Nur schö­ner Schein?

Hin­ter den Fas­sa­den des Ba­rock

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Fo­to: bo/Mon­ta­ge: SO

In Ras­tatt ent­stand die ers­te gro­ße Ba­rock­re­si­denz am Ober­rhein. An­de­re Fürs­ten zo­gen in Karls­ru­he, Bruch­sal und Mann­heim bald nach. Ih­re Schlös­ser ent­stan­den in ei­ner prunk­lie­ben­den Zeit. Doch man soll­te nicht al­len Kli­schees trau­en, die über den Ba­rock kur­sie­ren

Ras­tatt, Karls­ru­he, Bruch­sal, Mann­heim – am Ober­rhein ist es nicht weit von ei­ner Ba­rock­re­si­denz zur nächs­ten. Auch das Ett­lin­ger Schloss, das Mark­grä­fin Si­byl­la Au­gus­ta von Ba­den-Ba­den (1675– 1733) als Al­ters­sitz dien­te, zeugt von ba­ro­ckem Prunk. Beim An­blick von Ba­rock­schlös­sern und ih­rer – so­weit ori­gi­nal er­hal­te­nen oder re­kon­stru­ier­ten – In­nen­aus­stat­tung scheint sich je­der Ge­dan­ke an „ed­le Ein­falt und stil­le Grö­ße“zu ver­bie­ten. Man kennt sie, die ex­al­tier­ten Schnör­kel und üp­pi­gen Ru­bens-Wei­ber, denkt an aus­schwei­fen­de Fes­te und par­fü­mier­te Hof­schran­zen. Die Jah­re zwi­schen 1580 und 1770 ge­nie­ßen nicht den bes­ten Ruf: „Ba­rock scheint schlicht das Zu­viel von et­was zu sein“, fasst Uta Co­bur­ger gän­gi­ge Vor­stel­lun­gen zu­sam­men. Wis­sen­schaft­ler pfle­gen Kli­schees je­doch zu hin­ter­fra­gen. „Ba­rock – Nur schö­ner Schein?“heißt ei­ne Son­der­aus­stel­lung der Mann­hei­mer Reiss-En­gel­horn-Mu­se­en, die Uta Co­bur­ger ku­ra­tiert hat. Die se­hens­wer­te Schau zeigt bis 19. Fe­bru­ar, dass das Zeit­al­ter mehr zu bie­ten hat als Pu­der, Pomp und De­ka­denz.

