Su­che nach Wir-Ge­fühl

Karls­ru­he ist Stadt der Hei­mat­ta­ge Ba­den-Würt­tem­berg

Der Sonntag (Mittelbaden) - - ERSTE SEITE - Tho­mas Liebs­cher

Ge­ra­de ein Jahr Pau­se gönn­te sich das of­fi­zi­el­le Karls­ru­he, da hat die Stadt schon wie­der ei­nen An­lass ge­fun­den, um auf sich auf­merk­sam zu ma­chen. Zu­min­dest in Ba­den-Würt­tem­berg: Für die Hei­mat­ta­ge des Lan­des ist die al­te ba­di­sche Haupt­stadt 2017 der Gast­ge­ber. Bei Karls­ru­hes 300. Stadt­ge­burts­tag wur­de 2015 or­dent­lich ge­klotzt, um die ei­ge­ne Ge­schich­te und ei­ne mög­lichst at­trak­ti­ve Ge­gen­wart her­vor­zu­he­ben. Das neue Er­eig­nis wird um ei­ni­ges be­schei­de­ner da­her­kom­men. Un­ter an­de­rem, weil nach den Ge­burts­tags­fei­ern ein grund­sätz­li­cher städ­ti­scher Ein­spar­kurs ver­ord­net wur­de. Für die seit 1978 all­jähr­lich statt­fin­den­den Hei­mat­ta­ge Ba­den-Würt­tem­berg gibt es ei­nen Lan­des­zu­schuss von 365 000 Eu­ro. Karls­ru­he will ins­ge­samt ei­ne Mil­li­on Eu­ro aus­ge­ben, um nach Bad Mer­gen­t­heim im Vor­jahr und vor Wald­kirch (2018) das Ver­ständ­nis für Hei­mat mal in ei­ner groß­städ­ti­schen Ver­si­on zu ver­tie­fen. Üb­li­cher­wei­se rich­ten mit­tel­gro­ße Städ­te oder gar Städ­te­ver­bün­de die Hei­mat­ta­ge aus. So prä­sen­tier­ten sich Bruch­sal 2015 oder Bühl 2011. Und das ziem­lich er­folg­reich, auch dank eh­ren­amt­li­chen En­ga­ge­ments. Ett­lin­gen (1994) und Bret­ten (1990) wa­ren eben­falls da­bei und mit Pforz­heim, Reut­lin­gen oder Ulm so­gar ver­ein­zelt Groß­städ­te. Für al­le Aus­rich­ter gilt, dass sie zwi­schen zwei Groß­er­eig­nis­sen im Früh­jahr und Herbst ei­ge­ne Ak­zen­te fin­den sol­len, um das Wir-Ge­fühl in Ba­den-Würt­tem­berg zu stär­ken, wie es in den Leit­li­ni­en des Hei­mat­ta­ges heißt. Karls­ru­he setzt un­ter Fe­der­füh­rung der Event-GmbH auf drei The­men­ge­bie­te: Hei­mat im Wan­del, Hei­mat im Netz und Hei­mat des Fahr­ra­der­fin­ders Karl Drais. Noch sind et­li­che Ver­an­stal­tun­gen nicht aus­ge­ar­bei­tet, das ge­druck­te Pro­gramm er­scheint im März. Si­cher ist: Vie­le kul­tu­rel­le In­sti­tu­tio­nen in der Stadt be­tei­li­gen sich mit ei­ge­nen Ide­en, um viel­fäl­ti­gen Ge­dan­ken über den so wich­ti­gen und schö­nen Be­griff Hei­mat ei­ne mo­der­ne Hei­mat zu ge­ben.

