Sport­li­cher Ab­ge­sang auf den Dress­code

Das neue Mo­de­dik­tat ver­langt Fit­ness und Funk­ti­on – aber es gibt auch Ge­gen­ent­wür­fe

Der Sonntag (Mittelbaden) - - MODE & STIL - Su­san­ne Forst

Ame­ri­can Foot­ball – star­ke Jungs, wil­de Knäu­el aus Kör­per­tei­len, brei­te Schul­tern. So möch­te Frau wohl nicht aus­se­hen. Und doch, das Outfit sen­det kla­re Si­gna­le: mar­tia­lisch, Tes­to­ste­ron-ge­schwän­gert, ag­gres­si­ver Un­ter­ton: ein Look. Er hat Ein­zug in die Mo­de ge­hal­ten. Sei es für Män­ner oder, ein we­nig her­un­ter ge­schraubt, für Frau­en. Far­be wird oft aus­ge­spart, schwarz do­mi­niert. Mo­de mit Im­po­nier-An­mu­tung kommt als viel­deu­ti­ge Da­men­le­der­ja­cke auf den Markt oder als Man­tel mit be­acht­li­chem Schul­ter­brei­te­maß. Vo­lu­men schaf­fen auf­ein­an­der ge­leg­te Stof­fe. Mus­keln wer­den nach­ge­ahmt – aber auch ver­steif­te Puff­är­mel sug­ge­rie­ren Po­wer. Sport und Mo­de, wie geht das zu­sam­men? Schon im­mer ganz gut. Heu­te, im Kampf um Markt­an­tei­le, ist der Switch zwi­schen Kör­per­kul­tur oder schö­nem sport­li­chem Schein und Fa­shion all­ge­gen­wär­tig. Vor­bei die Zei­ten, als Karl La­ger­feld be­haup­te­te: „Wer Jog­ging­an­zug trägt, hat die Kon­trol­le über sein Le­ben ver­lo­ren.“Längst hat Cha­nel edels­te „Jog­ging­ho­sen“auf den Markt ge­bracht. Und ge­ra­de eben hän­gen Bein­klei­der in Tweed­an­mu­tung auf den Fens­ter­pup­pen in Cha­nel Shops. Und sie­he da, am Bein ha­ben sie ei­ne klei­ne in­te­grier­te Tasche – für die Kar­te, das Smart­pho­ne, das Mes­ser? Sieht aus, wie bei Wan­der­ho­sen ab­ge­schaut. Auch die Groß­stadt kann ein Dschun­gel sein. In Ham­burg hat An­ge­li­ka Ri­ley ge­nau hin­ge­schaut. „Sports/no sports“heißt die Schau, die im Mu­se­um für Kunst und Ge­wer­be das Ver­hält­nis von Sport und Mo­de, von Klei­dung und Klei­der­ord­nung un­ter die Lu­pe nimmt. Schö­ne Po­in­te, just in der eins­ti­gen und ge­ra­de wie­der frei ge­leg­ten Turn­hal­le des Hau­ses spa­ziert der Be­su­cher vor­bei an Fa­shion und Sports­we­ar, an his­to­ri­schen Ko­s­tü­men, an Zwit­ter­tex­ti­li­en und „Kunst­stü­cken“, die mit Ma­te­ri­al und Kör­per­for­men spie­len. Die „Kunst­stü­cke“et­wa von Yoh­ji Ya­ma­mo­to oder von Iris van Her­pen sind oft un­trag­ba­re Tei­le. Sie sind Ge­gen­ent­wür­fe zum Fit- und Funk­tio­nal-Dik­tat in Ge­sell­schaft und Mo­de. Jüngs­ter Trend im Kör­per­op­ti­mie­rungs-Wun­der­land: das Self­tracking, bei dem Kör­per­da­ten ge­sam­melt und aus­ge­wer­tet wer­den. Kon­se­quent in der Nut­zung neu­er Tech­ni­ken ist ein Her­ren-Trai­nings­an­zug, der Kom­pres­sio­nen bie­tet. Beim Trai­ning wer­den Mus­keln elek­trisch sti­mu­liert, Blue­tooth und ei­ne Smart­pho­ne-App steu­ern das Gan­ze. Die Ge­rät­schaf­ten, Bän­der und Gad­gets, die Tech­nik und Spie­le­rei sein kön­nen, tra­gen Män­ner und Frau­en auch als Ac­ces­soire. Von der Turn­ho­se zu Fa­shion und High­t­ec-Ac­ces­soire -– Dress­codes ha­ben sich schein­bar auf­ge­löst. Fi­del Cas­tro be­grüß­te so­gar den Papst oh­ne al­le Um­stän­de in der Jog­ging­ja­cke mit drei Strei­fen. Wer im Snea­k­ern, Turn­schu­hen, bei hoch of­fi­zi­el­len An­läs­sen auf­läuft, hat sich höchs­tens mit ei­nem Un­der­dog-Mo­dell ver­hau­en. Und ein Pail­let­ten­kleid mit Foot­ball-An­mu­tung und fet­tem Mar­ken­na­men löst – in der rich­ti­gen Szene – freu­di­ge bis leicht hys­te­ri­sche Tu­mul­te aus. Da wird schnell ver­ges­sen, dass einst bei­lei­be nicht je­des Klei­dungs­stück für bei­de Ge­schlech­ter gleich zu­läs­sig und der Sport, im Ver­bund mit tech­ni­schen Neue­run­gen, ge­ra­de für Frau­en ge­ra­de­zu be­frei­end war. Wer hat die Ho­sen an? Die­se Fra­ge sym­bo­li­siert den Macht­kampf um Rech­te und die Stel­lung der Frau in der Ge­sell­schaft. Nicht zu ver­ges­sen, die so­ge­nann­te Moral. Die steckt mit­un­ter in ei­nem klei­nen Stück Stoff, im Zwi­ckel. Je­nem Ein­satz im Schritt, der, beim Ba­den, so woll­te es der preu­ßi­sche „Zwi­ckel­erlass“aus dem Jahr 1932, Ein- und Durch­bli­cke an de­li­ka­ter Stel­le ver­hin­dern soll­te – und der über­haupt erst „an­ge­mes­se­ne“Ba­de­klei­dung de­fi­nier­te, aus­nahms­wei­se so­wohl für Män­ner als auch für Frau­en. Der Reit­sport, das Rad­fah­ren, das Ba­den oder das Ten­nis­spiel – sie bahn­ten Frau­en den Weg zu neu­en Frei­hei­ten und aus dem Kor­sett hin­aus. Beim Rei­ten trug die Ama­zo­ne früh ei­ne Hose. Al­ler­dings un­ter ei­nem Rock, der hoch ge­knöpft wer­den konn­te. Auch das Fahr­rad schrie förm­lich nach Al­ter­na­ti­ven zum lan­gen Kleid oder Rock. Die Bloo­mers, Pum­pho­sen, zu­nächst Aus­druck eman­zi­pa­to­ri­schen weib­li­chen Pro­tes­tes ge­schmäht, set­zen sich auf dem Zwei­rad durch. In Ham­burg spielt Ku­ra­to­rin An­ge­li­ka Ri­ley mit Rol­len­bil­dern wie einst der ver­stor­be­ne Mo­de­de­si­gner Alex­an­der McQueen. McQueens Nach­fol­ge­rin Sarah Bur­ton be­freit den Mann im 21. Jahr­hun­dert. Sie lässt ihn in den Her­ren­an­zug und ei­nen Rock, den Kilt, schlüp­fen. Im Ten­nis ent­stan­den früh Kooperationen zwi­schen Sport­lern, Sport­ar­ti­kel­her­stel­lern und De­si­gnern. Wenn Spie­ler wie Fred Per­ry oder Re­né La­cos­te nicht selbst ei­ne ei­ge­ne Mar­ke grün­de­ten mit Mo­del­len, die längst Eingang in die Mo­de ge­fun­den ha­ben. In­zwi­schen ha­ben sich die Ver­knüp­fun­gen ver­viel­fäl­tigt. Die Be­zie­hun­gen sind kaum mehr über­schau­bar. „Klas­si­sche“De­si­gner wie Hus­sein Cha­la­y­an ar­bei­ten mit Sport­ar­ti­kel­her­stel­lern zu­sam­men. Stel­la McCart­ney, die für tier­fa­ser­freie Mo­de steht, ko­ope­riert mit adi­das. Auch Yoh­ji Ya­ma­mo­to ent­wirft im­mer wie­der für das Her­zo­ge­nau­ra­cher Un­ter­neh­men. Der jün­ge­re ame­ri­ka­ni­sche De­si­gner Alex­an­der Wang gilt als Spe­zia­list für Hy­bri­des und die Ver­knüp­fung von Mo­de und Sports­we­ar, die auch un­ter dem Be­griff Ath­lei­su­re fun­giert und ger­ne funk­tio­na­le und smar­te Tex­ti­li­en mit Klas­si­schem ver­knüpft. Ver­stärkt kom­men Im­pul­se aus jün­ge­ren Sport­ar­ten wie Ska­ten oder der Mu­sik­sze­ne mit Hip-Hop und Rap. Prominente, Mu­sik­stars, Mar­ken­her­stel­ler und De­si­gner pu­schen sich ge­gen­sei­tig. Wie beim Wech­sel­spiel zwi­schen dem Rap­per JAY-Z sei­ner Frau, der Mu­si­ke­rin Beyon­cé, und dem De­si­gner

