Mit dem jun­gen Dar­win um die Welt

Vor 185 Jah­ren ging der Na­tur­for­scher auf gro­ße Fahrt / Be­geg­nung mit den „elen­digs­ten We­sen“

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN - An­net­te Bor­chardt-Wenzel

Es war De­zem­ber – Som­mer in Feu­er­land. Aber was heißt Som­mer, wenn man sich am En­de der Welt be­fin­det? Die Eu­ro­pä­er frös­tel­ten im schar­fen Wind. „Das Kli­ma ist ge­wiss er­bärm­lich“, no­tier­te Charles Dar­win un­ter dem Da­tum 25. De­zem­ber 1832: „Die Som­mer­son­nen­wen­de war nun vor­über, doch je­den Tag fiel Schnee auf die Ber­ge und in den Tä­lern gab es Re­gen, be­glei­tet von Grau­peln.“Um­so mehr stutz­te der jun­ge En­g­län­der beim An­blick ei­nes Ka­nus „mit sechs Feu­er­län­dern dar­in“. Denn die Ein­ge­bo­re­nen – es han­del­te sich um am Beagle-Ka­nal sie­deln­de Yá­ma­na – wa­ren „ganz nackt und selbst ei­ne er­wach­se­ne Frau war völ­lig un­be­klei­det.“In ei­nem an­de­ren Ha­fen, so Charles Dar­win, sei ei­ne Mut­ter, die ge­ra­de ihr Neu­ge­bo­re­nes säug­te, zu den Eu­ro­pä­ern ge­kom­men und „aus rei­ner Neu­gier“ge­blie­ben, „wäh­rend der Schnee­re­gen ihr auf den nack­ten Bu­sen und dem Säug­ling auf die nack­te Haut fiel und dort schmolz.“Für den jun­gen Mann, der einst­mals Wis­sen­schafts­ge­schich­te schrei­ben soll­te, war klar: Bei die­sen See-No­ma­den han­del­te sich um die „er­bärm­lichs­ten und elen­digs­ten We­sen“, die er je­mals er­blickt hat­te. Am 27. De­zem­ber 1831 war die HMS Beagle von Ply­mouth aus un­ter dem Kom­man­do von Ka­pi­tän Ro­bert Fitz Roy von der Roy­al Na­vy zu ih­rer zwei­ten Ver­mes­sungs­fahrt auf­ge­bro­chen. Mit an Bord: Charles Dar­win, da­mals ge­ra­de 22 Jah­re alt. Dar­win hat­te un­ter an­de­rem Me­di­zin und Theo­lo­gie stu­diert, sein ei­gent­li­ches In­ter­es­se aber galt der Geo­lo­gie und der Bio­lo­gie. In sei­ner Ka­bi­ne hor­te­te er Pro­be­be­häl­ter, Che­mi­ka­li­en und wis­sen­schaft­li­ches Ge­rät. Auf zwei Jah­re war die Rei­se an­ge­legt, doch letzt­lich war Dar­win fünf Jah­re un­ter­wegs. Von En­g­land aus führ­te die Fahrt der Beagle über die Kap­ver­di­schen In­seln, nach Süd­ame­ri­ka, zu den Ga­la­pa­gos In­seln, nach Neu­see­land und Aus­tra­li­en, über den In­di­schen Oze­an an die Küs­te Kap­stadts und 1836 schließ­lich zu­rück nach En­g­land. Dar­win brach­te mehr als 1500 Pflan­zen- und Tier­prä­pa­ra­te so­wie fast 4 000 Fel­le, Häu­te, Fe­dern, Kno­chen, Fos­si­li­en, Gestei­ne und an­de­re Fund­stü­cke mit nach Hau- se. Die Welt­rei­se stell­te die Wei­chen für sein wei­te­res Schaf­fen. Mit sei­ner Evo­lu­ti­ons­theo­rie re­vo­lu­tio­nier­te Dar­win die Wis­sen­schaft und das Den­ken der Mensch­heit. Schon 20 Jah­re, ehe Dar­win mit sei­nem be­rühm­tes­ten Werk „Über die Ent­ste­hung der Ar­ten“Fu­ro­re mach­te, hat­te er sich mit sei­nem Be­richt über die Fahrt der Beagle ei­nen Na­men als Na­tur­for­scher ge­schaf­fen: Wäh­rend der Rei­se hat­te der jun­ge Dar­win sei­ne Be­ob­ach­tun­gen nie­der­ge­schrie­ben; 1839 ver­öf­fent­lich­te er sei­ne