Die Epo­che ge­nießt nicht den bes­ten Ruf

Schö­ner Schein? Doch durch­aus. Auch in Mann­heim po­sie­ren ge­mal­te Ba­rock­fürs­ten mit wal­len­der Al­lon­ge-Pe­rü­cke – ei­ne „co­pie got­tes“darf eben nicht un­ter Haar­aus­fall lei­den. Und es fehlt nicht die dral­le Su­san­na im Ba­de, die ih­re nack­ten Brüs­te scham­haft vor dem Zu­griff der zwei lüs­ter­nen Al­ten zu ver­ber­gen sucht – die Ge­schich­te aus dem Al­ten Tes­ta­ment er­mög­lich­te es from­men Ba­rock­künst­lern, die Tu­gend der Keusch­heit zu prei­sen und gleich­zei­tig die Schau­lust ei­nes sin­nen­freu­di­gen Pu­bli­kums zu be­frie­di­gen. Al­ler­dings fin­den sich ne­ben Da­men mit „ba­ro­cken“Kur­ven auch zier­li­che Frau­en – das von der An­ti­ke in­spi­rier­te Schlank­heits­ide­al war im Ba­rock­zeit­al­ter al­le­mal kon­kur­renz­fä­hig. In Mann­heim wird der Ba­rock als Zeit­al­ter vol­ler Wi­der­sprü­che ze­le­briert – und als Epo­che, in der Auf­bruch­stim­mung herrsch­te. Die Schau hält man­che Über­ra­schung be­reit. Das Pro­gramm der Reiss-En­gel­horn-Mu­se­en ist am­bi­tio­niert. Frü­he­re Ba­rock-Aus­stel­lun­gen wid­me­ten sich ein­zel­nen Künst­lern, Gen­res und Phä­no­me­nen oder re­gio­na­len Kul­tur­land­schaf­ten. Die Gro­ße Lan­des­aus­stel­lung „Ba­rock in Ba­den-Würt­tem­berg“, die das Ba­di­sche Lan­des­mu­se­um 1981 im Bruch­sa­ler Schloss aus­rich­te­te, leg­te bei­spiels­wei­se ei­nen star­ken Fo­kus auf bil­den­de Kunst und Ar­chi­tek­tur. Die Mann­hei­mer Prä­sen­ta­ti­on ver­folgt ei­nen um­fas­sen­de­ren An­satz, be­zieht et­wa die Wis­sen­schaft, den Han­del, die Er­kun­dung fer­ner Wel­ten, das All­tags­le­ben, Krie­ge und Kon­fes­si­ons­kon­flik­te in die Be­trach­tung ein. An­hand von 300 Ex­po­na­ten und sechs Leit­the­men wer­den die wich­tigs­ten Cha­rak­te­ris­ti­ka des Zeit­al­ters her­aus­ge­teil­ten ar­bei­tet. Das Gan­ze auf staa­ten­über­grei­fen­der, eu­ro­päi­scher Ebe­ne, aber mit vie­len Brü­cken­schlä­gen in die rei­che Ba­rock­land­schaft vor der ei­ge­nen Haus­tür. So wer­den auch die Be­su­cher aus Karls­ru­he nicht ent­täuscht, die „ih­re“1715 ge­grün­de­te Fä­cher­stadt im Aus­stel­lungs­be­reich „Ord­nung“ pro­mi­nent plat­ziert fin­den. Und zwar in Nach­bar­schaft zur „Qua­dra­te­stadt“Mann­heim, zu Ras­tatt und Freu­den­stadt mit ih­ren re­gel­mä­ßi­gen Grund­ris­sen, aber auch zum gro­ßen Vor­bild Ver­sailles. Man sieht die Kup­fer­sti­che und Ra­die­run­gen im­mer wie­der gern – doch um sich mit Plan­städ­ten der frü­hen Neu­zeit zu be­schäf­ti­gen, müs­sen zu­min­dest Leu­te aus un­se­rer Re­gi­on nicht un­be­dingt nach Mann­heim fah­ren. Was den Aus- flug aber auf al­le Fäl­le lohnt, sind ei­ni­ge Ge­mäl­de – et­wa von Ru­bens, Rem­brandt und van Dyck. Und ganz be­son­ders die Ex­po­na­te, die den Ge­gen­satz von Wis­sen­schaft und Glau­ben, aber auch die Kon­flik­te des bild­ge­wal­ti­gen Ka­tho­li­zis­mus und des wort­ge­wal­ti­gen Pro­tes­tan­tis­mus re­prä­sen­tie­ren. Oft sind es klei­ne Ob­jek­te und De­tails, die Aha-Ef­fek­te her­vor­ru­fen – auch, weil uns das Le­bens­ge­fühl und die Vor­stel­lun­gen des Ba­rock so völ­lig fremd (ge­wor­den) sind. Der „Chris­tus ana­to­mi­cus“bei­spiels­wei­se. Die Wachs­fi­gur aus In­gol­stadt stellt den Ge­kreu­zig­ten dar – und der ist mit ei­ner auf­klapp­ba­ren Bauch­de­cke ver­se­hen. Öff­net man den Leib Chris­ti, er­blickt man ei­ne höchst mensch­li­che Ana­to­mie in­klu­si­ve Ge­därm. Das mag heu­te na­he­zu blas­phe­misch an­mu­ten, doch der ba­ro­cke Mensch kann­te dies­be­züg­lich kei­ne Skru­pel: Die Ana­to­mie war mit der Re­li­gi­on eng ver­bun­den und das per­fek­te In­ein­an­der­grei­fen der Or­ga­ne galt als Be­weis für das Wun­der der gött­li­chen Schöp­fung. Über­zeu­gen da­von konn­te sich das in­ter­es­sier­te Pu­bli­kum bei öf­fent­li­chen Sek­tio­nen – die Zer­glie­de­rung mensch­li­cher Leich­na­me wur­de als ge­sell­schaft­li­ches Er­eig­nis be­gan­gen. War­um al­so soll­te man die Men­sch­wer­dung Got­tes nicht auf dras­ti­sche Wei­se ins Bild set­zen? Was man mit­nimmt aus der Mann­hei­mer Aus­stel­lung: Dass das Ba­rock­zeit­al­ter strahlend und krie­ge­risch war, fromm und sinn­lich, ord­nend und zer­stö­rend, be­har­rend und ent­de­ckungs­freu­dig – ei­ne Epo­che der Wi­der­sprü­che und da­bei durch­aus vi­sio­när. Al­so längst nicht so ver­staubt, wie es der reich­lich auf die Pe­rü­cken der Herr­schen­den ge­streu­te Pu­der ver­mu­ten lässt. Er­fin­dun­gen wie das Fern­rohr, mit dem Ga­li­lei die Ge­stir­ne er­forsch­te, oder das Mi­kro­skop, mit dem van Lee­uwen­ho­ek die Bak­te­ri­en ent­deck­te, stam­men aus die­ser Zeit. Durch „neue Me­di­en“wur­den Nach­rich­ten so schnell ver­brei­tet wie nie zu­vor. Die äl­tes­te er­hal­te­ne Zei­tung, die „Re­la­ti­on“von 1609, ist in Mann­heim zu se­hen. Und Uh­ren, denn für den ba­ro­cken Men­schen, dem die Ver­gäng­lich­keit nur all­zu sehr be­wusst war, spiel­te die Zeit ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Ka­len­der

