„Das gu­te Buch für je­der­mann“

Zwi­schen Nie­ren­tisch und Mu­sik­tru­he: Zwei Bän­de über die Ta­schen­bü­cher der 50er Jah­re

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN - Avs

Als in der jun­gen Bun­des­re­pu­blik Nie­ren­tisch und Mu­sik­tru­he im meist noch fern­seh­frei­en Wohn­zim­mer stan­den und der Pet­ti­coat in Mo­de war, setz­te auch das Ta­schen­buch zum Nach­kriegs­boom an und re­vo­lu­tio­nier­te die Ver­lags­land­schaft. Es wur­de ei­ne ver­le­ge­ri­sche Er­folgs­ge­schich­te. Den An­fang mach­ten die rororo-Ta­schen­bü­cher (Ro­wohlts Ro­ta­ti­ons­ro­ma­ne) qua­si als Bei­trag des Ro­wohl­tVer­lags zum „li­te­ra­ri­schen Wie­der­auf­bau Deutsch­lands“. Kurt Tuchol­s­ky hat­te be­reits vor dem Krieg ge­for­dert: „Macht die Bü­cher bil­li­ger!“. Ein opu­len­ter, zwei­tei­li­ger Bild-Text-Band von zwei lei­den­schaft­li­chen Samm­lern und Ex­per­ten (Rein­hard Klimmt – dem frü­he­ren SPD-Spit­zen­po­li­ti­ker – und Patrick Röss­ler) ruft jetzt in far­ben­präch­ti­gen Ab­bil­dun­gen die höchst un­ter­schied­li­chen, mal rei­ße­ri­schen und oft künst­le­risch an­spruchs­vol­len Wer­ke der da­ma­li­gen Buch­kunst­ge­stal­ter in Er­in­ne­rung („Rei­hen­wei­se – Die Ta­schen­bü­cher der 1950er Jah­re und ih­re Gestal­ter“, Band 1 und 2, Achil­la Pres­se). Es ist nichts we­ni­ger als ei­ne klei­ne Kul­turund Sit­ten­ge­schich­te der 50er Wie­der­auf­bau­jah­re im Nach­kriegs­deutsch­land. Vor al­lem ist es aber auch ei­ne Ge­schich­te des gra­fi­schen De­signs und der Buch­ge­stal­tung in West- und Ost­deutsch­land, die die da­ma­li­gen Künst­ler aus der An­ony­mi­tät oder dem Ver­ges­sen holt. Dies ge­schieht mit ei­ner schier un­end­li­chen Zahl von durch­weg far­bi­gen Ab­bil­dun­gen der Ta­schen­buch­co­ver, die bei äl­te­ren Le­sern Er­in­ne­run­gen an le­se­hung­ri­ge Ju­gend­jah­re we­cken. Bei nach­ge­wach­se­ne Le­se­ge­ne­ra­tio­nen wer­den sie Er­stau­nen über die Viel­sei­tig­keit buch­künst­le­ri­scher Gestal­tung in den 50er Jah­ren her­vor­ru­fen. Er­gänzt wer­den die Ab­bil­dun­gen durch Es­says von Ex­per­ten zu ein­zel­nen Ta­schen­buch­rei­hen der Ver­la­ge, ne­ben Ro­wohlt un­ter an­de­rem Ull­stein, Gold­mann, Fi­scher, List, Heyne oder Auf­bau mit ih­ren Aben­teu­er­ro­ma­nen, Kin­der- und Ju­gend­bü­chern so­wie an­spruchs­vol­ler Welt­ker­vil­le“ li­te­ra­tur oder Wis­sen­schafts- und Sach­buch­rei­hen bis hin zu po­pu­lä­ren Rat­ge­bern („Was Män­nern gut schmeckt“). „Das gu­te Buch für je­der­mann“war na­tür­lich ein nicht ganz zu­tref­fen­der Wer­be­slo­gan, wa­ren doch als „Mas­sen­wa­re Ta­schen­buch“auch we­ni­ger an­spruchs­vol­le Un­ter­hal­tungs­ro­ma­ne im ver­kauf­s­träch­ti­gen An­ge­bot. Tref­fen­der brach­ten es die List-Bü­cher auf den Punkt mit ih­rem Slo­gan „Aus der Ta­sche in die Hand – nicht für Ih­ren Bü­cher­schrank ge­druckt“. Und das gab es im­mer­hin für den Preis ei­ner Ki­no­kar­te von 1,90 DM, wo­bei es bald auch ein Wech­sel­spiel zwi­schen der Ki­n­o­lein­wand und den Ta­schen­bü­chern gab – an­ge­fan­gen von rei­ße­ri­schen Auf­ma­chun­gen vie­ler Bü­cher im Stil klei­ner Film­pla­ka­te bis hin zu ver­film­ten Kri­mi­nal­ro­ma­nen. Ein be­rühm­tes Bei­spiel da­für wa­ren die Gold­man­nTa­schen­bü­cher mit den Ed­gar-Wal­la­ceK­ri­mis