Als die Zu­kunft be­gann

Hoff­nun­gen, Ängs­te und Gal­gen­hu­mor – wie Ka­ri­ka­tu­ris­ten in „Tech­ni­sche Pa­ra­die­se“ein­tauch­ten

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Wo soll das hin­füh­ren? Was ma­chen lern­fä­hi­ge Ro­bo­ter und Com­pu­ter­pro­gram­me mit uns? Wer­den dem­nächst im gro­ßen Stil Ar­beits­plät­ze weg­ra­tio­na­li­siert? Wird der Mensch am En­de über­flüs­sig sein? Oder fin­det er sei­ne Ni­sche in ei­ner schö­nen neu­en Welt? Die Fra­gen, die die di­gi­ta­le Re­vo­lu­ti­on auf­wirft, sind gar nicht so un­ähn­lich de­nen, die sich die Men­schen stell­ten, als mit dem „ers­ten Ma­schi­nen­zeit­al­ter“die Zu­kunft be­gann. Da­von kann man sich bis zum 5. März 2017 in ei­ner Aus­stel­lung in Ba­den-Ba­den über­zeu­gen. Sie be­schäf­tigt sich mit den Hoff­nun­gen und Ängs­ten, die der tech­ni­sche Fort­schritt und die in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on mit sich brach­ten: „Tech­ni­sche Pa­ra­die­se. Die Zu­kunft in der Karikatur des 19. Jahr­hun­derts“heißt die kurz­wei­li­ge Schau im Mu­se­um LA8. „Hu­mor ist, wenn man trotz­dem lacht“. Die­ses Bon­mot hat der Schrift­stel­ler Ot­to Ju­li­us Bier­baum (1865-1910) sei­ner „Yan­kee­dood­le-Fahrt“vor­an­ge­stellt – der Ei­sen­bahn-All­er­gi­ker be­schreibt dar­in die Schiffs­rei­se auf ei­nem mo­der­nen Dop­pel­schrau­ben­damp­fer. Mit Gal­gen­hu­mor nä­hern sich auch vie­le der Ka­ri­ka­tu­ris­ten, de­ren Wer­ke im LA8 aus­ge­stellt sind, den tech­ni­schen Er­run­gen­schaf­ten ih­rer Zeit. Künst­ler wie Wil­helm Busch, Ho­no­ré Dau­mier oder der Karls­ru­her Hein­rich Kley ran­gen um ei­nen an­ge­mes­se­nen Um­gang mit der Ma­schi­ne – die Karikatur er­wies sich als idea­les Me­di­um, um das un­gläu­bi­ge Stau­nen, die Be­geis­te­rung, aber auch die Be­fürch­tun­gen der Zeit­ge­nos­sen auf den Punkt zu brin­gen. Man ahn­te, hoff­te, fürch­te­te, dass der Sie­ges­zug der Ma­schi­ne nicht auf­zu­hal­ten sein wür­de. Und doch war die tie­fe­re Be­deu­tung die­ser Ent­wick­lung nur schwer zu fas­sen. Fluch und Se­gen schie­nen all­zu nah bei­ein­an­der­zu­lie­gen.