Selbst ein Alt­glas­con­tai­ner bei ei­nem Ein­kaufs­markt kann ein wich­ti­ger Treff­punkt sein, um mit Leu­ten des ei­ge­nen Stadt­teils zu­sam­men­zu­kom­men. Nicht mehr der Lin­den­baum bil­de ei­nen Mit­tel­punkt von Hei­mat, son­dern solch pro­fa­nen Plät­ze. Das er­fuhr Alex­an­dra Kai­ser von ei­nem Wol­farts­weie­rer, als sie Ein­woh­nern und den Bür­ger­ver­ei­nen von Karls­ru­he fünf sys­te­ma­ti­sche Fra­gen stell­te. Sie woll­te er­fah­ren, was ei­nen Stadt­teil aus­macht, um ei­ge­ne Iden­ti­tät zu ent­wi­ckeln und Hei­mat zu wer­den. Die Lei­te­rin des Pfinz­gau­mu­se­ums Dur­lach no­tier­te zu­dem den dm-Park­platz in der Ost­stadt als nicht zu un­ter­schät­zen­den Be­geg­nungs­raum. Für Gröt­zin­ger ge­hört die Eis­ma­rie un­be­dingt zum Stadt­teil, al­so der som­mer­lich auf­ge­stell­te Eis­wa­gen. Na­tür­lich kön­nen Lo­ka­le zu ei­ner In­sti­tu­ti­on wer­den, die man ein Le­ben lang ins hei­mat­li­che Herz schließt, et­wa die „Trau­be“in Dur­lach. „Ganz häu­fig wur­de auch die Na­tur als ent­schei­dend für ei­ne Stadt­tei­li­den­ti­tät ge­nannt, al­so der Rhein oder der Turm­berg“, be­rich­tet die Mu­se­ums­lei­te­rin. Alex­an­dra Kai­sers Um­fra­ge fließt in zwei Ausstellungen ein, die sie zu den 2017 in Karls­ru­he statt­fin­den­den Hei­mat­ta­gen Ba­den-Würt­tem­berg kon­zi­piert hat. Un­ter dem Ti­tel „Karls­ru­her Hei­ma­ten“wer­den Denk­an­stö­ße zu ei­nem be­deu­tungs­schwan­ge­ren Be­griff ge­ge­ben. Ab En­de April

