Das ei­fer­süch­ti­ge Dia­bo­lo

Re­gis­seur und Pup­pen­spie­ler Mat­thi­as Be­cker er­weckt in der „In­sel“Ge­gen­stän­de zum Le­ben

Der Sonntag (Mittelbaden) - - SONNTAGSKINDER - Me­la­nie Schnau­fer

Ich bin Omar und ha­be noch nie­mals mit Pup­pen ge­spielt“, stellt der Sie­ben­jäh­ri­ge nach­drück­lich und mit em­pör­ter Mie­ne klar. Au­tos sind sein be­vor­zug­tes Spiel­zeug. Die Fra­ge nach Pup­pen­spiel löst ganz un­ter­schied­li­che Re­ak­tio­nen bei den An­we­sen­den aus. Die Äl­te­ren schwel­gen in nost­al­gi­schen Er­in­ne­run­gen an die Augs­bur­ger Pup­pen­kis­te, wäh­rend die Jün­ge­ren von lieb ge­won­ne­nem Spiel­zeug er­zäh­len, wel­ches die hei­mi­schen Kin­der­zim­mer be­völ­kert. Im Büh­nen­be­reich der „In­sel“, der Spiel­stät­te des Jun­gen Staats­thea­ters Karls­ru­he, wo sonst Stü­cke wie „Frerk, du Zwerg!“oder „Karls­son vom Dach“das jun­ge Pu­bli­kum be­geis­tern, wird aus­nahms­wei­se we­der ge­probt noch ge­spielt. Sie­ben Kin­der und ih­re Kul­tur­lot­sen sind der Ein­la­dung von Re­gis­seur und Pup­pen­spie­ler Mat­thi­as Be­cker ge­folgt. Sonst in ganz Karls­ru­he un­ter­wegs, um in Thea­tern und Mu­se­en Kul­tur zu er­le­ben, neh­men sie dies­mal an ei­nem ex­klu­si­ven Work­shop zum The­ma Ob­jekt­thea­ter teil. 2011 ins Le­ben ge­ru­fen, be­treut das Ge­mein­schafts­pro­jekt des Ba­di­schen Staats­thea­ters und der Stif­tung Hän­sel+Gre­tel mitt­ler­wei­le 84 Kin­der und ih­re Pa­ten. Grund­ge­dan­ke ist es, Kin­dern zwi­schen sechs und zwölf Jah­ren aus al­len Ge­sell­schafts­schich­ten ei­nen Zu­gang zu Kul­tur zu er­mög­li­chen – oder, wie es Pro­jekt­lei­te­rin Pe­tra Weß­be­cher for­mu­liert: „Zu zweit Din­ge ent­de­cken, die in Karls­ru­he kul­tu­rell pas­sie­ren“. Seit et­wa vier Mo­na­ten da­bei sind der neun­jäh­ri­ge Ak­bar und sei­ne Pa­tin An­ne. „Ich ha­be gro­ßen Spaß an Kul­tur“, ver­rät die 23Jäh­ri­ge. „Mit Ak­bar ha­be ich mich gleich gut ver­stan­den, da er ei­ne sehr of­fe­ne Art hat.“Be­geis­tert hat bei­de zu­letzt der Ro­bo­terWork­shop des ZKM. Auch Ak­bars Freund Omar hat ei­ne Kul­tur­lot­sin. Ger­ti ist seit Mai ver­gan­ge­nen Jah­res Rent­ne­rin und hat „ge­nau im rich­ti­gen Au­gen­blick in den BNN dar­über ge­le­sen“. „Als Kind hät­te ich mir ge­wünscht, so ei­ne Un­ter­stüt­zung zu be­kom­men“, sagt sie. Bernd ist eh­ren­amt­li­ches En­ga­ge­ment eben­falls wich­tig. Er und der zwölf­jäh­ri­ge Sa­mir ken­nen sich schon et­wa ein Jahr. „Ich le­ge Wert auf ein ab­wechs­lungs­rei­ches Pro­gramm“, er­läu­tert Bernd, der mit Sa­mir nicht nur in Thea­tern, Mu­se­en und im Zoo un­ter­wegs ist, son­dern im Som­mer ger­ne auch Fes­te wie das „Bri­gan­de-Feschd“oder „Das Fest“be­sucht. „Im Ob­jekt­thea­ter und Pup­pen­spiel geht es um ge­wöhn­li­che Ob­jek­te aus dem All­tag“, leitet Mat­thi­as Be­cker, der am Jun­gen Staats­thea­ter „Frerk du Zwerg“in­sze­nier­te, den Work­shop ein. „Wie kann man da­mit ei­ne Ge­schich­te er­zäh­len und Thea­ter ma­chen?“Viel­leicht kann ein Spiel Ant­wor­ten ge­ben: All­tags­ge­gen­stän­de, wild ver­streut auf drei Ti­schen. Was­ser­fla­schen, Gieß­kan­nen, Kof­fer, Bil­der­rah­men, Wal­nüs­se, Kü­che­nu­ten­si­li­en, Hu­la-Ho­op-Rei­fen, Klo­pa­pier, Stem­pel, Ta­cker, Be­sen und Kis­sen. „Ord­net die Sa­chen nach eu­rem ei­ge­nen Sche­ma. Die an­de­ren müs­sen ra­ten“, gibt Mat­thi­as Be­cker An­wei­sung. In Zwei­er­teams geht es nach­ein­an­der ans Werk. In­ner­halb von Mi­nu­ten wird nach Far­ben, Ma­te­ri­al oder den Zim­mern ei­ner Woh­nung sor­tiert. Doch auf den zwei­ten Blick er­zäh­len die Ge­gen­stän­de plötz­lich ei­ne Ge­schich­te. Das Ar­ran­ge­ment aus Blech­ei­mer, Gum­mi­ball und Ei ent­puppt sich als mensch­li­che Gestalt, von Ak­bar und Omar „Theo­dor“ge­tauft. Am Nach­bar­tisch plant das Grüpp­chen Wal­nüs­se ei­nen Aus­bruchs­ver­such, in dem sie sich mit­tels Toi­let­ten­pa­pier wag­hal­sig am Be­sen­stiel hin­ab­sei­len. „Nehmt euch die Zeit, die Din­ge an­zu­ku­cken – dann ver­wan­deln sie sich“, rät Mat­thi­as Be­cker und reicht ei­nen Re­gen­schirm wei­ter. Je­der lässt sich et­was an­de­res ein­fal­len: durch einfache Ges­ten ver­wan­delt sich der Re­gen­schirm nach­ein­an­der in ein schwin­gen­des Schwert, ei­nen Golf­schlä­ger, in ei­ne Flö­te, wird durch Auf- und Zu­span­nen zum flü­gel­schla­gen­den Vo­gel. „Wer hat ei­nen per­sön­li­chen Ge­gen­stand mit­ge­bracht?“, fragt der Re­gis­seur in die Run­de? Die neun­jäh­ri­ge Ale­j­na mel­det sich und zeigt ein Kunst­stück mit ih­rem Dia­bo­lo, ei­nem Jon­glier­ge­rät. Dann plat­ziert sie es in­ner­halb ei­nes mit Kle­be­band mar­kier­ten Qua­drats. Ak­bar legt sein gel­bes Mi­ni­onPlüsch­tier da­zu. „Es kommt ge­nau dar­auf an, wie ich die Sa­chen po­si­tio­nie­re“, ver­rät Mat­thi­as Be­cker. „So­bald ich die Dis­tanz ver­än­de­re, än­dert sich die Ge­schich­te.“Wäh­rend sich die Hand­stä­be des Dia­bo­lo und der Mi­ni­on eng an­ein­an­der ku­scheln, lie­gen die Halb­scha­len in ei­ni­gem Ab­stand. „Es sieht so aus, als wä­ren die Stä­be und das Ku­schel­tier Freun­de“, fin­det Marie. „Viel­leicht ist das Dia­bo­lo ei­fer­süch­tig“, ver­mu­tet Ale­j­na. Wie die Ge­schich­te wei­ter geht? Darf je­der in Ge­dan­ken selbst wei­ter­spin­nen. Ale­j­na packt ih­ren akro­ba­ti­schen Haupt­dar­stel­ler zu­rück in die Tasche. Zieht den Reiß­ver­schluss zu. Der Vor­hang fällt.

