­nom­men und 1843 in dem Band „Mu­si­ka­li­scher Haus­freund“er­schie­nen, trat es von dort aus sei­nen ei­gent­li­chen Sie­ges­zug durch Deutsch­land und die gan­ze Welt an. Das in­ni­ge Weih­nachts­lied wird in rund 200 Spra­chen rund um den Glo­bus ge­sun­gen. Am Ort sei­ner Wel­tur­auf­füh­rung, der Stel­le, an der die ehe­ma­li­ge St.-Ni­ko­laus-Kir­che von Obern­dorf stand, be­fin­det sich heu­te die „Stil­le-Nacht-Ge­dächt­nis-Ka­pel­le“, zu der all­jähr­lich zur Weih­nachts­zeit über 150 000 Be­su­cher pil­gern. Pfar­rer und geist­li­che Schrift­stel­ler Chris­toph von Schmid, der als er­folg­reichs­ter Ju­gend­buch­au­tor sei­ner Zeit gilt, und aus gläu­bi­ger Über­zeu­gung und päd­ago­gi­scher Be­ru­fung für Kin­der ein­trat. Er schrieb für sie klei­ne lehr­rei- che Er­zäh­lun­gen in ver­ständ­li­cher Spra­che, die bei­spiel­haft wi­der­spie­gel­ten, wie Gott das Gu­te sie­gen lässt. „Mor­gen kommt der Weih­nachts­mann“, hat Hein­rich Hoff­mann von Fal­lers­le­ben 1835 ver­spro­chen.

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