Dop­pel­aus­stel­lung zu „Karls­ru­her Hei­ma­ten“

geht es im Stadt­mu­se­um Karls­ru­he in fünf Aus­stel­lungs­ka­pi­teln um Hei­mat su­chen, Hei­mat fin­den, Hei­mat bau­en (wie es ver­trie­be­ne Deut­sche et­wa in der Kirch­feld­sied­lung ge­tan ha­ben), Hei­mat zer­stö­ren so­wie Hei­mat in­sze­nie­ren und in­stru­men­ta­li­sie­ren. Im Pfinz­gau­mu­se­um Dur­lach ver­tieft man sich par­al­lel in die Karls­ru­her Stadt­tei­le und ih­re Be­son­der­hei­ten. Lo­ka­le Sym­bo­le sind da­für un­ver­zicht­bar. Man­che Zei­chen oder Na­men ent­wi­ckeln ei­ne ho­he Be­deu­tung. In Dax­lan­den bei­spiels­wei­se ist es der „Schlau­cher“. Im Mu­se­um der Dur­la­cher Karls­burg wird dem­nächst je­ne Schlau­cher­fi­gur aus Holz von Marco Ga­lea­ni zu se­hen sein. „Um die Fi­gur gab es 2004 hef­ti­ge Aus­ein­an­der­set­nicht zun­gen, nach­dem die städ­ti­sche Kunst­kom­mis­si­on un­ter Bür­ger­meis­ter Ei­den­mül­ler die Auf­stel­lung der Fi­gur auf dem Dax­lan­der Schlau­cher­platz auf­grund der Richt­li­ni­en ,Kunst im öf­fent­li­chen Raum’ un­ter­sag­te“, er­zählt Alex­an­dra Kai­ser.“Heu­te steht die Skulp­tur auf ei­nem Pri­vat­ge­län­de vor dem Schwar­zen Ad­ler. Wo­her der Spitz­na­me „Schlau­cher“kommt, ist üb­ri­gens nicht ganz ge­klärt. Aus Neu­reut er­scheint den Aus­stel­lungs­ma­chern das Re­zept des Sauer­es­sens ty­pisch, aus Rint­heim ei­ne Stadt­teil­hym­ne. Beim Be­griff Hei­mat den­ken vie­le zu­nächst an die Kind­heit und Ju­gend. An ei­nen Ort oder Raum, in dem Er­in­ne­rung re­kon­stru­iert wird und der des­halb als nicht mehr ver­än­der­bar er­scheint. Das Hei­mat­mu­se­um mit al­ten Din­gen macht viel­leicht die­se Kind­heit an­schau­lich. Selbst zu ei­ner so sta­ti­schen An­sicht von Hei­mat ge­hö­ren Freun­de, die man ge­won­nen hat und die viel­leicht fürs Le­ben blie­ben. Da­mit wird klar, dass Hei­mat im­mer mit emo­tio­na­ler Zu­ge­hö­rig­keit ver­bun­den ist. In der Hei­mat ent­stan­den so­zia­le und kul­tu­rel­le Prä­gun­gen. Aber Bin­dun­gen kann man neu knüp­fen, an wei­te­ren Wohn­or­ten. An ei­ner „Wahl­hei­mat“schätzt man, Men­schen mit dem ähn­li­chen Le­bens­stil zu fin­den. Die­sen Stil le­ben zu kön­nen, ist oft wich­ti­ger als der geo­gra­fi­sche Wohn­ort. Na­tür­lich müs­sen sich die Men­schen ei­ne Hei­mat mit be­stimm­ten Mi­lieus fi­nan­zi­ell leis­ten kön­nen. Hei­mat kann ein Sta­tus­sym­bol sein. Was pas­siert, wenn die tra­di­tio­nel­le Hei­mat da­ge­gen kei­ne wirt­schaft­li­che Zu­kunft oder Si­cher­heit mehr ver­spricht, ist klar: Men­schen flie­hen, viel­leicht in mehr oder we­ni­ger gro­ßen Grup­pen. Sie wa­gen den Auf­bruch ins Un­ge­wis­se. Oft müs­sen sie sich mit dem Sta­tus „un­erwün­scht“ar­ran­gie­ren und sich da­ge­gen durch­set­zen. Im Jahr 1924 grün­de­ten Karls­ru­her und Be­woh­ner des da­mals noch selbst­stän­di­gen Knie­lin­gen in Gröt­zin­gen die „Deutsch-Süd­ame­ri­ka­ni­sche Ko­lo­nie- und Han­dels­ver­ei­ni­gung Neu Karls­ru­he.“Ziel war es, der hei­mi­schen Not in Zei­ten von Ar­beits­lo­sig­keit und In­fla­ti­on zu ent­flie­hen. In Pa­ra­gu­ay woll­te man ein bes­se­res Le­ben be­gin­nen. In den Aus­wan­der­er­lis­ten fin­det man ty­pi­sche Knie­lin­ger Fa­mi­li­en­na­men wie En­gel oder Kö­nig. „Auf Schnell­damp­fern ge­lan­gen die rund 80 Karls­ru­her nach Süd­ame­ri­ka. Es stell­te sich aber her­aus, dass sie kei­nen rich­ti­gen Plan hat­ten. Je­den­falls klapp­te es in Pa­ra­gu­ay mit ei­ner An­sied­lung“, be­rich­tet Vol­ker Steck vom Stadt­ar­chiv