„Zu­sam­men­halt wird stär­ker“

Bun­des­prä­si­dent Gauck: Un­se­re Ge­sell­schaft soll frei und of­fen blei­ben

Der Sonntag (Mittelbaden) - - ERSTE SIETE - Caroline Bock/SO

Was für ein Jahr. Die Sil­ves­ter­nacht von Köln, Ter­ror in Brüs­sel und Nizza. Ein Amok­läu­fer er­schießt in Mün­chen neun Men­schen und ver­setzt ei­ne Stadt in Angst. In Frei­burg wird ei­ne jun­ge Frau er­mor­det. Tat­ver­däch­tig: ein Flücht­ling. Dann, we­ni­ge Ta­ge vor Hei­lig­abend: In Ber­lin rast ein Mann mit dem Last­wa­gen über den Weih­nachts­markt und rich­tet ein Blut­bad an. Es ist kaum vor­stell­bar, was das für die Fa­mi­li­en der To­ten und für die Ver­letz­ten be­deu­tet. Wie wird die­ser An­schlag das Land ver­än­dern? Die Ant­wor­ten kennt noch kei­ner. Fest steht: An­schlä­ge ha­ben im Jahr 2016 et­was Ri­tual­haf­tes. Die Son­der­sen­dun­gen mit dem ro­ten Bal­ken im Fern­se­hen. Face­book, das die Nut­zer auf­ruft, sich als „si­cher“zu mar­kie­ren. Die Angst be­kommt im In­ter­net ein Lo­go: „Pray for Ber­lin“, be­te für Ber­lin. Auch ein Ri­tu­al ist, dass die Rech­ten schimp­fen: „Dan­ke, Mer­kel“. Die „Bahn­hofs­klat­scher“, die die Flücht­lin­ge mit Ted­dys emp­fin­gen, sei­en doch selbst schuld. Dann die Stim­men der Be­son­nen­heit: Un­se­re Ge­sell­schaft soll frei und of­fen blei­ben. Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck be­schwört es: „Un­ser Zu­sam­men­halt wird nicht schwä­cher – er wird stär­ker, wenn wir an­ge­grif­fen wer­den.“Die Kanz­le­rin legt im schwar­zen Man­tel ei­ne Schwei­ge­mi­nu­te ein. Abends leuch­tet das Bran­den­bur­ger Tor in den deut­schen und den Ber­li­ner Far­ben. Die Bil­der nach den An­schlä­gen äh­neln sich. Wächst die Rou­ti­ne im Schre­cken? Was der So­zio­lo­ge Andreas Schmitz von der Uni Bonn sagt, klingt nüch­tern. „Sie sind wahr­schein­lich scho­ckiert, aber sind Sie auch über­rascht?“, fragt er am Te­le­fon. „Das ge­hört zu un­se­rer Welt heu­te da­zu.“Es sei ob­jek­tiv ein Kriegs­zu­stand, weil sich die an­de­re Sei­te im Krieg füh­le. Schmitz er­war­tet, dass sich Deutsch­land lang­fris­tig an den all­täg­li­chen Ter­ror ge­wöh- nen muss. Düs­te­re Aus­sich­ten. Ber­lin hat schon im Som­mer ei­ne Trau­er­fei­er er­lebt. Bei dem An­schlag an der Pro­me­na­de in Nizza wur­den auch zwei Schü­le­rin­nen und ei­ne Leh­re­rin aus Char­lot­ten­burg ge­tö­tet. „Al­les fühlt sich falsch an“, sag­te der Dom­pre­di­ger da­mals. Kein hal­bes Jahr spä­ter wie­der ei­ne Trau­er­fei­er, in der Ge­dächt­nis­kir­che. Sie wur­de im Krieg zer­stört und be­wusst als Rui­ne be­las­sen. Ein Sym­bol des Frie­dens. Was ist bloß gera­de los auf dem Glo­bus? „30 Ta­ge, die die Welt er­schüt­ter­ten“, so hat die bri­ti­sche Zeit­schrift „Guar­di­an“im Som­mer das Ge­sche­hen in ei­nem be­ein­dru­cken­den Vi­deo zu­sam­men­ge­stellt, vom Br­ex­it bis zum Putsch in der Tür­kei. Es kom­men auch vor: die is­län­di­schen Fuß­bal­ler bei der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft und der sum­men­de bri­ti­sche Pre­mier Da­vid Ca­me­ron bei sei­nem Ab­gang. Es sind we­ni­ge hei­te­re Mo­men­te in die­sem dunk­len Jahr. Wie wird Ber­lin re­agie­ren? Die Leu­te keh­ren, so trau­rig der An­schlag ist, zum All­tag zu­rück. Tou­ris­mus­chef Burk­hard Kie­ker sagt: „Sie wol­len zei­gen, dass die deut­sche Haupt­stadt ihr Le­ben, ih­re Kul­tur und ih­re Gast­freund­schaft nicht von Ein­zel­nen zer­stö­ren las­sen will.“Angst vor dem Be­such von Groß­ver­an­stal­tun­gen müs­se man nicht ha­ben. Be­son­ders die Sil­ves­ter­fei­er am Bran­den­bur­ger Tor sei gut ge­schützt. Sie wer­de „ei­ner der si­chers­ten Or­te der Re­pu­blik“. Der Bi­schof der Evan­ge­li­schen Lan­des­kir­che in Ba­den, Jo­chen Cor­ne­li­us-Bund­schuh, hat vor we­ni­gen Ta­gen in ei­nem In­ter­view mit den Ba­di­schen Neu­es­ten Nach­rich­ten ge­sagt, gera­de jetzt müs­se man „ver­su­chen, auf­ein­an­der zu­zu­ge­hen, das Mit­ein­an­der zu stär­ken.“Dies sei, so der Bi­schof, „ei­ne Res­sour­ce, die uns Kraft schen­ken kann.“Und die Bi­bel sa­ge uns ja gera­de zu Weih­nach­ten: „Fürch­tet Euch nicht.“

Fo­to: avs

Meh­re­re Chö­re ge­den­ken mit ei­nem ge­mein­sa­men Auf­tritt der zahl­rei­chen Op­fer des An­schlags auf dem Ber­li­ner Weih­nachts­markt.

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