Blick aufs Ge­därm des Ge­kreu­zig­ten

das Jahr ein, hiel­ten re­li­giö­se und welt­li­che Fes­te fest, Ge­burts- und To­des­ta­ge, Zei­ten für die Aus­saat, Ern­te und den Ader­lass. Nicht zu­letzt weist die Mann­hei­mer Ba­rock-Aus­stel­lung dar­auf hin, dass so­gar die Zeit zeit­wei­se Glau­bens­sa­che war: Wäh­rend der Papst den Ka­tho­li­ken 1582 den ver­bes­ser­ten Gre­go­ria­ni­schen Ka­len­der ver­ord­net hat­te, hiel­ten die Pro­tes­tan­ten zu­nächst stur am al­ten Ju­lia­ni­schen Ka­len­der fest. Was in un­se­rer Re­gi­on be­mer­kens­wer­te Aus­wir­kun­gen hat­te: Das gan­ze 17. Jahr­hun­dert hin­durch war das ka­tho­li­sche Ba­den-Ba­den dem evan­ge­li­schen Dur­lach im­mer ein paar Ta­ge vor­aus.

Ba­rock­re­gi­on: Die De­cken­ma­le­rei­en in der Ett­lin­ger Schloss­ka­pel­le (heu­te Asam­saal) bie­ten ei­nen präch­ti­gen An­blick. Der be­rühm­te Fres­ken­ma­ler Cos­mas Da­mi­an Asam stell­te hier die Le­bens­ge­schich­te des Brü­cken­hei­li­gen St. Ne­po­muk dar, der in ka­tho­li­schen Län­dern sehr po­pu­lär war. © Stadt Ett­lin­gen, Fo­to: Leu­polz

Das „Still­le­ben mit Mu­sik­in­stru­men­ten, Glo­bus und Ar­mil­lar­sphä­re“(ein as­tro­no­mi­sches Ge­rät, auch „Welt­ku­gel“ge­nannt) mal­te im 17. Jahr­hun­dert Eva­ris­to Ba­sche­ni. Bild: © KHM–Mu­se­ums­ver­band Wi­en

Ei­nen „Chris­tus ana­to­mi­cus“zeigt die Wachs­fi­gur aus dem 18. Jahr­hun­dert. © Deut­sches Me­di­zin­his­to­ri­sches Mu­se­um In­gol­stadt, Fo­to: Micha­el Ko­wal­ski

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.