Karls­ru­he. Die ers­ten von rund 165 Wirt­schafts­im­mi­gran­ten aus Ba­den lan­de­ten schließ­lich ganz im Nord­os­ten von Ar­gen­ti­ni­en. Dort konn­ten sie sich auf Wei­de­land an­sie­deln, das der Ge­sell­schaft Lie­big ge­hör­te, ei­nem Pro­du­zen­ten von Fleisch­ex­trakt. Das neue Ge­nos­sen­schafs-Dorf hieß des­halb nicht wie ge­plant Neu Karls­ru­he, son­dern Co­lo­nia Lie­big. Als in der Land­wirt­schaft er­fah­re­ne­re Ukrai­ner und Polen da­zu­stie­ßen, ging es mit dem Pro­jekt auf­wärts. Bis heu­te wer­den auch Pflan­zen für Ma­te-Tee an­ge­baut. Zum 50-jäh­ri­gen Be­ste­hen 1974 bat die Co­lo­nia Lie­big die Stadt Karls­ru­he um die Bau­plä­ne der Py­ra­mi­de am Markt­platz – so­wie Geld. Man woll­te als Er­in­ne­rung an die al­te Hei­mat der Grün­der­ge­ne­ra­ti­on ei­ne gleich gro­ße Ko­pie in Ar­gen­ti­ni­en bau­en. Fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung aus Deutsch­land gab es zwar kei­ne, aber die Plä­ne wur­den raus­ge­rückt. Al­so steht in der Co­lo­nia Lie­big seit 1976 ei­ne mo­der­ne Py­ra­mi­de als Teil des „Hei­mat­mu­se­ums“. In der Aus­stel­lung „Karls­ru­her Hei­ma­ten“wird das Pro­jekt der Mi­gran­ten von da­mals vor­ge­stellt. „Die ers­ten 14 Jah­re mei­nes Le­bens hat mich das Schimpf­wort Flücht­ling be­glei­tet. Bis noch Frem­de­re ka­men, die ita­lie­ni­schen Gas­t­ar­bei­ter“, sag­te Mi­gra­ti­ons­for­scher Wolf­gang Ka­schuba, ein Sohn von Su­de­ten­deut­schen, in ei­nem Ge­spräch mit „Spie­gel Wis­sen“. Wenn noch Frem­de­re kom­men, rück­ten die „et­was we­ni­ger Frem­den et­was wei­ter nach in­nen“, meint der So­zio­lo­ge. Ob Dax­lan­den, Karls­ru­he, Ba­den, Deutsch­land oder Eu­ro­pa – je­de Hei­mat hat ih­re Gren­zen. Die­se soll­ten ei­ner­seits durch­läs­sig sein, um nicht für die Ein­hei­mi­schen zum en­gen Zwangs­raum zu wer­den. Und an­de­rer­seits Men­schen auf­neh­men kön­nen, die al­te Hei­ma­ten mit fried­li­chen Hoff­nun­gen auf neue hin­ter sich las­sen muss­ten oder woll­ten. Die ge­mein­sa­me Auf­ga­be wä­re dann, Hei­mat zu ge­stal­ten. Was freund­li­cher klingt als „Hei­mat ver­tei­di­gen“. Das kann al­ler­dings auch nö­tig wer­den – ge­gen „An­grif­fe“durch Bau­sün­den oder Um­welt­zer­stö­rung. Und Hei­mat­kun­de mit Lob und Kri­tik ist im­mer ak­tu­ell, wenn sie neu in­ter­pre­tiert wird. Selbst wenn sie schu­lisch ver­steckt ist in MNK. So heißt je­nes Grund­schul­fach, in dem es um Hei­mat ge­hen kannt. MNK steht für Mensch, Na­tur, Kul­tur. Bei al­len Dis­kus­sio­nen um Hei­mat, soll­te man ih­ren sinn­li­chen Aspekt nicht ver­ges­sen, emp­fiehlt Mar­tin Wa­cker. Der Chef­or­ga­ni­sa­tor der ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Hei­mat­ta­ge in Karls­ru­he sieht sich da ver­wur­zelt, wo er selbst sein Ge­mü­se im Gar­ten an­baut, wo er Weiß­bur­gun­der und Schäu­fe­le ge­nießt und von Klän­gen an tra­di­ti­ons­rei­chen Or­ten fas­zi­niert ist. Wel­che das sind, ist bei Wa­cker wie Zehn­tau­sen­den na­tür­lich klar. „Die Gün­ther-Klotz-An­la­ge beim Fest und das Wild­park­sta­di­on.“

Fo­to: lie

Hei­mat kann ein Ort sein, ei­ne Land­schaft oder ei­ne Re­gi­on: Das his­to­ri­sche Ba­den-Schild steht am Mu­se­um Phil­ipps­burg.

Fo­to: Ger­ar­do Friedl­mei­er

Die Karls­ru­her Py­ra­mi­de in ge­nau glei­cher Grö­ße steht in ei­nem ar­gen­ti­ni­schen Dorf – als Er­in­ne­rung an die al­te Hei­mat. Ba­di­sche Aus­wan­de­rer lan­de­ten 1924 in ih­rem „Neu Karls­ru­he“.

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