Weih­nacht­scir­cus: Ein Blick hin­ter die Ku­lis­sen

Der Karls­ru­her Weih­nacht­scir­cus gas­tiert auf dem Mess­platz / Blick hin­ter die Ku­lis­sen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - ERSTE SEITE - Ekart Kin­kel Der Karls­ru­her Weih­nacht­scir­cus gas­tiert noch bis zum 8. Ja­nu­ar (nicht an Neu­jahr) auf dem Mess­platz. Ti­ckets un­ter (0 79 42) 7 83 16 22, von 10 bis 19.30 Uhr an den Zir­kus­kas­sen oder auf www.karls­ru­her-weih­nacht­scir­cus.de

Wenn Ke­vin Lep­pi­en ge­gen neun Uhr vor­mit­tags den Rech­ner in sei­nem mo­bi­len Bü­ro hoch­fährt, kann der Pres­se­spre­cher des Karls­ru­her Weih­nacht­scir­cus zu­min­dest noch ein paar Mi­nu­ten lang in al­ler Ru­he ar­bei­ten. „Zir­kus­leu­te sind doch eher Lang­schlä­fer“, sagt er mit ei­nem Schmun­zeln, „aber da­für ste­hen sie auch bis spät in der Nacht in der Ma­ne­ge“. All­zu lan­ge bleibt er an sei­nem klei­nen Schreib­tisch in der Ecke des Kas­sen­wa­gens al­ler­dings auch nicht un­ge­stört, denn schon bald klin­gelt das Te­le­fon qua­si im Dau­er­takt und dann nimmt der Öf­fent­lich­keits­ar­bei­ter mit freund­li­cher Stim­me die Kar­ten­be­stel­lun­gen der An­ru­fer ent­ge­gen. Ei­ne hal­be St­un­de spä­ter ist es mit der Ru­he oh­ne­hin vor­bei, denn dann kehrt rund um das gelb-ro­te Zir­kus­zelt auf dem Mess­platz das bun­te Zir­kus­le­ben zu­rück. Im Foy­er wer­den noch die letz­ten Pop­corn-Res­te von der Vor­stel­lung am Vor­abend be­sei­tigt so­wie die Vor­rä­te an den Es­sens­stän­den wie­der auf­ge­füllt und in der Ma­ne­ge be­gin­nen der­weil die ers­ten Ar­tis­ten be­reits mit dem täg­li­chen Trai­ning. Be­son­ders viel Zeit brau­chen in die­sem Jahr die Turn­a­kro­ba­ten der Trup­pe Fi­li­nov, die je­den Tag min­des­tens ei­ne St­un­de zwi­schen den bei­den rus­si­schen Schau­keln hin und her sprin­gen und da­bei im­mer wie­der klei­ne­re Kor­rek­tu­ren zur Ver­bes­se­rung ih­rer spek­ta­ku­lä­ren Show vor­neh­men. Re­la­tiv un­be­ein­druckt von den Flug­ein­la­gen sind die drei chi­ne­si­schen Künst­ler Ye Huang, Zhao Ling und Ren Ya­n­an nur we­ni­ge Me­ter ent­fernt be­reits mit Dehn­übun­gen be­schäf­tigt, denn bei den Ein­zel­auf­trit­ten als Ein­ra­dFah­re­rin, Schlan­gen­frau und Schlapp­seil­ar­tist wird je­der Mus­kel im Körper gleich mehr­fach be­an­sprucht. Und wäh­rend sich die Ar­tis­ten bei den vor­mit­täg­li­chen Trai­nings­ses­si­ons die Klin­ke in die Hand ge­ben, sitzt Ke­vin Lep­pi­en be­reits im Ver­kaufs­raum des Kas­sen­wa­gens und be­dient die war­ten­de Kund­schaft. Dass Zir­kus­leu­te wäh­rend der Spiel­zeit gleich meh­re­re Jobs auf ein­mal ma­chen, ist in der Bran­che üb­ri­gens durch­aus üb­lich. „Auf der ei­nen Sei­te spart man so Kos­ten für zu­sätz­li­ches Per­so­nal“, so Ke­vin Lep­pi­en, „aber auf der an­de­ren Sei­te wird da­durch auch der Zu­sam­men­halt der gan­zen Trup­pe ge­stärkt und je­der packt da an, wo es ge­ra­de klemmt.“Ein Mus­ter­bei­spiel für ei­nen Mul­tizir­kus­job­ber ist in die­sem Jahr üb­ri­gens ein­mal mehr Mi­la­no Kai­ser. Vor zwei Jah­ren stand der Spross ei­ner fünf­zehn­köp­fi­gen Zir­kus­fa­mi­lie beim Weih­nachts­zir­kus noch als Clown in der Ma­na­ge, in die­sem Jahr ist er als „Mäd­chen für al­les“Re­qui­si­teur, Auf­bau­hel­fer, Kar­ten­ab­rei­ßer, Rei­ni­gungs­kraft und Ge­trän­ke­wart in Per­so­nal­uni­on. Und auch die bei­den spa­ni­schen Spaß­ma­cher Jo­se Lu­is San­tos und En­ri­que Vaz­quez Ri­quel­me vom Ko­mi­ker­kol­lek­tiv „Jo­se Mi­chel Clowns“stel­len sich vor dem Be­ginn der Vor­stel­lun­gen so­wie in den Pau­sen in den Di­enst der All­ge­mein­heit und bie­ten mit bunt ge­schmink­ten Clown-Ge­sich­tern im Foy­er und auf den Rän­gen prall ge­füll­te Pa­pier­tü­ten mit ge­zu­cker­tem Pop­corn feil. Die Schmin­ke tra­gen sich die Clowns üb­ri­gens im Gar­de­ro­ben­wa­gen di­rekt hin­ter der Ma­ne­ge auf. Rund ei­ne St­un­de vor dem Be­ginn der Vor­stel­lun­gen sitzt dort Zir­kus­che­fin Mo­ni­ka Sper­lich vor dem Spie­gel und macht sich für ih­re täg­li­chen Auf­trit­te als Mo­de­ra­to­rin zu­recht. „Ein Weih­nachts­zir­kus ist im­mer wie­der ei­ne ganz be­son­de­re Her­aus­for­de­rung“, sin­niert Mo­ni­ka Sper­lich, denn je­des Mal müss­ten von neu­em Top-Ar­tis­ten für ein En­ga­ge­ment in der Fä­cher­stadt be­geis­tert wer­den. „Di­rekt nach dem Ab­bau des Zel­tes be­gin­nen des­halb auch die Vor­be­rei­tun­gen für die nächs­te Spiel­zeit“, er­zählt sie. So­bald Mo­ni­ka Sper­lich und Gio­van­ni Bia­si­ni um 15.30 Uhr das Pu­bli­kum be­grü­ßen, geht es im schlich­ten Back­s­tage-Be­reich dann zu wie im sprich­wört­li­chen Tau­ben­schlag. Sand­ma­ler Kha­lil Va­leev prä­pa­riert sein dy­na­mi­sches Ge­mäl­de für die Er­öff­nungs­se­quenz, die Kas­ka­deu­re Richard und Da­vid Wolf üben für ih­re ko­mi­sche Tra­pez­num­mer schon ein­mal Hand­stän­de auf der Me­tall­trep­pe und He Yuan bringt die Me­tall­schüs­seln für ih­re spek­ta­ku­lä­re Ein­ra­dShow in die rich­ti­ge Po­si­ti­on. Und vor dem Zelt geht Tier-Trai­ne­rin Fran­zis­ka Mi­che­let­ty-Fol­co mit ei­nem ih­rer schwar­zen Pfer­de noch ein­mal die rich­ti­gen Schritt­fol­gen für den Gang in die Are­na durch. Re­gel­rech­ter Hoch­be­trieb herrscht auch in der Da­men­gar­de­ro­be, denn die sechs Show­tän­ze­rin­nen der ös­ter­rei­chi­schen Tanz­grup­pe „Shad Per­for­mance Dan­ce­art“prä­sen­tie­ren sich dem Karls­ru­her Pu­bli­kum in sechs ver­schie­de­nen fan­ta­sie­vol­len Ko­s­tü­men. Die Ar­tis­ten ins rech­te Licht setzt wäh­rend der Auf­füh­run­gen üb­ri­gens Ja­kob Lämm­le.