Wie könn­te der Re­gen­schirm noch ge­nutzt wer­den? Sa­mir muss sich was ein­fal­len las­sen. Das Ko­ope­ra­ti­ons­pro­jekt des Ba­di­schen Staats­thea­ters und der Stif­tung Hän­sel+Gre­tel möch­te Kin­dern zwi­schen sechs und zwölf Jah­ren aus al­len Ge­sell­schafts­schich­ten Zu­gang zu Kul­tur er­mög­li­chen. Mitt­ler­wei­le gibt es 84 Eh­ren­amt­li­che, die mit ih­rem Kul­tur­lot­sen­kind ein­mal im Mo­nat ins Thea­ter, in ein Mu­se­um, in den Zoo oder ins Ki­no ge­hen. Die Teil­nah­me ist für al­le kos­ten­frei.

Wer sich als Kul­tur­lot­se be­wer­ben möch­te, kann sich un­ter (0721) 72 58 09 28 oder per E-Mail pe­tra.wess­be­cher@staats­thea­ter. karls­ru­he.de an Pro­jekt­lei­te­rin Pe­tra Weß­be­cher wen­den.

Der Ei­mer bil­det das Ge­sicht, die Bors­ten des Hand­be­sens ste­hen für die Haa­re und das Ei dient als Na­se: Omar und Ak­bar er­schaf­fen aus All­tags­ge­gen­stän­den ei­ne mensch­li­che Fi­gur.

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