Hin­ter den Hei­mat-Fas­sa­den

Künst­ler präg­ten das Bild des Schwarz­walds – doch har­te Rea­li­tä­ten blen­de­ten sie meist aus

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - An­net­te Bor­chardt-Wenzel

Man­che woll­ten nur noch weg, vie­le sa­hen ein­fach kei­ne an­de­re Mög­lich­keit, der Ar­mut zu ent­flie­hen. Und die groß­her­zog­lich-ba­di­sche Re­gie­rung hielt sie nicht zu­rück. Im Ge­gen­teil, in den wirt­schaft­li­chen Not­jah­ren 1851 bis 1853 sie­del­te sie ver­arm­te Ein­woh­ner so­gar auf Staats­kos­ten nach Ame­ri­ka aus. Der Schwarz­wald kann als das klas­si­sche ba­di­sche Aus­wan­de­rungs­land des 19. Jahr­hun­derts gel­ten. Das Le­ben „auf dem Wald“war hart und ent­beh­rungs­reich; was die Bö­den der meist klei­nen Hö­fe her­ga­ben, reich­te in wei­ten Re­gio­nen nicht aus, um die hung­ri­gen Mäu­ler der Fa­mi­li­en zu stop­fen. Sol­ches Elend blieb den wohl­ha­ben­den Bür­gern in den Städ­ten weit­ge­hend ver­bor­gen. Der Schwarz­wald, den sie – meist nur aus der Ent­fer­nung – ken­nen­lern­ten, be­stand aus ro­man­ti­schen Land­schaf­ten, lich­ten An­hö­hen, tie­fen Schluch­ten und schwar­zen Wäl­dern. Wild, ge­heim­nis­voll, manch­mal so­gar be­droh­lich, stand er für ei­ne Ur­sprüng­lich­keit, mit der In­dus­tria­li­sie­rung ver­lo­ren zu ge­hen droh­te. Die Men­schen aber, die im Schwarz­wald wohn­ten, das wa­ren from­me Leu­te in ma­le­ri­schen Trach­ten, die hart ar­bei­te­ten und ein­fach leb­ten. So be­san­gen es die Dich­ter, so stell­ten es die Ma­ler dar. Die har­ten Rea­li­tä­ten des bäu­er­li­chen Le­bens blen­de­ten die Künst­ler meist aus. Sie schu­fen, wie es der Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Her­mann Bau­sin­ger aus­drück­te, ei­ne „Fas­sa­den­hei­mat“. Be­trach­tet man die Schwarz­wald-Bil­der, die der­zeit in ei­ner Son­der­aus­stel­lung der Städ­ti­schen Ga­le­rie Karls­ru­he ge­zeigt wer­den, so kann man leicht nach­voll­zie­hen, war­um das Mit­tel­ge­bir­ge zum Sehn­suchts­ort der Städ­ter im 19. Jahr­hun­dert wur­de. Die Schau führt rund 200 Ge­mäl­de, Zeich­nun­gen, Druck­gra­fi­ken und his­to­ri­sche Fo­to­gra­fi­en aus öf­fent­li­chen und pri­va­ten Samm­lun­gen zu ei­nem ein­drucks­vol­len Pan­ora­ma zu­sam­men. Vie­le Wer­ke wir­ken sehr idyl­lisch, man­che aus heu­ti­ger Sicht so­gar kit­schig – sie schei­nen al­le Schwarz­wald­kli­schees zu be­die­nen. Da­bei ha­ben die Ma­ler des 19. Jahr­hun­derts kräf­tig da­zu bei­ge­tra­gen, die­se Kli­schees über­haupt erst zu schaf­fen. Und vie­le der in der Aus­stel­lung ver­tre­te­nen Künst­ler wa­ren – an­ders als der in Bernau ge­bo­re­ne Di­rek­tor der Groß­her­zog­li­chen Kunst­aka­de­mie, Hans Tho­ma (1839–1924) – kei­ne Schwarz­wäl­der Bu­ben. So wur­de un­ser Schwarz­wald­bild we­ni­ger von der Er­fah­rungs­welt sei­ner Be­woh­ner, als von Au­ßen­ste­hen­den und Zu­ge­zo­ge­nen ge­prägt, die das Mit­tel­ge­bir­ge aus ei­nem eher tou­ris­ti­schen Blick­win­kel be­trach­te­ten. Da ist Wil­helm Hase­mann (1850–1913), ein ge­bür­ti­ger