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Der Sonntag (Mittelbaden) - - AKTUELL -

Po­ké­mon go ho­me

„Fak­ten, Fak­ten...“So hieß ein frü­her „Tat­ort“mit Pro­fes­sor Bo­er­ne und Haupt­kom­mis­sar Thiel. Man kann sich dar­über strei­ten, ob die Fern­seh-Kri­mis aus Müns­ter rea­lis­tisch sind. Aber egal, wie ab­strus sich der je­wei­li­ge Fall ge­stal­tet: Ge­richts­me­di­zi­ner Bo­er­ne hält die Fak­ten in Form nicht im­mer ap­pe­tit­li­cher Lei­chen­tei­le hoch. Der Be­liebt­heit des Darstel­ler­teams Lie­fers/Prahl tut das kei­nen Ab­bruch – die bei­den fah­ren re­gel­mä­ßig Spit­zen­quo­ten ein. Was ei­gent­lich ver­wun­dert, weil wir ja im post­fak­ti­schen Zeit­al­ter le­ben. Und das be­deu­tet, dass für ziem­lich vie­le Leu­te Ge­füh­le und Stim­mun­gen wich­ti­ger sind als Fak­ten. Mit dem Be­griff „post­fak­tisch“sind wir noch nicht so lan­ge ver­traut. Die meis­ten Leu­te ha­ben ihn wohl erst­mals so rich­tig rea­li­siert, als ihn die Ge­sell­schaft für deut­sche Spra­che (GfS) kürz­lich zum Wort des Jah­res kür­te. Wo­mit die GfS im­mer­hin un­se­ren Wort­schaft er­wei­tert hat. Aber in die­ser Hin­sicht war das Jahr 2016 so­wie­so er­gie­big. Er­in­nern Sie sich dar­an, wie im Som­mer klei­ne Mons­ter die Herr­schaft auf den Stra­ßen über­nah­men? Ge­nau, die Re­de ist von „Po­ké­mon Go“. Da­mals, nach dem Start im Ju­li, lern­ten wir, was „aug­men­ted rea­li­ty“, „er­wei­ter­te Rea­li­tät“, be­deu­tet. Denn die put­zi­gen Mons­ter, auf die plötz­lich Mil­lio­nen Men­schen welt­weit Jagd mach­ten, tau­chen zwar in der rea­len Um­ge­bung auf – aber doch nur auf dem Smart­pho­ne. Doch sie schu­fen Fak­ten, Fak­ten... Wie­der­holt muss­ten Leu­te, die sich beim Mons­ter-Fan­gen ver­irrt hat­ten, von Bahn­glei­sen ge­ret­tet oder aus den zer­tram­pel­ten Vor­gär­ten er­bos­ter An­woh­ner eva­ku­iert wer­den; in Düsseldorf wur­de ei­ne Brü­cke, an der es meh­re­re „Po­ké­stops“gab, we­gen des Mas­sen­drangs zeit­wei­se für den Ver­kehr ge­sperrt. In Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na sich­te­te man Po­ké­mon-Jä­ger in Ge­gen­den, die we­gen Land­mi­nen ge­sperrt sind. Und im­mer gab es Un­fäl­le, weil Au­to­fah­rer, Rad­ler, Fuß­gän­ger – so­gar Skate­board-Fah­rer – sich mehr auf die er­wei­ter­te Rea­li­tät ih­res Smart­pho­nes kon­zen­trier­ten, als auf den Ver­kehr zu ach­ten. Je­den­falls lan­de­te man­cher Mons­ter-Samm­ler un­sanft auf dem Bo­den der Tat­sa­chen. Doch in­zwi­schen ist es recht still ge­wor­den um Po­ké­mon Go. Liegt es dar­an, dass der Reiz des Neu­en ver­flo­gen ist? An üb­len Er­fah­run­gen der Mons­ter-Jä­ger? Oder ein­fach am Wet­ter? Im post­fak­ti­schen Zeit­al­ter er­üb­rigt sich die Su­che nach den Ur­sa­chen. Und das Ge­fühl sagt: Po­ké­mon go ho­me, dei­ne Zeit ist vor­bei. An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

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