Nachts ar­bei­ten, mor­gens aus­schla­fen

Auf meh­re­ren Rech­nern führt der Licht­tech­ni­ker von sei­nem ex­po­nier­ten Platz über dem Ein­gangs­be­reich die Licht­re­gie. Trotz der Com­pu­ter­tech­nik be­deu­tet das Aus­leuch­ten ei­ner Zir­kus­show auch noch sehr viel Hand­ar­beit, weiß Lämm­le, „denn wenn es we­gen ei­nes Stur­zes oder an­de­rer klei­ne­rer Pan­nen zu Ver­zö­ge­run­gen kommt, muss die Be­leuch­tung wie­der auf ei­nen be­stimm­ten Punkt zu­rück­ge­setzt und neu ge­star­tet wer­den“. Auch zwi­schen der Nach­mit­tags- und der Abend­vor­stel­lung sind dann noch ein­mal zahl­rei­che hel­fen­de Hän­de mit Auf­räu­men und Neu­auf­bau be­schäf­tigt. Und wenn Mo­ni­ka Sper­lich und Gio­van­ni Bia­si­ni ih­re Zu­schau­er nach dem gro­ßen Abend­fi­na­le kurz vor 23 Uhr ver­ab­schie­den, be­ge­ben sich die vier Tra­pe­zar­tis­ten der la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Grup­pe „Fly­ing My­ga“noch ein­mal in das Zir­kus­zelt und be­gin­nen mit der nächt­li­chen Trai­nings­ein­heit. „Ei­gent­lich pas­siert hier im­mer et­was Span­nen­des“, sagt Ke­vin Lep­pi­en, „aber ge­ra­de das macht ja schließ­lich auch den Reiz des Zir­kus­le­bens aus.“

Fo­tos (2): Kin­kel

Die „Jo­se Mi­chel Clowns“(hier En­ri­que Vaz­quez Ri­quel­me) sind nicht nur klas­si­sche Spaß­ma­cher. Vor dem Be­ginn der Vor­stel­lun­gen und in den Pau­sen bie­ten sie mit bunt ge­schmink­ten Ge­sich­tern im Foy­er und auf den Rän­gen Pop­corn feil.

Auch in die­sem Win­ter führt Mo­ni­ka Sper­lich ge­mein­sam mit Gio­van­ni Bia­si­ni durch das Pro­gramm des Karls­ru­her Weih­nacht­scir­cus. Hier sieht man die Zir­kus­che­fin vor dem Auf­tritt beim Schmin­ken.

Fo­tos (2): KWC

Ika­ri­sche Spie­le prä­sen­tie­ren die Los Her­ma­nos Ro­d­ri­quez aus Me­xi­ko.

Die so­ge­nann­te „Ho­he Schu­le“gilt als der höchs­te Schwie­rig­keits­grad der Reit­kunst. Die­se sehr sel­ten ge­wor­de­ne Dar­bie­tung prä­sen­tiert Fran­zis­ka Mi­che­let­ty-Fol­co mit ed­len Frie­sen in Frei­heits­dres­sur.

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