und der le­gen­dä­ren Film­rei­he vom „He­xer“bis zum „Frosch mit der Mas­ke“. Zu den Ull­stein-Klas­si­kern zähl­ten zum Bei­spiel Erich Ma­ria Re­mar­ques An­ti­kriegs­ro­man „Im Wes­ten nichts Neu­es“und „Bon­jour Tris­tesse“der Fran­zö­sin Fran­coise Sa­gan. Die spä­ter be­rühm­ten rororo-thril­ler gab es erst ab 1961, un­ter an­de­rem mit Au­to­ren wie dem Ber­li­ner So­zio­lo­gie-Pro­fes­sor Horst Bo­setz­ky, der zu­nächst un­ter dem Pseud­onym „-ky“ver­bor­gen blieb („Kein Rei­hen­haus für Ro­bin Hood“, „Ei­ner von uns bei­den“) und als ei­ner der Er­fin­der des „So­zio-Kri­mis“in Deutsch­land gilt. Die DDR tat sich, wie es in der Do­ku­men­ta­ti­on heißt, an­fangs schwer mit Kri­mi­nal­ro­ma­nen trotz des Kri­miLieb­ha­bers Ber­tolt Brecht, der im­mer­hin 5 000 Kri­mi­nal­ro­ma­ne be­saß. Die eher an­spruchs­vol­len bb-Ta­schen­bü­cher des Auf­bau Ver­lags wur­den zur füh­ren­den Ta­schen­buch­rei­he der DDR ne­ben Rei­hen an­de­rer Ver­la­ge. Da schrieb auch ein be­kann­ter Rechts­an­walt ei­nen Kri­mi wie „Mord im Gru­ne­wald“(der na­tür­lich im „ver­ruch­ten“West-Berlin liegt), wäh­rend Co­n­an Doy­les Klas­si­ker „Der Hund von Bas- als „stark kon­stru­ier­tes Ge­schwätz“bei­na­he der Zen­sur zum Op­fer ge­fal­len wä­re. Ein be­mer­kens­wer­tes Ka­pi­tel der DDR-Ta­schen­buch­ge­schich­te be­han­delt die Do­ku­men­ta­ti­on mit den „Pan­ther“- und spä­ter „Se­ven Sea Books“in eng­li­scher Spra­che für den Aus­lands­ver­trieb, was ein „für die in­ter­na­tio­na­le Re­pu­ta­ti­on der DDR wich­ti­ges Pro­jekt“ge­we­sen sei. Mit da­bei der spä­ter in der DDR ge­schmäh­te Ste­fan Heym. Be­mer­kens­wert sind in der Do­ku­men­ta­ti­on auch die per­sön­li­chen An­mer­kun­gen und Le­se­er­leb­nis­se von Klimmt und Röss­ler, wenn zum Bei­spiel Klimmt Nor­man Mai­lers Buch „Die Nack­ten und die To­ten“für sei­ne Ge­ne­ra­ti­on ei­ne ähn­li­che an­ti­mi­li­ta­ris­ti­sche Be­deu­tung zu­schreibt wie Re­mar­ques „Im Wes­ten nichts Neu­es“für die Vä­ter-Ge­ne­ra­ti­on. Ein be­son­de­res Ver­dienst der zwei­bän­di­gen Do­ku­men­ta­ti­on ist es auch, dass die meis­ten der heu­te in Ver­ges­sen­heit ge­ra­te­nen Buch­ge­stal­ter wie­der in Er­in­ne­rung ge­ru­fen wer­den und ih­ren ge­büh­ren­den Platz er­hal­ten (da­mals wur­den man­che von ih­nen nicht ein­mal im Buch er­wähnt). Denn vie­le Ta­schen­bü­cher ge­hör­ten mit ih­ren oft kunst­voll ge­stal­te­ten Co­vern kei­nes­wegs zu „Stief­kin­dern der Buch­kunst“. Mar­kan­te Bei­spie­le sind Karl Grö­nings und Gi­se­la Pferd­men­ges’ Co­ver von Ru­dyard Ki­plings „Dschun­gel­buch“mit ei­nem an­dro­gyn­sinn­li­chen Mow­g­li oder Tra­vens „To­ten­schiff“mit dem durch ein Bul­l­au­ge zu se­hen­den Schiffs­wrack ei­nes „See­len­ver­käu­fers“und Al­bert Ca­mus’ Ro­man „Die Pest“mit ei­ner be­droh­lich auf den Be­trach­ter zu­lau­fen­den schwar­zen Pin­sel­schrift vor gel­bem Häu­s­er­hin­ter­grund. Bil­der, die in Er­in­ne­rung blei­ben oder es wert sind, wie­der neu­en Le­ser­ge­ne­ra­tio­nen vor­ge­stellt zu wer­den.

Al­les so schön bunt hier: Das ist das Co­ver des Bu­ches „Zwi­schen Nie­ren­tisch und Mu­sik­tru­he: Die Ta­schen­bü­cher der 50er Jah­re“von Rein­hard Klimmt und Patrick Röss­ler. Fo­to: avs

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