Sprach­lich qualmt das Dampf­ross wei­ter

Um die Ei­sen­bahn geht es auf et­li­chen der über 200 Ein­zel­blät­ter aus pri­va­ten und öf­fent­li­chen Samm­lun­gen, die im Zu­sam­men­spiel mit his­to­ri­schen Tech­nik­ob­jek­ten in Ba­den-Ba­den ge­zeigt wer­den. Die Ei­sen­bahn, die in Deutsch­land 1835 auf der Stre­cke Nürnberg-Fürth ih­re of­fi­zi­el­le Pre­mie­re fei­er­te (in Ba­den roll­ten die ers­ten Zü­ge 1840 zwi­schen Mann­heim und Hei­del­berg), ver­half auch ein­fa­chen Men­schen zu ei­ner nie zu­vor ge­kann­ten Mo­bi­li­tät. Frei­lich tak­te­te sie zugleich ihr Le­ben neu: Wer zu spät kam, für den war der Zug ab­ge­fah­ren. Rück­sicht auf die Be­dürf­nis­se ein­zel­ner war nicht vor­ge­se­hen, wie ei­ne Li­tho­gra­fie von Dau­mier zeigt. Und die Ei­sen­bahn ve­rän­der­te nicht nur die Le­bens­ge­wohn­hei­ten und die ge­sell­schaft­li­che Men­ta­li­tät, son­dern auch das Ge­sicht gan­zer Städ­te und Land­schaf­ten. Zu­dem soll­te sie zu ei­nem gro­ßen Mo­tor der In­dus­tria­li­sie­rung wer­den. Ma­schi­nen in Fa­b­ri­ken, auf Glei­sen, auf dem Was­ser, auf den Stra­ßen und schließ­lich so­gar im ei­ge­nen Heim – für die Men­schen des 19. Jahr­hun­derts be­deu­te­te das Ent­las­tung, aber im­mer auch ein we­nig Ent­eig­nung: „Die tech­ni­sche Re­vo­lu­ti­on trat mit der Macht des Fak­ti­schen auf“, ur­teilt Matthias Win­zen, der Di­rek­tor des Mu­se­um LA8: „Sie schuf in kur­zer Zeit voll­kom­men neue, sich per­ma­nent wei­ter er­neu­ern­de Le­bens- und Ar­beits­ver­hält­nis­se“. Es ha­be sich ein Spalt auf­ge­tan zwi­schen der ra­san­ten Tech­nik­ent­wick­lung und der sich zö­ger­lich vor­tas­ten­den kul­tu­rel­len Deu­tung. Will hei­ßen: Man wuss­te nicht recht ein­zu­schät­zen, wo­hin die Rei­se mit der Ma­schi­ne ging: Ins Pa­ra­dies oder eher in Rich­tung Apo­ka­lyp­se? Wie soll­te man die Ma­schi­ne über­haupt ein­ord­nen? Als ei­ne von In­ge­nieur­hand ge­schaf­fe­ne Form des Ar­beits­pfer­des? Als himm­li­sche (oder wo­mög­lich früh­so­zia­lis­ti­sche) Er­lö­sung von der Müh­sal kör­per­li­cher Ar­beit? Als Fre­vel an der Na­tur? Die Ant­wor­ten der Ka­ri­ka­tu­ris­ten wa­ren oft mehr­deu­tig, mit Iro­nie ge­würzt oder ins Gro­tes­ke über­stei­gert. Selbst die eu­pho­ri­schen un­ter ih­nen lie­ßen ihr Pu­bli­kum sel­ten ver­ges­sen, dass auch im Pa­ra­dies ei­ne Schlan­ge lau­ert. Oder ei­ne ei­ser­ne Spin­ne im Schie­nen­netz. Und doch, so die Bot­schaft der Aus­stel­lung: Der Karikatur sei in die­ser ver­zwick­ten La­ge ei­ne ge­ra­de­zu „pa­ra­do­xe kul­tu­rel­le In­te­gra­ti­ons­leis­tung“ge­lun­gen: „An­nä­he­rung durch Ab­leh­nung“. Mit Spott und schrä­gen Ver­glei­chen mach­te sie sich die Ma­schi­ne zu eig­nen: als Feu­er spei­en­den Dra­chen, als schnau­fen­den Stier oder – bis heu­te im Sprach­ge­brauch

„An­nä­he­rung durch Ab­leh­nung“

ver­brei­tet – als Dampf- oder Stahl­ross. Als ge­löst sieht Matthias Win­zen das Miss­ver­hält­nis zwi­schen ei­ner ex­po­nen­ti­ell be­schleu­nig­ten Tech­nik­ent­wick­lung und der kaum nach­kom­men­den ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen Deu­tung je­doch bis heu­te nicht. Im Ge­gen­teil. Gera­de dar­in, so der Mu­se­ums­chef, be­ste­he „die Ak­tua­li­tät un­se­res Tech­nik und Kunst ver­knüp­fen­den The­mas aus dem 19. Jahr­hun­dert.“Die di­gi­ta­le Re­vo­lu­ti­on lässt grü­ßen.

„Schaff­ner! Schaff­ner! Hal­ten Sie in Got­tes Na­men an. Ich ha­be ei­ne Ko­lik! – Un­mög­lich?…? Die Ver­wal­tung ver­bie­tet das!?… aber in zwei­ein­halb St­un­den sind wir in Or­léans!“Karikatur von Ho­no­ré Dau­mier in: Le Cha­ri­va­ri, 1843, Li­tho­gra­fie, Ho­no­ré-Dau­mier-Ge­sell­schaft.

Die Ei­sen­bahn als Spin­ne: Karikatur ei­nes un­be­kann­ten Ur­he­bers in: Punch or the Lon­don Cha­ri­va­ri, Holz­stich, 1865, Slg. D. An­te. Bil­der: aus der Aus­stel­lung im LA8, Ba­den-Ba­den

Fri­sche Luft für Fuß­gän­ger, Schnau­ferl, in: Fi­ga­ro, Hu­mo­ris­ti­sches Wo­chen­blatt, Holz­stich, 1904

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.