Edels­te Jog­ging­ho­sen von Cha­nel De­si­gner ar­bei­ten für Sport­ar­ti­kel-Her­stel­ler

Tom Ford. 2013 rapp­te Jay-Z, er brau­che kein Ecs­ta­sy, er „ro­cke“lie­ber Tom Ford. Bei der Tour trägt der Mu­si­ker ein Shirt mit der Auf­schrift „61 Tom Ford“. Der bringt, ein Jahr später ein Kleid mit ähn­li­cher „Front“auf den Markt, das wie­der­um Beyon­cé bei ih­ren Büh­nen­auf­trit­ten trägt – perfektes Mar­ke­ting rund um Mu­sik, De­sign und ein kur­zes Kleid: vol­ler Pail­let­ten, Gla­mour, halb Foot­ball­teil, wie das Schrift­bild zeigt, und be­duf­tet mit ei­nem Hauch Tes­to­ste­ron.

Haut­eng: Das hoch­e­las­ti­sche Abend­kleid ent­stand aus High­tech-Ma­te­ri­al, aus dem Spee­do nor­ma­ler­wei­se Schwimm­be­klei­dung her­stellt. Bei die­sem Up­cy­cling“Mo­dell wur­de Ma­te­ri­al aus der Über­pro­duk­ti­on von Schwimm­an­zü­gen ge­nutzt. Das La­bel From So­mew­he­re ko­ope­rier­te mit Spee­do. Fo­to: Forst

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.