Er­leb­nis­se und Er­kennt­nis­se. Da­mit schuf er ei­nen Klas­si­ker der Rei­se­li­te­ra­tur. Jetzt ist ein präch­ti­ger Band über die „Fahrt der Beagle“im Theis­sVer­lag er­schie­nen. Da­bei wur­de nach Ver­lags­an­ga­ben auf den Text der gleich­na­mi­gen zwei­ten Edi­ti­on von 1845 zu­rück­ge­grif­fen. Sie ent­hielt be­reits Über­ar­bei­tun­gen – In­ter­pre­ta­tio­nen der ge­sam­mel­ten Ob­jek­te, aus de­nen Dar­win sei­ne Ide­en zur Evo­lu­ti­on ent­wi­ckel­te. Für den an­spruchs­vol­len Le­ser von heu­te wur­de der Band künst­le­risch ge­stal­tet und mit his­to­ri­schem Bild- und Kar­ten­ma­te­ri­al so­wie ak­tu­el­len Land­schafts­auf­nah­men il­lus­triert. Ne­ben dem vor­sich­tig ge­kürz­ten und über­setz­ten Ori­gi­nal­text sind zu­dem Aus­zü­ge aus an­de­ren Wer­ken ent­hal­ten – et­wa aus Dar­wins spä­te­rem, bahn­bre­chen­den Buch „Über die Ent­ste­hung der Ar­ten“oder aus dem Rei­se­be­richt von Ro­bert Fitz Roy, dem Ka­pi­tän der Beagle. Ent­stan­den ist so ein fa­cet­ten­rei­ches Buch, das den Ab­stand von 185 Jah­ren zwar nicht ver­ges­sen macht, aber lo­cker über­win­det. Das Buch liest sich stre­cken­wei­se wie ein Aben­teu­er­ro­man. Der jun­ge Dar­win, be­gie­rig dar­auf, ab­ge­le­ge­ne Or­te zu er­kun­den und un­be­kann­te Tier- und Pflan­zen­ar­ten zu ent­de­cken, wird mit ge­fähr­li­chen Si­tua­tio­nen kon­fron­tiert, mit Erd­be­ben et­wa oder krie­ge­ri­schen Kon­flik­ten. Und im­mer wie­der ver­sucht er – aus der Sicht ei­nes ge­bil­de­ten Eu­ro­pä­ers im 19. Jahr­hun­dert – ein­zu­ord­nen, was er über die Ein­ge­bo­re­nen er­fährt. In Feu­er­land hört er mit Ent­set­zen Be­rich­te, wo­nach die Ur­ein­woh­ner, wenn im Win­ter der Hun­ger über­mäch­tig wird, al­te Frau­en tö­ten und auf­es­sen. Er fragt sich, wo­her die­se „Wil­den“stam­men und was ih­re Vor­fah­ren da­zu ge­bracht ha­ben könn­te, in ei­nes „der un­wirt­lichs­ten Län­der auf dem Erd­kreis“zu zie­hen. Die In­dia­ner, so mut­maßt er, sei­en trotz ih­rer trau­ri­gen Le­bens­um­stän­de zu Glücks­emp­fin­dun­gen fä­hig („von wel­cher Art auch im­mer“). Und – da spricht schon der Evo­lu­ti­ons­theo­re­ti­ker: „Die Na­tur hat den Feu­er­län­der, in­dem sie die Ge­wohn­heit all­mäch­tig und ih­re Wir­kun­gen erb­lich ge­macht hat, an das Kli­ma und die Er­zeug­nis­se sei­nes er­bärm­li­chen Le­bens an­ge­passt.“Was Dar­win da­mals noch nicht wis­sen konn­te: Dass die Yá­ma­na dem Un­ter­gang ge­weiht wa­ren. Scha­ren­wei­se star­ben sie in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts an von Sied­lern ein­ge­schlepp­ten In­fek­ti­ons­krank­hei­ten – und an Ver­su­chen von Mis­sio­na­ren, die „Wil­den“zu „zi­vi­li­sie­ren“. An­fang des 20. Jahr­hun­derts wa­ren die auf Feu­er­land le­ben­den In­dia­ner fast voll­stän­dig aus­ge­rot­tet.

Som­mer am Beagle-Ka­nal: Die Was­ser­stra­ße im Sü­den Feu­er­lands ist nach dem bri­ti­schen For­schungs­schiff HMS Beagle be­nannt, mit dem im De­zem­ber 1831 auch Charles Dar­win auf Welt­rei­se ging. Fo­to: bo

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