Sach­se. Sein 1895 in Gutach ent­stan­de­nes Ge­mäl­de „Nach dem Kirch­gang“von 1895 war­tet mit al­lem auf, was das Pu­bli­kum schätz­te: pit­to­res­ke Trach­ten, schö­ne Land­schaft, tra­di­tio­nel­le Ar­chi­tek­tur und from­me Men­schen. Die Bol­len­hut-Idyl­le ent­fal­te­te ei­ne enor­me Brei­ten­wir­kung: „Das Ge­mäl­de fand als Licht­druck, in Holz­schnitt über­tra­gen, als Re­pro­duk­ti­on in Zeit­schrif­ten und als Bild­post­kar­te mas­sen­wei­se Ver­brei­tung“, er­zählt Bri­git­te Baum­stark, die Lei­te­rin der Städ­ti­schen Ga­le­rie. Hase­mann, den ein Il­lus­tra­ti­ons­auf­trag 1880 erst­mals ins Kin­zig­tal ge­führt hat­te, war vom ver­kehrs­güns­tig ge­le­ge­nen Gutach mit der reiz­vol­len Um­ge­bung so be­geis­tert, dass er zahl­rei­che Kol­le­gen in das Schwarz­wald­dorf ein­lud – in Gutach ent­stand ei­ne Künst­ler­ko­lo­nie. Bei den Bil­dern, die dort ge­malt wur­den, spielt oft die Tracht ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Her­zig ist et­wa die im­pres­sio­nis­tisch an­mu­ten­de Darstel­lung ei­nes klei­nen Mäd­chens, das vor ei­nem Spiel­gel den Bol­len­hut sei­ner äl­te­ren Schwes­ter auf­pro­biert. Es wur­de von dem in Ebin­gen auf der Schwä­bi­schen Alb ge­bo­re­nen Chris­ti­an Lan­den­ber­ger (1862– 1927) ge­schaf­fen und ziert auch das Co­ver des zur Aus­stel­lung er­schie­nen Ka­ta­logs. Das Gen­re­bild ei­nes an­de­ren Künst­lers, der sich von Be­ob­ach­tun­gen in Gutach in­spi­rie­ren ließ, heißt „Der Lie­bes­brief“. Beim An­blick der zwei Mäd­chen, die sel­bi­gen ver­fas­sen, könn­te man glatt ver­ges­sen, dass die Schwarz­wald­be­woh­ner ro­man­ti­schen Ge­füh­len we­nig Be­deu­tung zu­ma­ßen. Spä­tes­die tens wenn es ums Hei­ra­ten ging, hat­ten wirt­schaft­li­che Fak­ten Vor­rang – die El­tern han­del­ten Ehe­ver­trä­ge aus, oh­ne erst nach der Zu­nei­gung der Braut­leu­te zu fra­gen. Ja, woll­ten die Künst­ler den Lieb­ha­bern ih­rer Wer­ke denn gar kei­nen Blick hin­ter die schö­nen Hei­mat-Fas­sa­den zu­mu­ten? Bri­git­te Baum­stark deu­tet auf ein Bild von Fritz Reiss (1857–1915). Es heißt „Ver­nunft­ehe im Schwarz­wald“. Die Braut trägt den ro­ten Bol­len­hut der Jung­frau­en; sie ist je­doch be­reits ei­ne vom Le­ben ge­zeich­ne­te Frau mit gro­ben Ar­beits­hän­den. Der Bräu­ti­gam, ein rot­ba­cki­ger Bub, dürf­te an die 20 Jah­re jün­ger sein. Er hat die Hand in die El­len­beu­ge sei­ner Zu­künf­ti­gen ge­legt. „Aber der Ge­sichts­aus­druck“, so die Ga­le­rie-Che­fin: „der ist doch sehr am­bi­va­lent“.

„Nach dem Kirch­gang“heißt die Bol­len­hut-Idyl­le von Wil­helm Hase­mann von 1895. Tracht, Land­schaft, Ar­chi­tek­tur und Fröm­mig­keit – da kam al­les zu­sam­men, was man am Schwarz­wald schätz­te. Bild: Pri­vat­be­sitz

„Der Lie­bes­brief“heißt Ben­ja­min Vau­tiers d. Ä. Ge­mäl­de aus dem Jahr 1887. Wenn es um ei­ne Ehe­schlie­ßung ging, spiel­ten ro­man­ti­sche Ge­füh­le im 19. Jahr­hun­dert al­ler­dings kei­ne Rol­le. Bild: Samm­lung Wil­ly Scheu­rer

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